Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- Seite 582 (sequence 8)
- Language
- German
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S82 einen ganzen Stand in so niedriger Weise zu verdächtigen, das ist gewiß ein Vorgehen, welches bei manchen Parteien jetzt sehr beliebt sein mag, jüdisch aber im besten Sinne des Wortes ist es nicht. Dieser Vorgang ist aus dem Kehrichthaufen fremder Parteien gewachsen, welchen unsere „äußerste Linke" so gern und doch so schlecht nachäfft. Hat Jemand etwas gegen den Religionsunterricht — und er mag ja wie jede Einrichtung sicherlich verbesserungsbedürftig sein — so sage er es und beweise, was er sagt, aber eine solche gemeine Beleidigung, eine solche Pauschalverleumdung in die Welt zu schreien, zeugt von allem, nur nicht von jüdischem Gefühl. Mögen die Herrschaften ihre Streitigkeiten mit den Reichen in Israel ausfechten, wir wissen ja nicht, welche Motive sie dabei leiten, mögen sie Tempel-, Kultus- und andere Vorsteher werden, und sich in ihren Vereinen auslärmen, mögen sie von Genossenschaftswesen, Nationalfonds, Selbstbefreiung, Selbstbewußtsein „schw — efeln", aber die Schule und die Lehrer lasse man in Ruhe. Man hat die Erfahrung gemacht, und wir können sie bestätigen, daß Diejenigen, die so plötzlich ihr jüdisches Herz entdeckten, im Religionsunterrichte die Schwächsten waren, daß sie vom Ballast der hebräischen Sprache stets redeten, daß sie in der Synagoge nie zu sehen sind und doch immer den Mund voll nehmen, wenn es gilt, jüdische Schule und Kültuseinrichtungen zu verunglimpfen zur höheren Freude unserer Gegner. Wir haben gewiß immer den Gedanken verfochten: das Judenthum für das jüdische Volk, aber in Kultussachen sollte doch nur der niitsprechcn dürfen, der in diesen Angelegenheiten zu sprechen und zu wirken das Recht hat, nicht Derjenige welcher Erscheinungen der Zeit — und nicht die schönsten — in kindischer Weise auf das Judenthum überträgt. „Jüdisches Volk, erscheine in Massen", giebt es etwas lächerlicheres als diese aus sozialdemokratischen Wahlaufrufen entnommene banale Redensart? Wo ist es, dieses Massenaufgebot des jüdischen Volkes? Wo ist er, dieser Heerbann, den man zum Kampfe auffordert? Wo sind sie, die Bataillone jüdischer Kämpfer, die man hier aufrust? Das jüdische Volk soll in der Synagoge über die sittlichen Wahrheiten des Judenthums belehrt werden, im klebrigen sorge der Jude dafür, daß er mit seinem Nebenmenschen in Frieden lebe, damit er wenigstens nicht dazu beitrage, daß die wirthschaftliche Noth, welche ihn jetzt bedrückt, sich noch mehr ausbreite. Wollen aber die Herren wissen, wo die Gründe des heutigen Abfalls vom Judenthum zu suchen sind, so werden sie diese sicherlich in der Schule nicht finden. Hier werden die Kinder mit dem wahren Geiste des Judenthums bekannt gemacht, und der lehrt: „Haltet Frieden und rauf* euch nicht unter einander, da der Feind vor den Thoren steht." Abfall vom Judenthum wird vielmehr dadurch bewirkt, wenn man sieht, wie in Zeiten der Gefahr Juden sich unter einander zerfleischen, wie Haß und Neid und Zwietracht in unseren Reihen zersetzend wirken. „Haltet den Dieb", dieser Ruf, den ein Dieb ausstieß, um die Aufmerksamkeit von sich abzulenken, scheint mir auch von Jenen auszugehen, welche die Gründe der Abtrünnigkeit — bei den Lehrern suchen, während sie nur in nächster Nähe Nachschau halten müßten, um die Verderber des Judenthums zu finden. Jeder, dem es Ernst ist um die Verbesserung unserer Lage, wird sich mit Widerwillen von Jenen gbwenden, die nur schreien, in einer Zeit, in der mehr denn je Thatsachen beweise»«. Verbessert die Einrichtungen der Kultnsgemeittden. sorget besser für die Lage der Lehrer, kümmert euch um die Armen, führet dem Geiste der Zeit entsprechende Reformen ein in Kultus-, Schul- und Gelneindeangelegenheiten, aber dies geschehe innerhalb unserer Wände, ohne Gepolter, ohne jüdische Massen, ohne Wahlkomitees, ohne den ganzen Phrasenplunder der politischen Parteien. Mit einem Worte: spielet nicht im Judenthum Parlament, und am allerwenigsten österreichisches Parlament. Der bubenhafte Geist einer kleonischen Ochlokratie bleibe von unserem Judenthum fern: das sich gegenseitig Verdächtigen und in den Koth Zerren. Aber Leute, welche eine solche ungeheuerliche, Buben nachgesprochene Verleumdung aufstellen, die jüdische Schule bereite den Abfall vor, haben auf das Recht verzichtet, ernst genommen zu werden. Weil ein seuchtohriger Bube ein „nicht genügend" in Religion erhielt und deshalb seinen Lehrer beschimpfte, dürfen Leute, welche als die Netter des Judenthums sich so gern aufspielen, nicht mit Diesen ii» ein Horn stoßen. Leider ist die Sache unseres Judenthums bis auf die allergrünsten Triarier gelangt, und deren Geschrei schadet uns mehr, als der Lärm der antisemitischen Huronen. Irvri. Warum erleidet das Judenthum durch Mischehen Abbruch? Von Dr. med. Georg Joachim. >A eit 1875 ergiebt sich aus der Statistik ein beständiges Wachsen der Mischehen zwischen Inden und Christen; insbesondere sind es die Mischehen zwischen jüdischem Mann und christlicher Frau, deren durchschnittliche Jahresziffer von 108 auf 231 gestiegen ist. Von» rein politischen und inenschlichen Standpunkte aus begrüßt diese Thatsache jeder »vahrhaft Liberale mit Freuden. Das religiöse Moment lasse ich dabei zunächst außer Frage.') Nicht umsonst ist die Wuth der rassereinen Antisemiten über diese Mischehe«». Mögen sie fabulirei» von den Rassegegensätzen zwischen Ariern nnd Semiten. Es giebt etwas, das doch noch stärker ist als der gemeine Rasseninstinkt: das ist die echte, einzige, große Liebe. — Und was kann es schaden, wenn der Jahrhunderte lang auf dem Meere seiner Wanderfahrten herumgehetzte Jude sich verankert in dem festen Boden der autochthonen Völkerschaften, indem er sich in Liebe mit ihnen vereinigt! Trotz alledem können wir als Juden zur Zeit die Statistik der Mischehen nicht ganz befriedigt anschauen: ergiebt sich doch die Thatsache, daß das Judenthum als Ganzes durch diese Mischehen Abbruch erleidet, insofern als erstens die Kinder aus Mischehen meistens Christen werden, zweitens diese Kinder sich fast ausschließlich mit Christen verheiraten. Woher koinmt das? Sicherlich locken äußere Vortheile einen Theil zum Christenthum. Gerade so wie mancher Sprößling aus rein jüdischer ') Gerade dieses religiöse Element ist aber für uns das ausschlaggebende, das uns zwingt, im Interesse der Erhaltung des Judenthums — abgesehen von allen anderen Gründen — uns gegen die Mischehe zu erklären. Wir haben deshalb dem obigen Artikel nur darum Aufnahme gewährt, weil er. unzweifelhaft aus edlen und reinen Motiven hervorgegangen, doch besser als alle gelehrten Auseinandersetzungen gerade gegen die Mischehe spricht. Die Red.