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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-28 · Heft 48 (28.11.1902) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 48 (28.11.1902)
Date
1902-11-28
Page
Seite 576 (sequence 14)
Language
German
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576 Doch bei weitem mehr als vor den sich hin- und herbewegenden Raaen fürchtete sich Jssajka vor den Daggen (Tauende zur Züchtigung von Matrosen), Ruten und dem Faustrecht. Die körperlichen Züchtigungen erfüllten ihn nicht allein mit panischem Schrecken vor den bevorstehenden physischen Schmerzen, sondern auch mit instinktmäßigem Entsetzen vor der Beschimpfung der menschlichen Würde. Und dieses Gefühl war bei Jssajka sehr stark entwickelt wie bei vielen Juden überhaupt, denen die Gewohnheit zu erniedrigenden Strafen, wie sie den russischen Leibeigenen jener Zeit von Kindheit auf bekannt waren, ganz fremd blieb. Dieser Schrecken, der sich bei Jssajka bis zu einer gewissen Krankhaftigkeit steigerte und ihn immer in einem nervösen Zustande aufrecht hielt, wurde bei ihm zur Gewohnheit. Und ungeachtet der 16 Jahre, die er glücklich im Dienst überstanden war Jssajka dennoch immer auf der Hut wie ein Hase, der die Nähe der Hunde spürt. Denn in jenen weitentfernten Zeiten, wo man die Matrosen durch grausame Züchtigungen für die geringste Nachlässigkeit abrichtete, war es sehr leicht möglich, solche Strafe auf sich zu ziehen, selbst bei der feinfühlenden Vorsicht Jssajkas. Jssajka war für jene grausame Zeit ungemein empfindlich. Der Anblick eines nackten Matrosenrückeus, auf welchem mit leisem Klatschen sich die Ruthen legten, die von den bösen, oft in äußerste Wuth gerathenen Unteroffizieren oder Bootsleuten gegeben wurden, unter der strengen Aufsicht eines an solche Szenen gewöhnten Offiziers, dieser sich mit dunkelblauen Streifen und Blutunterlaufungen bedeckende Körper, dieses zuerst unterthänige Menschenstöhneu, das dann in ein wildes Gebrüll eines schutzlosen Thieres überging und später wegen tiefer Ohnmacht des Gezüchtigten manchmal vollständig aufhörte, — dies alles erfüllte Jssajkas Seele mit unsagbarem Entsetzen und Mitleid. Und wenn er zuweile Zeuge solcher Züchtigungell war, die in manchen Fällen in Gegenwart der ganzen Schiffsmannschaft geschahen, da konnte sich der blaßgewordene Jssajka kaum auf den Füßen halten, er zitterte am ganzen Körper und trocknete sich verstohlen die unwillkürlichen Thränen, sich fürchtend, daß man dieselben bemerke. Selbstverständlich würde Jssajka sich nicht dazu entschließen, solchen öffentlichen Körperstrafen beizuwohnen. Wenn manchmal der Befehl erfolgte, Jemanden zu bestrafen, und der bleichgewordene Matrose gehorsam und mit dem Anschein sorgloser Kühnheit aufs Schiffsback ging, machte sich Jssajka sofort aus dem Staube, lief in seine Kajüte, versteckte sich in eine Ecke derselben, und sich die Ohren zühaltend, flüsterte er, im höchsten Grade aufgeregt, ein Gebet, und seine großen, sanften Augen drückten tiefe Schwermuth aus. Wie mitleidsvoll Jssajka ist! sprach man von ihm. (Forts. folgt.) Fitterarrsche Mittheilungen. ll. 1. Vor uns liegt der IX. Band der „Jüdischen Biblioth ek" der von dem sel. Adolf London in St. Petersburg (dem Begründer und ersten Redakteur des „Woschod") herausgegeben wurde, den wir hier in diesen Blättern besprechen wollen. Der erste Aufsatz enthält die sehr spannende Korrespondenz des berühmten Schriftstellers und Belletristen Leon Lewanda, eines der ersten Pioniere der russisch-jüdischen Journalistik. Diese Briefe sind an seinen alten Jugendfreund den Rechtsanwalt I. S. Salkind, gerichtet. Die Korrespondenz umfaßt die Zeit vom September 18ö7 bis Oktober 1866. Bei der Lektüre dieses ungemein interessanter, Briefwechsels durchlebten wir so zu sagen unsere eigene Jugend wieder. Es stieg in uns die Erinnerung jener herrlichen Tage in den sechziger Jahren heraus, als der unvergeßliche Osip Nabinowitsch im Mai 1860 — also gerade vor 42 Jahren — das erste jüdische Organ in russischer Sprache, die „Nasswet", in Odessa erscheinen ließ. In Lewandas Briefen finden wir den Widerhall der Zeitstimmung des jüdischen Volkes in Rußland, welches damals neu aufzuleben schien. Der verewigte Elias Salkind interejsirte sich selbst viel für die Lösung der unglückseligen jüdischen Frage und betheiligte sich selbst seiner Zeit an der Aufklärung derselben. Hoffen wir, daß der Herausgeber im X. Bande eine neue Serie Briefe von Lewanda bringen wird, der wir mit der größten Spannung entgegensetzen. „Die Stimme des Blutes", dramatische Dichtung von Nathanie! Moscheles, ist von der bekannten Uebersetzerin und Dichterin O. N. Tschjnmina in herrlichen Versen wiedergegeben. Die Handlung spielt zur Zeit der spanischen Inquisition, und die Dichtung ist ergreifend. — „Meine Begegnungen mit dem Wilnasr Generalgonverneur Kaufmann", dem Eroberer von Chiwa, posthume Erinnerungen des berühmter, Dichters Leon Gordon, sind fesselnd und sehr schön geschildert. — Die Studie von S. Napoport in London „Die Juden in der englischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert", und dessen Schilderung des IV. Zionistenkongresses bietet des Interessanten gar viel dar. — Vorzüglich ist der scharfsinnige, im humoristischen und sarkastischen Stile geschriebene Aufsatz von S. Wermel: „Ans dem Tagebuche eines Bewohners von Nepljujewsk", der uns an Stschedrin (Saltykow) lebhaft erinnert. — Saniel Markus geschichtlicher Aussatz „Die Juden in Rumänien" ist sehr lesenswerth. In kernigen, tiesergreisenden Worten schildert der Verfasser die rumänische Regierung, wie sie in schändlicher Weise, trotz des Berliner Vertrages, die unglückseligen Söhne Israels in ihrem Stiesvaterlande behandelt. Mit geschichtlichen Dokumenten in der Hand beweist der Verfasser, daß die Juden keine Fremdlinge im Lande, während viele „echte" Rumänen von griechischer oder bulgarischer Abstammung sind.— „DieLieder des Windes", ein nachgelassenes Gedicht von I. Lager, sind vorzüglich. Außer den erwähnten Arbeiten, enthält dieser Band noch folgende werthvolle Beiträge: „Die Juden und die neue Strömung des religiösen Gedankens" von Oswald Simon; „Die Optimalen", eine posthume Skizze von der bekannten russischen Schriftstellerin K. Natarjewa; „Bemerkungen zu den, Aussatze „Die Juden in Rumänien", „Die römischen Juden im Alterthum und im Mittelalter" von dem gelehrten Henkel; „Die Söhne des Bundes", Roman von Samuel Gordon, aus dem Englischen von A. Karrik übersetzt; „Unsere Gesetzgebung über die Juden in, letzten Jahrzehnt" von I. Sen. und schließlich „Eine Vorlesung über die Dreyfusiade"; nuu5i nun t'anta5iu und noch einige andere Aufsätze. Der ganze Band ist so fesselnd, daß man ihn ungern aus der Hand legt. Hoffen wir, daß der X. in Bälde erscheinen wird. Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! As ist mir Bedürfniß - '7112 21' '7121' xl '12P7 82 121 — in dieser weit verbreiteter, Zeitung eine unrichtige Lesart in meiner Ausgabe der „Acht Kapitel des Maimonides" (Leipzig 1863) zu allgemeiner Kenntniß zu bringen. In der Ueberschrifl des zweiten Kapitels (Seite 8) ist statt wie schon früher der 'elige Kauf mann und auch Prof. Landauer irgendwo angemerkt, zu lesen: (wie auch Jbu Tibbon richtig hat: ^^P) und demnach zu übersetzen: Beschaffenheiten. Bei dieser Gelegenheit will ich auch betreffs der Midrasch-Stelle in Anmerkung 24 Seite 90 auf meine Bemerkung in „Magazin für die Miss. d. Judenth." 19, 137 aufmerksam machen. Die Leseart 711NLN in der Bedeutung: geistig Geringe O'MX in ethischer Hinsicht) scheint mir noch jetzt passender zu sein als NlNQVN was gar zu übertrieben ist. — Gothen bürg, den 17. November 1902. Dr. M. Wolfs. Druck und Verlag von Rudolf Mos so in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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