Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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66. Jahrgang. Nr. 48. Dtk E-r»n. 2« N-^mber IW- 'Ueikage zur „Atlgemeinen Zeitung des IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 20. November. Gestern fand im Saale der Ressource in der Schadowstraße die diesjährige ordentliche Sitzung des Centralkomitees des Hilss Vereins der deutschen Juden statt. Herr- James Simon, der erste Vorsitzende des Vereins, eröfsnete die Versammlung. zu der auch eine Anzahl Herren von auswärts gekommen waren, und ließ den Geschäftsbericht für das erste Jahr des Vereins verlesen. Wir entnehmen demselben, daß die Einnahmen bis zum 15. November cr. 100000 Mark betrugen, wozu noch weitere 9000 Mark an gezeichneten, aber noch in Inkasso befindliche Beiträge kommen. Die Mitgliederzahl erreichte bisher die stattliche Ziffer von 2917, jedoch fehlen von den auswärtigen Komitees verschiedene Listen, so daß die Zahl der Mitglieder in Wirklichkeit noch erheblich höher ist. Organisirte Komitees des Vereins bestehen bereits fast in allen norddeutschen Provinzialhauptstädten sowie in Württemberg. In Frankfurt am Main und in München für Bayern findet die Konstitnirung innerhalb der nächsten Wochen statt, und wird damit die Organisation des Hilfsvereins in großen Zügen vollendet sein. Die Aufgabe des nächsten Jahres wird es alsbald sein, die Propaganda für den Verein von den Provinzialhauptstädten aus in die kleineren und kleinsten Gemeinden zu tragen, denn die Hauptaufgabe für den jungen Verein ist es, alle diejenigen Kreise der deutschen Judenheit für die werktätige Hilfe zu Gunsten der nvthleidenden Glaubensgenossen im Auslande zu gewinnen, die bisher mangels einer geeigneten Organisation für diese Zwecke nicht erreicht werden können. Die Arbeit des Vereins hat in erster Linie der Hilfsaktion in Galizien gegolten. Gemeinsam mit dem Wiener Verein für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien ist die Ausbreitung der Haarnetzindustrie gefördert worden, und für diese Zwecke hat der Hilfsverein verdeutschen Juden dem Wiener Verein eine Subvention von 10000 M. bewilligt. Selbstständig ist außerdem die Entwicklung mehrer anderer Industrien von den: deutschen Verein in Hand genommen worden, welche Miseren Glaubensgenossen in Galizien die Möglichkeit bieten sollen, durch ihrer Hände Arbeit ihr Brod zu verdienen. Auch die Bekämpfung des schmachvollen Handels mit jüdischen Mädchen in Galizien hat der Hilfsverein in das Auge gefaßt und wird zunächst denjenigen Organisationen, welche sich bereits mit dieser Aufgabe befassen, seine Hilfe angedeihen lassen. Neben Galizien hat vorzugsweise Rumänien die Thätigkeit des Hilfsvereins in Anspruch genommen. Ebenso wie die anderen großen Organisationen hat der Hilfsverein den Beschluß gefaßt, nur die organisirte Auswanderung zu fördern, dagegen von jeder Unterstützung der ungeregelteil Emigration, insbesondere der zahlreich vorkommenden Gesuche von einzelnen Personen sich prinzipiell fernzuhalten, dagegen sind die von der ^IILaues israoiLte universelle in Rumänien mit sehr gutem Erfolge errichteten Vörschußkassen mit dem namhaften Betrage von 10 000 Mk. subventionirt worden, und auch sonst sind für die rumänische Thätigkeit seitens des Vereins viel Mühe und Geld ausgewendet worden. Wir können an dieser Stelle auf die zahlreichen Einzelheiten des Berichtes aus Mangel an Raum nicht weiter eingehen. Neben diesen zwei großen Gebieten hat der Hilfsverein seine Thätigkeit noch der Lage der Juden im Orient zugewendet und sich mit den zahlreichen ihm zugegangenen Gesuchen wegen Errichtung neuer Schulen im Orient beschäftigt. Die Lämmleschnle in Jerusalem hat eine Subvention von 5000 M. zum Bau eines neuen Schulhauses erhalten, und ein Musterschulplan für eventuell vom Verein zu begründende Schulen befindet sich zur Zeit in Arbeit. Für die nothleidenden Juden im heiligen Lande, welche infolge des Ausbruchs der Cholera in großes Elend gerathen sind, hat der Hilfsverein einen Beitrag von 1000 M. bewilligt, und wird nach Erhalt zuverlässiger Informationen weiter Vorgehen. Der Geschäftsbericht gedenkt mit großer Genugthuung des freundschaftlichen Verhältnisses zu den anderen großen Organisationen, die ähnliche Zwecke verfolgen, insbesondere der ^Illanee isrnölite univorsvllo, dem Wiener Hilfsverein für die nothleidende jüdische Bevölkerung in Galizien und der Großloge IN 0. L. H. Nach Verlesung des Geschäftsberichts ergänzten die Herren James Simon, Dr. P. Nathan und Direktor L. Picard denselben noch durch eine Anzahl vertraulicher Mittheilungen. Nach kurzer Diskussion und Beantwortung einiger Anfragen über Einzelheiten wurde der Bericht einstimmig genehmigt. Es folgte dann die Erledigung einiger Formalien, und zum Schluß sprach Herr Justizrath Seligsohn dem Vorstande, insbesondere den Herren James Simon und Dr. Nathan, den Dank des Centralkomitees für ihre erfolgreiche und opferwillige Thätigkeit aus. 8. Berlin, 24. November. Dem soeben versandten Berichte des Vereins „Mädchenhaus Pankow" eutnehmen wir, daß gemäß dem Beschluß der letzten Mitgliederversammlung die Zahl der in das Haus aufzunehmenden Mädchen vorläufig 30 nicht überschreiten soll, um sowohl die Verantwortung der Leiterinnen wie auch die Höhe der Unkosten nicht zu steigern. Der segensreiche Zweck und das dringende Bedürfniß des Vereins kann wohl am besten aus der erfreulichen Thatsache geschlossen werden, daß für die doppelte Zahl von Mädchen die Aufnahme gewünscht wurde. Die Ausbildung der Zöglinge erfolgte nach den bisherigeil als zweckmäßig befundenen Grundsätzen. Es waren diesmal außer den laufenden Arbeiten nicht weniger als 18 vollständige Anssteuern für die abgehenden Zöglinge zu fertigen. Eine Reihe von Waschaufträgen für fremde Haushaltungen hat abgelehnt werden müssen, um einer Ueberlastung der Mädchen mit Arbeit vorzubeugen, welche alsdann auch nicht in der bisherigen Sorgfalt hätte ausgeführt werden können. Trotz der herabgesetzten Zahl der Aufträge konnte hieraus eine Reineinnahme von 981,91 Mk. erzielt werden. Der bereits im vorigen Jahr unternommene Versuch, eine Ferienkolonie aufzunehmen, ist auch diesmal fortgesetzt worden, und zwar führten der Verein „Jüdisches Kinderheim" und der „Erste israelitische Kindergarten und -Hort" ihre Zöglinge in drei Halbkolonien dem Hause zu. Nach den Erklärungen beider Vereine ist der Erfolg ein guter gewesen, da bei allen Kolonisten die körperliche Entwicklung aufs beste, zum Theil bis zu einer erheblichen Gewichtszunahme gefördert worden ist. Nach beendeter Ausbildung konnten mit Hilfe der Schutzdamen des Vereins 15 Mädchen als Dienstmädchen untergebracht werden, welche sämmtlich mit dem von ihnen erwählten Berufe zufrieden sind. Bei der oiesjährigen Prämiirungsfeier konnten wiederum sieben Mädchen durch Geldgeschenke und Broschen für ihre Dienstzeit ausgezeichnet werden. Aus dem Jacob Plantschen Nachlaß ist dem Verein das reiche Vermächtniß von 10 000 Mark zugeflossen. Die laufenden Einnahmen des Vereins haben andererseits nicht die Kosten für erforderliche größere Reparaturen zu decken vermocht, so daß der Kapitalstock den Fehlbetrag von 894.39 Mark decken mußte. Mit dem Anwachsen der Preise fast aller Lebensmittel sind die Verpflegungsgelder, welche sich im Berichtsjahr pro Kopf und Tag auf 49,08 Pfennig beliefen, erheblich gestiegen, die Zahl der Mitglieder hat nur ganz unerheblich zugenomrnen. Die Höhe der Bauschuld beträgt noch immer 8000 Mark. Aus diesen Gründen unterstützen wir gern die dringende Bitte des Vereins an alle seine Mitglieder und Freunde, in der Beschaffung von Mitteln und Beihilfen für ihn nicht nachzulassen, da er nur bei ausreichenden Mitteln den an ihn gestellten Anforderungen voll und ganz zu entsprechen vermag. In der heutigen Generalversammlung des Vereins erstattete Herr Justizrath Breslauer im Anschluß an einen sehr interessanten und lichtvollen Vortrag des Frl. Adele Schreiber: „Zur Frage der jugendlichen Dienstmädchen" den Rechenschaftsbericht. Er konnte den Mitgliedern des Vereins die sehr erfreuliche Mittheilnng machen, daß infolge der Versendung des letzten Jahresberichtes 15 neue Mitglieder mit einem jährlichen Beitrag von 246 Mark beigetreten sind und an einmaligen Beiträgen 1723 Mark eingingen. Den Revisoren und dem Vorstande wurde Entlastung ertheilt und an Stelle des Herrn Paderstein Herr Emil Pincus als Revisor gewählt. Diebeiden turnusmäßig ausscheidenden