Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 Kolperteur die Waffe zu entreißen, und während dieses Kampfes um das Messer erhielt der Kolporteur eine ca. 10 Millimeter tiefe Wunde in den Nucken, welche aber in ihrer Heilung nicht normal verlief und den jetzt noch Rekonvaleszenten ca. ein viertel Jahr ans Bett fesselte. Der Gymnasiast B. wurde, gleich nachdem der Vorfall publik wurde, vom Gymnasium entlassen. Am 21. d. M. fand nun vor der Strafkammer der Prozeß statt. Der Angeklagte bestreitet, dem p. Müsset den Messerstich vorsätzlich beigebracht zu haben, behauptete vielmehr, daß sich jener die Verletzung nur zugezogen haben könne bei dem Ringen, welches zwischen ihnen beiden stattgesunden habe, als Müsset ihm das Messer habe entreißen wolle. Der Gerichtshof hielt durch die Beweisaufnahme aber für sestgestellt, daß eine vorsätzliche Körperverletzung nach 228, 223 a St.-G.-B. vorliege und erkannte unter Versagung mildernder Umstände auf eine Gefängnißstrase von drei Monaten. Darmstadt, 17. November. Heute hatten sich vor der Strafkammer- Amtsrichter Dr. Mahr, Rechtsanwalt Dr. Geßner, Oberrechnungsrevisor Reitzel, sämmtlich ans Darmstadt, und Hofbuchhändler Neitzel aus Cannstadt wegen Beleidigung zu verantworten. Sie haben am Abend des 7. August nach feuchtfröhlich verbrachten Stunden auf der Fahrt von Mainz nach Darmstadt den 20jährigen Kaufmann Julius Hirsch aus Großgerau gröblich beleidigt. Die Angeklagten, von denen die Herren Dr. Mahr, Geßner und Oberrechnungsrevisor Reitzel als Antisemiten bekannt sind, begrüßten den ihnen unsympathischen jüdischen Reisegefährte»! bereits, beim Eintritt in das Kupee mit Rufen wie: „Es riecht nach Knoblauch! Macht die Fenster auf!" Sodann fuhr ihn eitler der Viere an: „Wie können Sie es »vagen, bei uns einzusteigen, »vir wolle»» unter uns bleiben." Da Hirsch trotzdem blieb, war er nunmehr während der Fahrt bis Großgerau der Zielpunkt fortgesetzter Beleidigungen, zumeist antisemitischer Natur. So wetzte Dr. Mahr ein Messer an seiner Stiefelsohle und sagte dabei: „Nun »vollen »vir einmal anfangen zu beschneiden; soll ich bei dir (zu seinem Freunde gewandt) oder bei dein Jüngling (Hirsch) beginnen?" In der gleichen Tonart ging es weiter, und kurz vor Großgerät» meinte er: „Was wird sich das Rebeckche freue!" Hofbuchhändler Reitzel witzelte: „Wie kann man sich als Germane beschneiden lassen; ich hätte mich doch lieber unigebracht." Der andere Reitzel meinte: „Er ist ja gar kein Germane, sondern ein Semite." Rechtsanwalt Dr. Geßner betheiligte sich zwar nicht an den antisemitischen Redensarten der Uebrigen, rieth ihnen vielmehr ab, dafür aber drohte er dem Hirsch, der empört ausrief, er werde die Herren in Großgerau feststellen lassen und zur Rechenschaft ziehen: „Was wollen Sie denn überhaupt, es hat Ihnen ja Niemand etwas gethan, gehen Sie her, ich werde Ihnen einen Tritt versetzen." Hirsch verließ in Großgerau in furchtbarer Aufregung weinend das Kupee und veranlaßte den Stationsvorsteher, die Sistirung seiner Peiniger auf dem Bahnhof in Darmstadt vornehmen zu lassen. Das geschah auch auf telephonisches Ansuchen. Es konnte nicht in allen Punkten festgestellt werden, wer die verschiedenen Beleidigungen ausgestoßen hatte, »vohl aber ergab die Beweisaufnahme, daß Mahr und die beiden Neitzel unters Mahrs Führung sich an der eigenartigen Belustigung, die sie lediglich als Ausfluß einer übermüthigen Stimmung angesehen wissen wollten, betheiligt hätten, während Dr. Geßner nur die oben erwähnte Aeußerung zur Last fiel. Der Gerichtshof erachtete die Angaben des Hirsch, von einzelnen belanglosen Widersprüchen abgesehen, für glaubwürdig und kam aus sie hin zur Verurtheilung der vier Angeklagten. Amtsrichter Dr. Mahr erhielt als Rädelsführer eine Geldstrafe von 150 M. (15 Tage Gefängniß), Rechtsanwalt Dr. Geßner 70 M. (7 Tage Gefängniß), Oberrechnungsrevisor Reitzel 70 M. (7 Tage Gefängniß), Hofbuchhändler Reitzel 50 M. (5 Tage Gesängnib). Dazu wurden ihnen die Kosten des Verfahrens eimschließlich der dem als Nebenkläger auftretenden Julius Hirsch erwachsende»» nothwendigen Auslagen auserlegt. Oesterreich - Ungarn. Wien, 25. November. Wie alljährlich wurden auch Heuer am 11. d. M. für den Hof mehrere Gänse von der Preßbur gerisraelitisch en Kul t usg e n» e inde durch eine Deputation des dortigen Kultusvorstandes in der Hofburg überreicht. Die Deputation, in deren Gefolge sich auch eine Frau befand, überreichte in der kaiserlichen „Kammer" vier Gänse, wahre Prachtexemplare, die, mit Bändchen in den ungarischen Nationalfarben, roth-weiß-grün, reich geschmückt und rnit feinen weißen Linnen bedeckt, aus silberne Platten gelegt wurden. Die Herren der Deputation wurden später während der allgemeinen Audienzen vom Kaiser empfangen. — In der abgelaufenen Woche passirten abermals eine große Menge rumänischer Auswanderer die Grenze. Die Unglücklichen, die, aus der Heimath verjagt, einer unsicheren Zukunft entgegengehen, blicken dennoch gottvertrauend nach dem Lande hin, wo ihnen endlich nach langer Mühsal die Ruhe winkt und sie durch ehrliche Arbeit sich seßhaft zu machen hoffen; hier wurden sie gelabt und mit Geldmitteln versehen, und setzten diese Ausgestoßenen alsdann ihre beschwerliche Fahrt fort. — Der Kaiser hat dem Professor am Konservatorium Jakob Grün das Ritterkreuz des Franz-Josefs-Ordens verliehen. — Ernannt wurden hierzu außerordentlichen Professoren die Dozenten Dr. Alexander Fränkel (Chirurgie), Hermann Schlesinger (innere Medizin). AlbertBing (Ohrenheilkunde), Salomo n Klein (Augenheilkunde). — In Marburg wurden bei einem der zahlreichen dort existirenden Agitationsvereine größere Defraudationen entdeckt, die von einen» Mitgliede desselben verübt wurden; es erfolgte auch bereits die Verhaftung desselben; auch in der famosen Affäre der St. Wenzelskasse in Prag hat eine neuerliche Verhaftung, und zwar des Oberosfizials des Lottoaintes, stattgefunden. — Die Untersuchung in der Betrugsaffäre des früheren antisemitischen Abgeordneten Dr. Anton Löbl ist nunmehr abgeschlossen, und die Akten wurden bereits der Staatsanwaltschaft zur Fertigstellung der Anklage übergeben. Non Nah und Fern. ----- Dr. Otto Pniower, dem Kustos des Märkischen Museums in Berlin, der sich als Litterarhistoriker, besonders als Goethe-Forscher einen Namen gemacht hat, wurde der Prosessortitel verliehen. — Durch das tragische Ende des Malers Mos6, der sich im Juni d. I. zu Venedig erschossen hat, war an der Akademie der erste Michael Beer-Preis sür jüdische Maler aller Fächer frei geworden. Der Wettbewerb wurde daher für Michaelis 1902 03 von neuem eröffnet. Der Preis beträgt 2250 Mark zu einer einjährigen Studienreise nach Italien. Wie wir vernehmen, hat unter vier Bewerbern der 25 jährige Maler Nikolaus Schatten stein in Wien den Preis errungen. Ein von dem Künstler gemaltes Bild „In Untersuchungshaft" hat größere Beachtung gefunden und wurde vom Nationalmuseum in Krakau angekaust. — Am 19. d. M. ist hier der Verlagsbuchhändler Leonhard Simion im 60. Lebensjahre gestorben. Derselbe war lange Vorsitzender der Korporation der Berliner Buchhändler und Handelsrichter. — In Dobrzyco (bei Pleschen) ist am 12. v. M. im 67. Lebensjahre verstorben der Stadtkämmerer und Schöffe Benjamin Wolfs. Der Verstorbene hat bis zu seiner im Jahre 1900 erfolgten Pensionirung 40 Jahre hindurch in städtischen Diensten gestanden und — ein Beweis des ihm geschenkten Vertrauens — auch die katholische Kirchenkasse und die Lehrerpenfionskasse verwaltet. In der Gemeinde bekleidete er das Amt eines zweiten Vorstehers. — In den anhaltischen Landtag ist Rechtsanwalt Cohn in Dessau gewählt worden. — Der König von Schweden und Norwegen hat den schwedisch-norwegischen Generalkonsul Max Baer in Frankfurt a. M. zum Komthur des königlichen Wasa-Ordens ernannt. — Antisemitische Blätter bringen die Nachricht, daß der bekannte ehemalige Univerfitätsprofessor Dr. August Rohling demnächst von Prag nach Wien übersiedeln und dort dauernden Aufenthalt nehmen wird. Merkwürdig! — Der französische Staatsrath wies die Beschwerde Joseph Reinachs gegen das Dekret vom 25. Juni 1898 ab, durch welches er des Ranges als Kapitän der Kavallerie im Generalstab der Territorialarmee verlustig erklärt wird. — Die französische Akademie hat den» Senator Paul Strauß in Paris wegen seiner Verdienste um das Wohlfahrtswesen den Tugeanpreis verliehen. — Einen historisch interessanten Fund machten jüngst Arbeiter des alten Brunnens am Elifford-Thurme zu Jork. Es handelt sich, wie die „Jork shire Post" bemerkt, um einen reichen Juwelenschatz, der sicherlich von einigen der 500 Juden, die von dem Mob zu Zeiten der Regierung Richard I. (Löwenherz) in Jork Castele belagert wurde»», von sich geworfen wurde. I»» den Annalen der englischen Geschichte bilden die Judenverfolgungen, besonders jene am Ende des 12. Jahrhunderts und die obige in Jork, wo die armen Opfer zunächst ihren Frauen und Kindern die Hälse durchschnitten, um sich -dann gegenseitig umzubringen, um dem raubgierigen Pöbel zu entgehen, einen unverlöschlichen Schandfleck. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.