Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- Seite 580 (sequence 6)
- Language
- German
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580 schneidigen Herrn von Liebermann von Kassel bis zum Odenwalds.längst'überschritten ist. Zwar schickt der Regieruugsbezirk Kassel noch für vier seiner acht Bezirke Mitglieder der „Deutschen Resormpartei" in den Reichstag (zum Landtag nach Berlin übrigens blos einen, den noch dazu konservative Frondeure in den Sattel hoben), während im Großherzogthum, und zwar, was bemerkenswert!), nur aus dem „norddeutschen", nämlich nordmainischen Kreis Oberhessen, zwei Reichstagsabgeordnete derselben Fraktion gewählt wurden. Aber in den letzten" viereinviertel Jahren seit der Geburt des derzeitigen Reichstags ist in allen zwei Brutstätten aufgewiegelter, auf die jüdischen Mitbürger abgelenkter Volksleidenschaft der ungeschminkte Antisemitismus als nackte Parteifarbe arg zurückgegangen, woneben freilich der andere politische Konzentrationen ankränkelnde, sogenannte „latente" mannigfach wirksam geworden ist. Dafür bieten die jetzt übersehbaren hessischen Landtagswahlen lehrreiche Beispiele. Bis zu seiner vorigen Session überwog in der Darmstädter zweiten Ständekammer die nationalliberale Partei bei weitem; so stellte sie auch das ganze Präsidium, und die Minister — Finger und Weber — obwohl nach gemeindeutschem Brauche offiziell nur Beamte und nicht Parteimänner, waren ihr znzurechnen. Die Regierungspartei selbst machte ihrem liberalen Namen alle Ehre, auch im Punkte ihrer Stellungnahme zur sogenannten Judenfrage. Einer ihrer Hauptführer, der Millionär Wolfskehl, war lange und unangefochten, obwohl selbst Israelit (seine einzige Tochter heirathete einen Leutnant althessischen Adels), erwählter Vertreter der Hauptstadt und Kammerpräsident. Alle Versuche von antisemitischer Seite, die Staatsbehörden gegen die Israeliten scharf zu machen oder den Landtag zu entsprechenden Resolutionen zu veranlassen, scheiterten. Da zog bei der vorigen Neuwahl eine gewisse „frische Luft" in den Landtagssaal und auch in die dominirende Partei. Die genannten beiden alten Minister traten zurück und wurden durch zwei bisherige Bürgermeister ersetzt, die den wiederholten antisemitischen Aspirationen auf Eindämmung der jüdischen Parität im Richterstande nicht mehr Halt und Widerstand boten, obwohl der eine der „neuen Männer", Finanzminister Gnauth, bis dahin Gießens Stadtoberhaupt, in seiner Eigenschaft als „freireligiös" ein Unikum unter den deutschen Staatsministern bleibt. Die Nationalliberalen mauserten sich gleichzeitig insofern, als sie ihren ersten Repräsentanten, den Juden Wolfskehl, fallen ließen, der auch ans das Abgeordnetenmandat resignirte und sich vom aktiven politischen Leben zurückzog; an seinen Platz kam der gut agrarisch verläßliche Nechts- Nationalliberale Haas, Geheimer Negierungsrath und zu allem willfährig. Dafür traten nun in die Ständeversammlung neben ein paar Sozialdemokraten und neuen enragirten Centrumslenten etliche handfeste Agrarier antisemitischen Anhauchs nebst einigen Nur-Antisemiten. In dieser „judenreinen" Volksvertretung, wo der Freisinn arg an die Wand gedrückt war, und die sozialistischen Wortführer Dr. David-Mainz (kein Israelit) und Ulrich-Offenbach sich auf andere Mißstände und Beschwerden kaprizirten, hatten die neu eingezogenen reaktionären Elemente leichtes Spiel, und die stutzig gewordenen Nationalliberalen rückten^) aus Angst, noch mehr ins Hintertreffen zu gerathen, sogar weiter nach rechts. Ihr Lohn dafür ward im Oktober beziehungsweise November 1902 die Abkehrweiter bürgerlicher Kreise von ihnen einerseits, indem die Haupt- und Residenzstadt zum ersten Male zwei auch sozialdemokratischerseits befürwortete Deutschfreisinnige, den Fabrikanten Langenbach und den Buchhändler Säng, zu den Männern ihres Vertrauens erkor gegenüber dem eigenen Oberbürgermeister und einem Amtsrichter, bei denen man keine Widerstandskraft gegen die aufdringlichen agrarischen und reaktionären Gelüste fand, und auch die oberhessischen Städte Friedberg und Alsfeld (im Reichstage erstere durch den rechtsnationalliberalen Agrarier Graf Oriola, letztere durch den fanatischen Antisemiten Bindewald vertreten) verlor der Nationalliberalismus an zwei Deutschfreisinnige aus den Wahlkreisen selbst. Die Antisemiten hingegen eroberten von den Nationalliberalen, deren langjähriger Parteigenosse Backes in Darmstadt-Land durch einen agrarischen Bauernbürgermeister ersetzt wurde, Gießen-Land (Gießen-Stadt hielt der vieljährige freisinnige Abgeordnete Justizrath Gutfleisch, ein energischer Abwehrer antijüdischer Verunglimpfungen wider die Antisemiten), und in Dieburg-Großumstadt entschieden die Nationalliberalen unter beweglicher Anrufung des Instinkts evangelischer Gemeinsamkeit in der Stichwahl gegen das Centrum zu Gunsten eines rabiaten antisemitischen Bauern, nachdem die Anhänger des letzteren anderenfalls die Wahl durch Brüskirung der nationalliberalen Wahlmänner zu vereiteln gedroht, beide gegnerische Richtungen aber das Entgegenkommen der bisher herrschenden Partei durch höhnisches Ableugnen eines zwischen Centrum und „Reformern" geschlossenen Abkommens verspottet hatten. Neben diesen Bankerott des Nationalliberalismus, der sich vor etwa einem Jahrzehnt unter vollster Selbsterkenntniß seines hergebrachten Titels „Hessische Fortschrittspartei" entäußerte, haben wir noch einige interessante Begleiterscheinungen der diesmaligen Landtagswahl in dem allezeit durch religiöse Toleranz ausgezeichneten Lande der Dynastie Philipps des Großmüthigen zu stellen. Da ist zunächst die Thatsache, daß der Linksliberalismus in Darmstadt den Juden hereingebracht hat, den der Nechtsliberalismus gestrichen, genauer gesagt, dem Anstürme der Reaktion geopfert hatte: an Stelle Wolfskehls ist jetzt der Freisinnige Langenbach getreten, ein vielfach verdienter und in seinem Wohn- und Wahlort allbeliebter Bürger, gegen den der gemeinsame Aufruf der „Deutschen Reformpartei" und der Christlich-Sozialen weiter nichts Schlimmes anzuführen wußte, als daß er eben Jude sei. Und diese ungeheuerliche Thatsache genügte diesen netten Zwillingsbrüdern, um in den säuern Apfel zu beißen — die gehaßten Nationalliberalen zu unterstützen, nachdem sie anfangs zur Stimmenthaltung geneigt hatten. Aber selbst diese Hilfe der Hölle rettete das lecke Schiff nicht, sondern der freisinnige Israelit siegte da, wo noch nie ein christlicher Parteigenosse die Triumphfahne hatte aufpflanzen dürfen, und das, obwohl der ganze antisemitische Heerbann, wie mit seinen 4500 Stimmen bei der letzten Reichstags-Stichwahl, den mit den agrarischen Rückschrittlern verbündeten Nationalliberalen beisprang. Nock merkwürdiger ging es in dem vielumstrittenen, wenn auch seit Jahren der Sozialdemokratie sicheren Offenbach zu: hier vereinigten sämmtliche Parteien, sogar das Centrum (durch seinen schlagfertigen Führer Rechtsanwalt v. Brentano) und — kauni zu glauben! — die Antisemiten durch Agitation, Wahlversammlungen und Stimmenabgabe sich auf einen Israeliten, Fabrikant und Stadtverordneter Louis Feistmann, der eS so auch zur höchsten Ziffer brachte, die seit langem einem bürgerlichen Bewerber zngefallen und nur um wenige hundert