Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228522--59260-3295765- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 Vorstandsdameu wurden durch Akklamation wiedergewählt. An die Generalversammlung schloß sich sodann ein gemeinsames Abendessen, bei dem die Bedienung die Zöglinge des Mädchenhauses übernahmen und zur größten Zufriedenheit der Mitglieder durchführten. Berlin, 23. November. Zn unserem letzten Nepräsentantenberichte ist die Summe, welche Herr Handelsrichter Salomon Mosse der dritten Altersversorgungsanstalt zugewendet hat, falsch angegeben. Statt 6 000 Mark muß es 12 000 Mark lauten, der Höhe nach derjenigen Stiftung entsprechend, welche der genannte Wohlthäter gleichzeitig für das Hospital der Indischen Gemeinde errichten ließ. Der bedauerliche Jrrthum ist wiederum jener traurigen Akustik des Sitzungssaales zuzuschreiben, an deren Besserung die Kunst unserer Architekten bisher arg gescheitert ist. Der Vorsitzende der vorigen Sitzungsperiode hat auf nufer Ansuchen die Freundlichkeit gehabt, sobald Zahlen in Frage» kamen, diese vor der Beschlußfassung oder Genehmigung laut zu wiederholen. Wir erlauben uns, um derartigen Jrrthümern in Zukunft wirksam vorznbeugen, den gleichen Modus dem jetzigen Vorsitzenden zu empfehlen. 8. Berlin, 19. November. Heute Vormittag fand im Dräsel'schen Saal eine trotz einer an alle Glaubensgenossen gerichteten öffentlichen Aufforderung leider nur sehr schwach besuchte außerordentliche Generalversammlung des „V er ei ns zur Förderung der Interessen der israelitischen Taubstummen in Deutschland" statt, zu der sich auch in großer Zahl die hier in Berlin befindlichen taubstummen Mitglieder des Vereins eingefunden halten. Der zeitige Vorsitzende des Vereins, Herr Willy Oppenheimer, der noch der Sprache einigermaßen mächtig ist, berichtete, daß der Verein, der nunmehr seit sechs Jahren besteht, von den Taubstummen zur Hebung ihres geistigen und materiellen Wohles begründet worden ist, daß jedoch der Vorstand trotz der erdenklichsten Anstrengungen sich als zu schwach erwiesen hat, um allein den an den Verein gestellten hohen Anforderungen entsprechen zu können. In sehr beweglichen und rührenden Worten schilderte er alsdann die überaus traurige Lage seiner Glaubensbrüder und -Schwestern, denen gegenüber die christlichen Leidellsgenossen sich in einer bedeutend günstigeren Lage befinden. Werden sie doch nicht nur von gut fundirten Vereinen reichlich unterstützt. sondern es finden zu ihren Gunsten alljährlich Hauskollekten mit bestem Erfolge statt, und endlich fließen ihnen von der hohen Aristokratie alljährlich reichliche Spenden zu. Der Verein erstrebt nach seinem Statut in Berlin oder dessen nächster Umgebung ein Heim zu begründen, in welchem altersschwache, erwerbsunfähig gewordene Männer und Frauen Aufnahme finden können. Trotz sechsjähriger regster Bemühungen des Vereins betrügt der Baufonds erst die geringe Summe voll 802,83 M. Mit vollem Rechte lvies der Vorsitzende darauf hiu, daß der Andrang zu den jüdischen Altersversorgungsanstalteu ein so großer ist, daß Petenten oft Jahre lang warten müssen und, daß bei der Auswahl der Aufzunehmenden doch zweifellos die Vollsiunigen vor den Taubstummen den Vorzug genießen. Er lvies weiter darauf hin. daß die Taubstummen sich in einer solchen Anstalt unter Hörenden und Sprechenden unglücklich und sich und den übrigen Insassen zur Last fallen würden. Die Diskussion, die sich au diesen warmherzigen Appell anschloß, gestaltete sich trotz des geringen Besuchs der Versammlung sehr lebhaft. In eindringlichen Worten legte Rabbiner Dr. Eschelbacher, der dem Kuratorium des Vereins augehört, die Schwierigkeiten dar, welche die Taubstummen haben, um in der Gesellschaft fortzukommen, und erkannte lobend die tüchtige Leistung der Taubstummen an. die es in sechs Jahren aus eigener Kraft zu Stande gebracht haben, ein Vermögen von ca. 7800 M. anzusammeln, in welche Summe der eiserne Fonds von 3000 Mark inbegriffen ist, aus dessen Zinsen unbemittelte Taubstumme unterstützt werden. Eine Uebereinstimmuug in der Art des Vorgehens behufs Förderung des Vereins erbrachte die heutige Diskussion noch nicht. Während die Einen neben der Errichtung eines Heims für altersschwache Taubstumme nur die Ansammlung eines Fonds zur Unterstützung der Arbeitsunfähigen vorschlugen, legten die Anderen den Nachdruck darauf, mit dem Heim sofort eine Werkstätte zu verbinden, deren Arbeiten unschwer abzusetzeu sein werden. Ein sehr beachtenswerthes Moment brachte der ebenfalls dem Kuratorium angehörende Herr Theodor Löwenberg vor. Er berichtete, daß es den Andersgläubigen bereits mehrfach gelungen sei, die israelitischen Taubstummen ihrem Glauben abwendig zu machen, die sich um so eher zur Taufe entschlössen, als in der That ungemein viel für christliche und katholische Taubstumme gethan würde. So finden zum Beispiel allwöchentlich in Berlin Vorträge von evangelischen und katholischen Geistlichen statt, zu denen sämmtliche in Berlin befindliche Taubstumme eingeladen werden. Der Redner verlangte mit vollem Recht, nicht nur ein Gleiches für die jüdischen Taubstummen anzustreben, sondern auch der Taubstummen sich seelsorgerisch anzunehmen durch Einrichtung eines Gottesdienstes. Er erwähnte, daß die Gemeinde Breslau, wo seit zwei Jahren ein Zweigverein mit ordentlichen Mitgliedern besteht, alljährlich 300 Mark dem Verein bewilligt, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß auf das jetzige wiederholte Gesuch sich endlich auch die Berliner Gemeinde entschließen werde, mit einer größeren Summe dem löblichen Beispiele Breslaus zu folgen. Der Direktor der israelitischen Taubstummenanstalt zu Neu-Weißensee, Herr M. Reich, bezeichnet die Schwierigkeiten zur Errichtung einer Heimstätte als gar nicht so groß, da allein durch die Beiträge der Angehörigen der Taubstummen ein beträchtlicher Fonds für die lebenslängliche Unterbringung derselben zusammengebracht werden würde. Mannigfache Vorschläge wurden in der Diskussion noch vorgebracht, um die Mittel zur Förderung des Vereins zu beschaffen. Es wurde u. a. angerathen, zur Vermehrung der Arbeitsgelegenheit eine Verbindung mit dem Verein selbständiger jüdischer Handwerker wie auch mit dem von den Logen errichteten jüdischen Arbeitsnachweis anzubahnen. Nach dem Vorschläge Ejchelbachers wurde beschlossen, alle Wünsche und Anregungen dem neu zu bildenden Komitee zu überweisen, in welches bereits namhafte Persönlichkeiten eingetreten sind und als dessen Grundstock das augenblicklich bestehende Kuratorium gelten soll. Dem aus diesem Komitee zu wühlenden geschüftsführenden Ausschuß soll es dann obliegen, die gegebenen Anregungen möglichst bald in die That umznsetzen. — So weit der Versammlungsbericht. Die Ziele, die der Verein sich gesteckt hat. sind, wie ersichtlich, nicht unerreichbar, und alle Diejenigen, die sich des Besitzes ihrer Sinne erfreuen, haben in der That die ganz besondere Aufgabe, Denjenigen beizustehen, die vom Schicksal zurückgesetzt, nur mit schwerster Mühe sich vorwärts kämpfen. Wenn man bedenkt, daß in den letzten Jahren bedeutende Summen für unsere Altersschwachen und Kranken gespendet wurden und bisweilen Summen an Institutionen gegeben werden, die dieses enormen'Zuschusses gar nicht bedürfen, so eröffnet sich hier der Wohlthätigkeit ein Feld, das bisher vollständig brach gelegen hat, aber der wärmsten Theilnahme empfohlen zu werden verdient. Allein das Moment, daß unsere unglücklichen Taubstummen infolge der Vernachlässigung, die ihnen seitens unserer vollsiunigen Glaubensgenossen zu Theil wird, der Mission in die Arme getrieben werden, sollte Denen, die noch jüdisch fühlen und denken, in weitestem Maße Herz und Hand öffnen, und deshalb ergeht an alle Glaubensgenossen auch von uns ein kräftiger Appell, Mitglieder für den segensreichen Verein zu schaffen. — Berlin, 25. November. Drei Prozesse gegen den Grafen Walter Pückler-Klein-Tschirue und einige andere Angeklagte beschäftigten am 22. d. M. die 9. Strafkammer des Landgerichts I. Durch den ersten Anklagebeschluß wurde Graf Pückler beschuldigt, durch eine in den Coucordiasälen am 11. November gehaltene Rede die Mitglieder der 2. Strafkammer des Landgrrichts I. beleidigt zu haben. Diezweite Anklage richtete sich außer gegen den Grafen Pückler noch gegen den Verleger der „Staatsbürgerzeitung" Wilhelm Bruhns, den Stenographen Albert Schimmelpfennig, den Oberinspektor Hans Kirchner und den Redakteur der „Staatsbürgerzeitung" Theodor Weber. Sie wurden der Aufreizung zum Klassenhaß und Beleidigung beschuldigt. Die dritte Anklage bezog sich auf die Angeklagterl Graf Pückler und Weber und beschuldigt der Aufreizung zum Klassenhaß. Gleichzeitig haben sich wegen dieser Rede eine Anzahl sehr geachteter Mitglieder der Glogauer jüdischen Gemeinde beleidigt gefühlt und Strafantrag gestellt, sie sind als Nebenkläger zugelassen worden und sind zum Theil selbst erschienen, zum Theil durch Anwälte Vertreter!. Die ihm zur Last gelegten Beleidigungen des Richterkollegiums gab Graf Pückler in der Verhandlung n ich t zu. Seine Ausführungen seien entstellt worden, die von ihm in seinen Reden gebrauchten derben Ausdrücke gegen die Juden seien bildlich aufzufassen. Der Angeklagte Bruhns bestreitete jede Verantwortlichkeit für die vom Grafen Pückler veranstaltete Extrabeilage der „Staatsbürgerzeitung". Die übrigen Angeklagten gaben die ihnen zur Last gelegten Vergehen zu. Es wurden alsdann die in Frage kommenden Reden des Grafen Pückler verlesen und verschiedene Zeugen, darunter Dr. Neumann, der