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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-12-05 · Heft 49 (5.12.1902) · p. Seite 581

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 49 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
Seite 581 (sequence 7)
Language
German
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581 Stimmen dem sozialistischen Matador Ulrich unterlag. Und dabei hatte sich Feistmann nicht etwa als Mischmaschkandidat vorgestellt, sondern ausdrücklich in den öffentlichen Blättern erklärt, daß er der Freisinnigen Vereinigung Rickertscher Farbe seit ihrer Gründung angehöre. Nicht übersehen werden darf die Haltung der hessischen Presse, die, abgesehen von den wenigen ultramontanen Zeitungen, den gemäßigt-freisinnigen „Neuen hessischen Volksblättern", dem Ulrich'schen „Offenbacher Abendblatt" sowie dem demokratischen und dem sozialistischen Mainzer Blatte, fast durchweg auf diesen regierungsfrommen Nationalliberalismus eingeschworen ist. Diese Clique hatte, alle liberalen Grundsätze in den Wind schlagend, allenthalben das agrarische Mäntelchen umgehängt und sich reaktionär aufgeschminkt, wobei sie vor offenen und versteckten Angriffen ans die Juden, ihre ehemaligen Stützen, nicht znrückgeschreckt ist. Der „Darmstädter Tägliche Anzeiger", das gelesenste und leitende Parteiorgan, stellt den Mustertypus für solche gesinnungstüchtige Journalistik dar; er hat seit einiger Zeit eine außerordentliche Protestantische Inbrunst sich anerzogen und denkt nun in diesem Zeichen des entsetzlich gefürchteten Wachsthums des Centrums und des „jüdischen Freisinns" — welch letzterer freilich von dieser Art Presse todtgeschwiegeu, dann bespöttelt und jetzt endlich wie neugeboren widerwillig anerkannt wurde — alle „evangelischen" Kräfte zu einen. Aber gerade Diejenigen, die sich derart auf ihre gleichsam pateutirte christliche Gesinnung immer so viel zu gute thun, die antisemitischen Reformer und die egoistischen Agrarier, setzten ihnen bei diesem Beginnen den Stuhl vor die Thür. Abgesehen von dem alten verrathenen Führer Wolfskehl, der es über sich brachte, die Darmstädter agrarischen Nationalliberalen in offener Wahlversammlung zu empfehlen, scheinen die Israeliten im Großherzogthum Hessen es erkannt zu haben, daß sie, wenn sie nicht ihr Heil beim sozialen Radikalismus zu suchen und dort in der großen Masse unterzutauchen bereit sind, nur beim Liuksliberalismus ihr Recht verfochten finden — eine Einsicht, wozu die vielen Juden, die im benachbarten Frankfurt a. M. bei den gegenwärtigen Stadtverordnetenwahlen noch immer ans Herkommen und falscher Noblesse mit dem salonfähigen Nationalliberalismus gehen, obschon dieser dort theilweise direkt unter antisemitischem Kommando segelt, erst durch die eindringlichen Vorstellungen der karteüirten Demokraten und Fortschrittler nebst deren tödtlich gehaßter publizistischer Vertretung, der „Frankfurter Zeitung", angetrieben werden müssen. Nun, man muß jetzt gespannt sein, wie die Verhandlungen im Ständehause an der Darmstädter Nheinstraße, in dessen Fenster der volksthümliche Großherzog Ludwig l. (gestorben 1830) von seiner 43 Meter Hoheit Monumentalsäule wie sinnend und besorgt hineinblickt, sich gestalten werden, nachdem die bislang mächtigste Partei dezimirt und entartet ist und sich mit Haut und Haar dem Rückschritt verschrieb, während der an Zahl schwache bäuerliche Antisemitismus mit der vielgeschinähten freisinnigen „Jndenschutztruppe" sicher in nicht zu ferner Zeit einmal recht scharf die Klingen kreuzen wird. k. Brief aus Oesterreich. — Ende November. eberall sehen wir jetzt den Radikalismus zum Durchbruch und Siege gelangen, sei es nun auf staatlichem, gesellschaftlichem oder litterarischem Gebiete. Kraft, Sturm und Drang sind die Kennzeichen unserer Tage, und wenn diese Erscheinungen nicht ans der Natur der Menschen und Dinge sich ergeben, thut man wenigstens so, als wäre man kräftig, stürmisch und drängerisch. Auch auf unser liebes altes Judenthum will man den moderner Radikalismus übertragen, auch hier möchte man äußerste Linke gar zu gern spielen. Immer wenn die Novemberstürme durchs Land fegen, und man lieber hinter dem^warmen Ofen sitzt, wird auch der sehr geschätzte Kultusgemeindewähler dazu eingeladen, seine Stimme für jene Kandidaten abzugeben, die dazu bestimmt sind, das Judenthum wieder einmal nach neuester Fa^on zu retten. Wo alles wählt, sollte der Jude nicht wählen, und wo alles radikal ist, sollte es der Jude nicht sein? Kurz gesagt: wir haben jetzt auch in unseren Kultusgemeinden Wahlbesprechungen, Oppositionsmänner, jüdische Luegers und Obstruktionisten, Versammlungssprenger und gewaltige Schreier, aber nicht vor den, Herrn. Sie sollten nur die Wahlaufrufe unserer „äußersten Linken" lesen, dieser Wighs, die so gern unsere Tories stürzen möchten! Da heißt es: „Wir verlangen für unsere Gemeinden Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts, zumindest schon die Kreirung des modernen Jntelligenzwahlrechtes." Ist diese Forderung nicht wirklich schön dem Jargon der sozialdemokratischen Partei entnommen? Aber hören Sie nur weiter, und Sie werden finden, wie herrlich weit wir es im Judenthum gebracht haben. Ich greise einen Punkt aus einem Wahlaufrufe heraus, der da verlangt, „daß das jüdische Volk in Massen bei den Wahlbesprechungen erscheine," nach großartigen sozialdemokratischen Mustern! „Wir verlangen, daß der jüdische Religionsunterricht ein solcher sei, daß in die Schule jüdischer Geist einziehe." Schön. — „Bisher war der Religionsunterricht" — und nun höre man — „eine Vorbereitung zum Abfall .. Doch es kommt noch besser. „Die heutige Auflösung ist zum großen Theil auf dieses Unterrichtssystem und die Gleichgiltigkeit der Gemeinde zurückzuführen." — Wir trauen unseren Augen nicht, wenn wir derartiges lesen. Wie, man duldet einen Religionsunterricht, der zum Abfall vom Judenthum vorbereitet? Wir haben uns gewöhnt, heute nichts mehr absonderlich zu finden, aber eine solche krasse Beleidigung eines ganzen ehrenhaften Standes, der unter den schwersten Bedingungen seine Pflicht erfüllt, haben wir noch nicht gelesen. Und so erklären wir denn im Namen aller jüdischer Religionslehrer diese Behauptung für eine bodenlose, bewußte Lüge. Es muß doch unseren Schreiern, die sich als ein „Central- Wahlkomitee" bezeichnen, bekannt sein, welche die Ursachen des so betrübenden Abfalls vom Judenthnm sind. Uns imponiren Schlagworte, auch die von jüdischen Massen und Nationalisten, nicht, wir haben den Muth, diesen Leuten, die fürs Judenthum nichts geleistet haben, höchstens daß sie ihre brüllenden Stimmen in Versammlungen hören ließen, entgegenzutreten. Weil irgend ein Jüngelchen, dem der Religionslehrer unsanft auf die'Finger klopfte, vom Judenthum abfiel, da er eS schon früher für praktischer besunden, einer Religionsgenossenschaft anzngehören, die ihm das materielle Fortkommen sicherte,

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