Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-28 · Heft 48 (28.11.1902) · p. Seite 575

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 48 (28.11.1902)
Date
1902-11-28
Page
Seite 575 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228522--59257-3295762
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

575 schnell wieder herunter, da er sich unendlich glücklicher auf dem Deck fühlte, und entschloß sich auch nicht mehr, diese freiwilligen Versuche zu wiederhole«, da ihn sein Amt von dem, speziellen Matrosendienst befreite. Und nur wenn das Kommandowort: alle Mann aufs Deck! ertönte, mußte Jsfajka die Pflichten eines einfachen Matrosen tragen: ein Tau übers Deck ausrecken, beim Spillspacken, beim Ankerlichten u. s. w. stehen, was er auch immer mit merkwürdigem Eiser ausübte. Er sang gewissenhaft beim Tauziehen mit, griff mit voller Gewalt die Spillspacke an, alle seine schwachen Kräfte zusammennehmend, um voll ehrgeizigen Wetteifers zu beweisen, daß er beim Arbeiten allen klebrigen nicht nachstehe. Doch vor all' dem, was sich oberhalb des Decks befand, fürchtete er sich sehr und betrachtete mit ängstlicher Ehrfurcht die hohen Masten. Bei dem Gedanken allein, daß man ihn bei starkem Winde den Marssegel hissen lassen würde, oder daß man ihn auf das sich ins Wasser drängende Bugspriet die Klüwer wegzuschasfen schicken könnte, überlief es Jssajka heiß und kalt. Er schloß dann schnell die Augen und wehrte sich wie vor einem Schreckgespenst hilflos mit seinen kleinen Händen, die gar nicht Matrosenhänden ähnlich sahen, und die dennoch so geschickt die große Segelnadel führten. „Jssajka hat daran keine Schuld, daß Gott ihn so furchtsam schuf," sagten die Matrosen. „Er würde gern alles thun, doch ist er es nicht im Stande. Schick' mal Jssajka auf die Raa — er würde vor Schreck sterben." „Würde auch bestimmt keinen Mast erreichen und dabei noch sicherlich ins Meer gerathen!" „Gar nicht dazu geschaffen, Matrose zu werden." „Auch fehlt ihm die nöthige Kraft dazu." So sprachen über ihn die Matrosen, und immer bereit, jeden Anderen zu tadeln und jede Feigheit der Kameraden zu bespotten, urtheilten sie feinfühlend ganz anders über Jssajka. Und wenn sogar manch alter Matrose sich deshalb über ihn lustig machte, so geschah es in einer ganz gutmüthigen Weise und ohne jedwede Absicht, ihn zu erniedrigen oder zu beleidigen, umsomehr, da Jssajka selbst seine Schwäche gar nicht verbarg. „Gott gab mir alles," sagte Jssajka, „Verstand und Fleiß und Geduld, doch entzog er mir ganz die Tapferkeit eines Matrosen . . . Offenbar ist jedem Menschen sein Schicksal beschieden, und Gott wünschte es nicht, daß der Jude Matrose werde. „Sei du Handwerker und wohne am Lande! dies verhieß Gott dem Juden," fügte Jssajka hinzu, indem er dem Herrgott seine eigenen sehnlichsten Wünsche zueignete. „Was würdest Du wohl thun, Jssajka, wenn Dich der Oberoffizier aufs Dock schickte?" scherzte einer von den Unterosfizieren oder den alten Matrosen. „Er wird es nicht thun! Und wozu auch mich dorthin zu schicken?" „Zur Strafe!" „Wofür soll man mich denn eigentlich bestrafen? Ich flicke die Segel und Niemand sieht mich. Auch erfülle ich meine Arbeit recht sorgfältig. — Obendrein ist der Obervffizier ein viel zu kluger Mensch." „Klug ist er wohl, doch wenn er 'mal anfbraust, dann verliert er seinen ganzen Verstand.... Und alles ist ihm dann gut genug, um Händel zu suchen.... Als ob Du es nicht genarr weißt.... Er erblickt Dich zum Beispiel auf dem Deck und schreit auch sofort: Aufs Nock, Jssajka! Jssajka soll sich dort gut auslüsten!" In der ungewöhnlich lebhaften Einbildungskraft Jssajkas, der nur zu gut alle Zufälligkeiten kannte, die aus einem Kriegsschiffe vorkamen, tauchte sofort die Möglichkeit eines solchen Befehls auf, und er rief erschrocken aus: „Uh! üh! uh! Das kann nicht geschehen!" Und sich gleich darauf besinnend, daß es Unsinn sei, und daß man ihn nur zum Besten halte, lächelte er und sagte in ruhigem, gutmüthigem Tone: „Laß das, Matwejitsch. schrecke mich nicht. Ich habe ja auch ohnedem Angst!" Bei frischem Winde fühlte sich Jssajka gewöhnlich sehrschlecht, obgleich er nicht seekrank wurde, und wenn es manchmal bei aufgeregtem Meer vorkam, daß das alte, große, hölzerne Schiff stöhnte und ächzte, da versteckte sich der stillgewordene Jssajka mit weitgeöffneten Augen in den verborgensteil Winkel seiner Kajüte, und auf das Toben der Wellen lauschend, flüsterte er mit blassen Lippen ein Gebet. Er ging bei solchem Wetter nicht aufs Deck hinaus, weil er die bleigrauen Wellen nicht sehen mochte, die dieses dreideckige, alterthümliche Schiff wie einen Splitter in die Höhe warfen und im Herzen Jssajkas einen panischen Schrecken wachriefeu. Und erzog es vor, das Gewitter in Einsamkeit abzuwarten, in der halbfinsteren Kajüte, von Segeln, Stricken und Trossen überfüllt, sich den Menschen nicht zeigend, um sich dabei nicht schämen ^zu müssen, daß er bei jeder heftigen Bewegung des Schiffes aut stöhnte und am ganzen Körper zitterte. Doch wenn dabei das „alle Mann auf Deck, das vierte Reff nehmen!" erscholl, da lief Jssajka schnell mit den Anderen aufs Deck, tiefe Bangigkeit im Herzen tragend und sein böses Schicksal verfluchend. Er machte sorgfältig das Takelwerk los, flink von einer Stelle zur anderen laufend, doch vermied er es, seine Augen auf das wallende Meer zu richten. Wozu auch dasselbe ansehen! Und in solchen Augenblicken, wie mit Fleiß, war er voll verlockender Gedanken, die ihm ein kleines, ruhiges Heim am Lande vorspiegelten, wo eS recht behaglich ist, und wo er, auf einem kleinen Bänkchen sitzend, Schuhe oder Stiefel nach der letzten Facon nähte, und wo er nach Herzenslust au die manuigfaltigsten menschlichen und göttlichen Dinge dachte, die seinen strebsamen Forschergeist dermaßen beschäftigten. Es würde wohl besser sein, wäre er Soldat geworden! Doch furchtsam selbst, wie er war, betrachtete Jssajka mit besonderer Ehrerbietung und zu gleicher Zeit mit Herzensangst die Matrosen im Mastkorbe, die bei einem solchen Sturm die Wanten flink bestiegen, dann sich auf den Naaen wie Riesenameisen zerstreuten und mit außergewöhnlicher Kraft die weißen Segel ergriffen. Und dabei entfiel Jssajkas beklommener Brust ein jäher Ausruf des Beifalls und des Entsetzens zugleich. Daß nur ja Niemand ins Meer dabei fällt oder mit dumpfem Schlage aufs Deck blutbefleckt und mit zerschmettertem Schädel herabstürzt. Solche Fälle kamen fast bei jeder Seereise vor und erschütterten Jssajka entsetzlich. Er senkte schnell seinen Blick und sah wieder vor sich hin und sagte seinem Nachbar, sein Erstaunen äußernd: „Ach, wie tapfer sie sind! Und wie sie so gar keine Angst haben!" „Wer denn, Jssajka?" „Nun doch, unsere lieben Matrosen!" flüsterte Jssajka, auf Diejenigen stolz, die ihm so gar nicht ähnlich sahen. * -k- *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.