Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- Seite 579 (sequence 5)
- Language
- German
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579 T- ,st sie stände. Wollen wir das Beste hoffen. Sie erinnern sich dessen, daß. was die Sklaverei in unserem eigenen Lande betrifft, es gerade vor dem Anbruche des Tages am dunkelsten war und so ist es in vielen anderen Fällen und bei vielen anderen Nationen gewesen. Die Vereinigten Staaten sind nicht ohne Schuld an der Behandlung einiger ihrer Bürger gewesen, aber sie haben ihr Unrecht in großem Maßstabe gutgemacht und werden es bald vollständig thun. Wollen wir dasselbe für Rumänien erhoffen. Die Rumänen, mit denen ich bekannt bin, sind Männer von hohem Charakter, und ich kann nicht glauben, daß sie sich rechtlichen Maßregeln zur Verbesserung der Lage ihrer jüdischen Mitbürger widersetzen werden. Was die von Ihnen vorgeschlagene Methode anbetrifft, so will ich darüber Nachdenken, und wenn sich eine Gelegenheit bietet, dieselbe anzuwenden versuchen, obgleich ich fürchte, daß es kaum möglich sein wird, es zu thun. Mit vielen freundschaftlichen Grüßen an Ihre Familie und Sie selbst sowie mit meinen ernstlichsten Wünschen sür die gute Sache, die Ihr Brief unterstützt, verbleibe ich aufrichtig der Ihrige (gez.) And. D. White. Schade, daß nicht alle maßgebenden Staatsmänner Europas von demselben Sinne für Recht und Gerechtigkeit beseelt sind wie Herr A. D. White; sonst würden die Bestimmungen des Berliner Vertrages längst auch in Rumänien. Makedonien und Armenien ausgeführt seien. — Mit dem im Briefe des Botschafters erwähnten „Roumanian Bulletin" ist eine Aufzählung der vielen Gesetze gemeint, die in Rumänien seit 20 Jahren erlassen worden sind, um die Erwerbsfähigkeit der rumänischen Juden einzuschränken und deren Kinder von den öffentlichen Schulen fernzuhalten. Auch das Schreiben, mit dem der amerikanische Staatssekretär Hay in hebräischer Sprache auf die Begrüßung des Rev. Duboiv von Evansville geantwortet hat, schließt sich obiger Erklärung würdig an. Es lautet in deutscher Uebertragung: „Mann Gottes! Ich erhielt deinen Brief und war erfreut, daß! meine Thätigkeit für deine verfolgten Brüder im Königreich Rumänien ^bei dir Anerkennung gefunden hat. Friede mit dir und deiner Gemeinde B'nai Mosche. Ich bete zu l Gott, daß er alle deine Brüder in Evansville in allen ihren Bemühungen, den körperlichen wie den geistigen segne, und daß der Gott des Friedens mit dir sei in Ewigkeit. Ich bleibe dein Freund! John Hay." Die in den sieben englischen Kolonien Australiens!l»i vorigen Jahre stattgehabte Volkszählung giebt auch über die Religion der Bevölkerung Australiens werthvolle Auf- I schlösse. Zwar war die Ausfüllung der Rubrik über die 1 Religionsangehörigkeit nicht obligatorisch, dennoch können die »Listen auch in dieser Hinsicht als zuverlässig betrachtet werden, da loie Religionsangehörigkeit selten, von den Juden aber fast nie, verleugnet oder verschwiegen worden ist. Von den 5 544 434 Einwohnern Australiens haben nur 60 419 die betreffende iRubrik unausgefüllt gelassen, 8010 haben sich als freireligiös »bezeichnet, während 22 747 die Angabe der Religion ausdrücklich Irbgelehnt haben. Das Ergebniß der Statistik in Bezug auf I ne Juden ist nun, daß ihre Zahl in Australien seit der letzten »Volkszählung im Jahre 1891 nicht zu genommen hat. In j;anz Australien einschließlich Neuseeland gab es im Jahre 901 16 841 Juden, d. h. die Juden bilden nur 0,38 Prozent Iber Gesammtbevölkerung. Eine absolute Zunahme weisen Idie Juden von Neu-Seeland auf, wo sie von 5 447 im Jahre 891 auf 6447 im Berichtsjahre gestiegen sind. Relativ ist U ie Zahl der Juden aber auch hier zurückgegangen, indem sie on 0,49 im Jahre 1891 auf 0,48 Prozent der Gesammtbevölkerung ii» Jahre 1901 zurückging. In Victoria ging die jüdische Bevölkerung mit 5897 — 0,50 Prozent gegen die Volkszählung von 1891 sogar um 562 absolut zurück. In Queensland betrug die Zahl der Juden 733 — 0,15, in Südaustralien 786 -- 0,22, in Westaustralien 1259 -- 0,70, in Tasmania 107 — 0,06, und endlich in Neuseeland 1612 — 0,21 Prozent der Gesammtbevölkerung. Man ersieht daraus, daß Australien noch ein großes Feld sür eine planvoll organisirte jüdische Emigration bietet. Eine größere Anzahl jüdischer Emigranten würde dem in Stagnation gerathenen australischen Judenthum auch frisches jüdisches Leben zuführen, was sehr nothwendig wäre. Einstweilen sieht eS mit dem Judenthum der australischen Juden recht traurig aus, was schon durch die Ueberhandnahme der Mischehen bewiesen wird. In Neu- Südwales waren 29,88 Prozent aller Juden verheirathet, gegen 34,39 Prozent der übrigen Bevölkerung. Von den 1923 verheiratheten Juden und Jüdinnen wurden nur781 reinjüdische Ehen geschlossen, d. h. nur 1562 Angehörige der jüdischen Religion haben unter einander geheirathet, der Rest von 361 Personen jüdischen Glaubens — 15,7 Prozent hoben Mischehen geschloffen, indem 253 Juden Christinnen und 106 Jüdinnen Christen aller Konfessionen geheirathet haben. „Jüdisches" von den jüngsten hessischen Landtagswahlen. > den anderwärts in Deutschland herrschenden Ver- ^8^4^ Haltnissen interessant vergleichbar, aber auch an und für sich höchst bemerklich erscheint der Ausfall einer jüngst abgeschlossenen parlamentarischen Ergänzung. Im kleinsten der sogenannten Mittelstaaten des deutschen Reiches, im Großherzogthum Hessen, sind die Erueuerungswahlen zur zweiten Ständekammer zu Ende gegangen, ohne daß in einem weiteren Umkreise von der sauberen Residenzstadt Darmstadt aus viel Notiz davon genommen wurde. Und doch steckt in ihrem Verlaufe wie in ihren Resultaten irr vielerlei Hinsicht gar viel Typisches. Wir wollen hier ihre allgemeine politische Bedeutung nur so weit streifen, als sie unser besonderes „jüdisches" Interesse berührt. Beide Hessen, nämlich der Regierungsbezirk Kassel der preußischen Provinz Hessen-Nassau, das heißt das ehemalige „Kurhessen", als auch das Großherzogthum, bildeten seit fast anderthalb Jahrzehnten den Hauptherd der antisemitischen Volkswühlerei, und zwar, wenn man die Ergebnisse der Wahlen für die Parlamente als richtigen Gradmesser ansieht, mit ziemlichem Erfolge. Außer dem deutschen Lande mit der relativ und fast auch absolut winzigsten Judenziffer und trotzdem dem wildesten und praktisch eingreifendsten „Rischus", dem Königreich Sachsen, erreichte die Partei des lungenkräftigen Ritters Liebermann von Sonnenberg eben nur innerhalb der beiden Hessen einen einigermaßen erklecklichen Fraktionszuzug. Diese Früchte der zügellosen Hetzagitation reifen nun freilich seit ein Paar Jahren mühsamer, sowohl im preußischen als im großherzoglichen Heffenlande. Und die soeben vollzogenen Landtagswahlen im letzteren bekunden unzweifelhaft in mancher Hinsicht deutlich, daß der Höhepunkt der Husarenritte des *1 Aktuelle Betrachtungen eines Eingeweihten.