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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-28 · Heft 48 (28.11.1902) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 48 (28.11.1902)
Date
1902-11-28
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 bekannte Sachverständige in der Glogauer Gerichtsverhandlung gegen Graf Pückler, und verschiedene Polizeioffiziere vernommen. Daran schloß sich das Plaidoher des Staatsanwalts, in welchem dieser aussührte, daß Graf Pi'ickler nicht als Spaßmacher aufzutreten beabsichtigte, sondern mit vollem Ernst seine Aufreizungen und Beleidigungen ausgesprochen habe. Er beantragte deshalb gegen Pückler ein Jahr Gefängniß und sofortige Verhaftung, gegen Bruhns 3 Monate, gegen Kirchner 100, Schimmelpfennig 200 und Weber 300 Mark Geldstrafe. Das Urtheil wurde heute verkündet. Es wurde wegen des ersten Falls ein neuer Termin auf den 29. d. M. angesetzt; wegen der beiden anderen Fälle wurde auf 300 respektive 700 Mark Geldstrafe für Graf Pückler, aus 100 Mark Geldstrafe für Weber, auf Freisprechung für Bruhns erkannt. e. Königsberg i. Pr., im November. Der Obersekretär der hiesigen Shnagogengemeinde, Herr Klein, hat in diesen Tagen, wie seit einer Reihe von Jahren, eine tabellarische Uebersicht über die Wirksamkeit der in hiesiger Gemeinde befindlichen Wohlthätigkeitsvereine und Institute gefertigt. — Hiernach betrug am Schluß des Jahres 1901 das Gesammtvermögen der Vereine und Institute 1360 375,94 Mk., die Gesammtsumme der gewährten Unterstützungen 100600,13 Mk. Die Jahresbeiträge der Mitglieder beliefen sich auf 28 272.85 Mk. Nimmt man dazu, daß die Gemeinde an direkten Beiträgen für das laufende Jahr 64 000 Mk. aufbringt, so stellt obiger Betrag an freiwilligen Spenden ein rühmliches Zeugniß für den in der Gemeinde herrschenden Wohlthätigkeitssinn aus. — Es bestehen in der hiesigen Gemeinde nachfolgende Stiftungen und Wohlthätigkeitsinstitute (Mitgliederzahl und Vermögen ist in den Klammern angegeben): Wohlthätige Gesellschaft (176 Mitglieder, 195 889.46 Mk. Vermögen), Verein für Krankenpflege und Beerdigung (Chewra Kadischa) (506, 96141,10 Mk.), Frauenverein zur Unterstützung israelitischer Wittwen und Waisen (329, 38 400 Mk.), Frauenverein für Krankenpflege und Beerdigung (Frauen Chewra) (571, 27 719,68 Mk.), Weiblicher Verein für israelitische Armenpflege (375, 23 700 Mk.), Feuerungsverein (120, 10 158,88 Mk.), Legatenkommission, Dr. Koschffche Legatenverwaltung (12 000 Mk.), Israelitisches Waisenhaus für Stadt und Provinz (340 hiesige und 102 auswärtige Mitglieder, außerdem 6 Synagogengemeinden und der Verband der Synagogengemeinden Ostpreußens, 338 613,12 Mk.), Dr. Kosch'sche Waisenerziehuugsanstalt (323 586,30 Mk.), Israelitisches Stift <193, 201715,18 Mk.). Studienbeförderungsverein für Ost- und Westpreußen (148, 63 739,39 Mk.), Bekleidungsverein für arme Zöglinge der Religionsschule (130,1008 Mk.). Hilssverein für kranke russische Israeliten (247, 20 334,23 Mk.), Pensionskasse für jüdische Religionslehrer und Kultusbeamte in Ostpreußen (219 hiesige und 220 auswärtige, außerdem 2 subventionirende Gemeinden und der Verband der Synagogengemeinden Ostpreußens, 7320.60 Mk.). 1^. Hannover, 20. November. Die Gemeinde Hannover gedenkt noch in Dankbarkeit und Verehrung ihres vor Jahresfrist verstorbenen verdienstvollen ersten Vorstehers Julius Kauffmanu. Am13. d. M, dem ersten Jahrzeitstage, wurde dem Verstorbenen die ihm von der Gemeinde errichtete NarÖvvok gesetzt. Während des Morgengottesdienstes war die Synagoge feierlich erleuchtet. Auf dem Friedhofe fand eine ernste Feier statt. Herr Landrabbiner Dr. Gronemann und Herr Senator Fischer widmeten dem Verstorbenen Nachrufe, die auf die Anwesenden einen sichtlichen Eindruck machten. — Am letzten Sonnabend während des Morgengottesdienstes fand in der Hauptsynagoge die Ermahnung der jüdischen Rekruten vor der Vereidigung von Seiten des Herrn Landrabbiners Dr. Gronemann statt. Bisher wurde dieselbe am Freitag Abend nach dem Gottesdienste vorgenommen, und wurde von dem größten Theile der Beter übersehen; in diesem Jahre ist auf Veranlassung des Herrn Senators Fischer eine mit Genugthuung zu begrüßende Aenderung eingetreten. Das Gotteshaus war festlich beleuchtet, und den jungen Kriegern, die in stattlicher Zahl erschienen waren, wurden die vordersten Bänke eingeräumt. Die Predigt des Landrabbiners war nur ihnen gewidmet nud war von Patriotismus getragen. Zu bedauern ist nur, daß nicht wie in früheren Jahren die Rekruten von einem Offizier, sondern wie es schon seit einigen Jahren der Fall ist, von einem Unteroffizier geführt werden. — Unsere Synagoge, die von dem früh verstorbenen Baurath Oppler in den Jahren 1864—70 erbaut wurde, das interessante Bauwerk, das mit seinem Formenreichthum von dem künstlerischen Geschick seines Erbauers Zeugt, ist gründlich renovirt worden. Die Nenovirung des Inneren der Synagoge - die Außenreuovirung wurde scholl im vorigen Jahre vollendet — hat über vier Monate in Anspruch genommen. Um die Anordnungen der Arbeiten hat sich der erste Vorsteher, Herr Senator Fischer, in hervorragender Weise verdient gemacht. Die im frühgothischen Stil aus geführte Synagoge, deren Aeußeres und Inneres eine harmonische Gesammtwirkung zeigt, gehört zu den Sehenswürdigkeiten und zu den Prachtbauten unserer Stadt. Sie bildet einen dreischiffigen Centralbau, der aus gelben Backsteinen mit Verwendung von weißem und rothem Sandstein ausgeführt ist. An der Westseite befindet sich eine offene Vorhalle zwischen zwei schlanken Thürinen. Von dieser Vorhalle, die von nenn auf Sandsteinfäulen ruhenden Kreuzgewölben überdeckt und mit ihren reichen Formen von vorzüglicher prospektivischer Wirkung ist, führen drei neben einander befindliche Thüren in das Innere des reich ausgestatteten Gotteshauses. Auch die nördlich und südlich vortretenden Seiten des Querschiffes sind je mit einer Eingangsthür versehen. Auf der Mitte des Gebäudes erhebt sich die achtseitige hohe Kuppel, deren Spitze in einer Höhe von 32 in mit einem Mögen David endigt; sie trägt wesentlich zu der imponirenden Wirkung des herrlichen Bauwerkes bei. Das Innere der Synagoge zeigt sich in erneuter Pracht, denn eine Neubemalung sämmtlicher Wand- und Gewölbeflächen hat stattgefunden; das Innere der Synagoge, die in allen ihren Verhältnissen in so feinfühlender und künstlerischer Weise durchgebildet ist, macht den Eindruck einer ernsten gottesdienstlichen Stätte, deren Anlage eine durchaus übersichtlich klare ist. Die Renovation mußte vorgenommen werden, weil durch die früher vorhanden gewesene Luftheizung, an deren Stelle eine Dampfheizung angelegt worden ist, eine Verräucherung des wirkungsvollen Raumes stattgefunden hat, wodurch die farbenreiche Bemalung in ihrer Gesammtwirkung bedeutend beeinflußt war. Gelegentlich dieser Renovation ist auch oben in der Mitte der Kuppel ein Beleuchtungsapparat angebracht worden, durch dessen elektrisches Licht nunmehr die Schönheit des Knppelranmes bei Abendzeit zur vollen Geltung gelangt. Die stilgerechte Neubemalung schließt sich der Architektur des Ganzen in ihrer Erhabenheit vorzüglich an und läßt erkennen, daß dieselbe im Sinne des Erbauers zur Ausführung gekommen ist. o. Dessau, 20. November. Am 13. d. M. starb hier der langjährige verdienstvolle Vorsitzende der Chewra Kadischa, Hofzahnarzt Georg Hirschfeld, der Letzte einer Familie, welche seit 217 Jahren in Dessau ansässig ist. Der Verstorbene, welcher wie mehrere seiner Vorfahren auch Mohel war. wurde erst im August d. I. vom Herzog von Anhalt mit den Ritterinsignien des anhaltischen Hausordens dekorirt. Im Nachlaß desselben fand man einen Schutzbrief für dessen Großvater aus dem Jahre 1817, ausgestellt von der Negierung des vormaligen Herzogtums Anhalt-Cöthen. Vertreter der Negierung und der Stadt Dessau, Deputationen der Freimaurerlogen von Leipzig und Dessau und eine kolossale Menschenmenge geleiteten den Verewigten zum Grabe, an welchem der Landesrabbiner Dr. Walter eine ergreifende Trauerrede hielt. 1. Detmold, 23. November. Am Abend des 20. Mai d. I. saßen mehrere Detmolder junge Kauflente im Bahnhossrestaurant. Ihnen gegenüber hatten einige Oberprimaner des Gymnasiums Platz genommen. Unter diesen befand sich der Gymnasiast Baldenecker, Sohn des Lippeschen Oberforstraths Baldenecker. Er fing, da er die jungen Kaufleute für Juden hielt, an, antisemitische Redensarten zu führen, hänselte die jungen Leute mit der Bemerkung, daß sie einem Stamme augehören, dem ein mehrtausendjähriges Bestehen die Nasseeigenthümlichkeit nickst hätte von dem Gesicht wegwischen können und dergleichen mehr. Die jungen Kaufleute fühlten sich durch diese Anrempelungen beleidigt, und einer derselben, mit Namen Schm., welcher nebenbeibemerkt (und das ist etwas Humor in dieser tieftraurigen Erscheinung) ein eifriges Mitglied des De ut sch n ati o n al e n Handlungsgehilfenverbands ist, stellte Baldenecker zur Rede, welcher aber statt einer Entschuldigung nur eine weitere Beleidigung zur Antwort hatte, worauf ihm Schm, einige kräftige Ohrfeigen verabreichte und sich dann entfernte. Wuthentbrannt folgte ihm B., um die ihm zugefügte Schmach zu sühnen. Der auf dem Bahnhof postirte Kolporteur einer Detmolder Buchhandlung, welcher den ganzen Vorfall verfolgt hatte, ging B. nach und bemerkte, daß derselbe eine Messer gezogen hatte. Er suchte nun auf den aufgeregten V. einzureden, um ihn zu veranlassen, das Messer einzustecken und sein Vorhaben aufzugeben. Als diesem Ansinnen B. keine Folge leistete, suchte ihm der

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