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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-28 · Heft 48 (28.11.1902) · p. Seite 574

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 48 (28.11.1902)
Date
1902-11-28
Page
Seite 574 (sequence 12)
Language
German
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574 ragende Schrift des als Forscher auf dem Gebiete der Religions- Philosophie rühmlichst bewährten Rabbiners Dr. Gnttmann') in Breslau im Einzelnen zu bestimmen sucht. Wir sind weit davon entfernt, so führt der Verfasser in der Vorrede ans, in einseitiger Ueberschätznng der jüdischen Neligionsphilvsophie den Aufschwung der christlichen Scholastik im dreizehnten Jahrhundert auch nur vorwiegend auf deren Einfluß znrückzuführen. Das wäre schon darum eine arge Uebertreibung, weil der Kreis von Fragen, bei denen die jüdischen Religionsphilosophen überhaupt in Betracht kommen können, ein immerhin beschränkter ist. Aber ebensowenig wird es sich leugnen lassen, das; den Scholastikern des dreizehnten Jahrhunderts für die Anpassung des Aristotelismus an die Bibellehre ihre Kenntniß der jüdischen Religionsphilosvphie und insbesondere des Maimvnides wesentlich zu gute kam, und daß sie es vielleicht diesem Vorbild zu danken hatten, wenn sie trotz ihrer Hingabe an den Aristotelismus einem Konflikt mit der Kirche entgangen sind. Im Wesentlichen beschränkt sich die Kenntniß der Scholastiker von der jüdischen philosophischen Litteratur auf die ins Lateinische übertragenen Schriften des Salomo ibn Gabirol und des Moses Maimonides, aber es gibt keinen unter ihnen, der zu den Systemen dieser beiden Denker nicht Stellung nimmt und an entscheidenden Stellen des Systems nicht ihre Anschauungen einer ernsten Erörterung unterzieht, um sie dann anzunehmen oder zu verwerfen. Gabirols Philosophie bildet einen der Angelpunkte, um die die Philosophie des IR Jahrhunderts sich dreht, so daß ein hervorragender Geschichtsschreiber der mittelalterlichen Philosophie eine völlige Erforschung der Scholastik jener Zeit erst dann für möglich erklärte, wenn die Philosophie des Avieebron oder Avencebrol (unter diesen verstümmelten Namen wird Gabirol von den Autoren des Mittelalters eitirt) einer genauen Analyse unterzogen wäre. Maimonides hinwiederum ist vielleicht weniger häufig in den Schriften der Scholastiker genannt, doch um so häufiger benutzt, da wo es gilt, die Lehren des Aristoteles mit der Bibel auszugleichen, oder Philosophie und Glauben gegen einander abzngrenzen. Die entgegengesetzten Systeme der beiden jüdischen Philosophen fanden ihre Anhänger und Gegner in den sich befehdenden Vertretern der großen Orden der Franziskaner und Dominikaner. Die Grnndlehren Gabirols, daß auch geistige Substanzen aus Materie und Form zusammengesetzt seien, seine Theorie vom Willen als Urheber twr Welt und als Prinzip, das die Welt im Dasein erhält, haben sich in der Franziskanerschule von Geschlecht zu Geschlecht vererbt. Wilhelm von Auvergne, sonst kein Freund der Inden und Araber, geräth in Entzücken, wenn er Gabirols Lehren vom Willen, der bisweilen auch das Wort oder die Weisheit Gottes heißt, erwähnt. Da hatte er unter arabischen Theologen einen wissenschaftlichen Vertreter der Logoslehre zu finden geglaubt, und er trug auch kein Bedenken den weisen „Avieembrvn" für einen Christen zu erklären, sein Werk, das Quelle des Lebens (Nelror Liiajim) betitelt ist, stets Quelle der Weisheit (tanx sapientias) zu benennen. So hat Gabirol im Franziskanerorden Bürgerrechte erlangt, Alexander von Hales, Bonaventura und vor y Guttman», I. Die Scholastik des dreizehnte» Jahrhunderts in ihren Beziehungen zum Judeiithum und zur jüdischen Litteratur. Breslau. M. L H. Marcus, 1902. S. 188. allem Duns Srotns, die größten Theologen des Ordens, folgen mit Bewußtsein seinen Anschauungen. Jur Dominikanerorden wiederum herrscht der Einfluß des Maimonides vor. Albertus Magnus, der umfassende Gelehrte, der diesen Orden in der Philosophie zuerst vertritt, hat durch seine Bearbeitung der aristotelischen Schriften und die Verwerthung von dessen Lehren dem Aristotelismus zu einer herrschenden Stellung in der Philosophie seiner Zeit verholfen. An entscheidenden Punkten jedoch, wie in der Lehre von Gott, von der Schöpfung, von Prophetie und Engeln, wo der überlieferte Glaube durch die Philosophie bedroht war, da mußte er Aristoteles und dessen arabische Erklärer verlassen und sich eng an Maimonides anschließen, und nach dem Muster des „Führers der Verirrten" einen Ausgleich zwischen Ueberliefernng und Zeitphilosophie herbeiführen oder, wo dies nicht angängig war, die Berechtigung der Glaubenslehren auch gegenüber den ihnen widersprechenden Lehren der Philosophie Nachweisen. Dem Nachweis des Einflusses der genannten jüdischen Theologen ans die Lehrer der Scholastik ist der größte Theil der vorliegenden Schrift gewidmet, daneben aber werden die Kenntniß der Scholastiker von der jüdischen Litteratur überhaupt und ihre Stellung zum Judenthum in anziehender Weise behandelt. Es ist ein ungeheuer reiches Material, das der Verfasser bietet, die Frucht rastloser Untersuchungen auf dem für den Forscher wenig erfreulichen Gebiete der scholastischen Litteratur; seine für die Kulturgeschichte wichtigen Resultate bieten dein Fachmann vielfach Belehrung, dem Laien reiche Anregung. Im gegenwärtigen Zeitpunkt gewinnt die Schrift, ohne daß den Verfasser diese Absicht geleitet hätte, eine hervorragende apologetische Bedeutung. Es gehört zu den von Unwissenheit und Böswilligkeit erst jüngst wiederholten Vorurtheilen, daß die Juden im Mittelalter für das Geistesleben nichts geleistet hätte». Man lese die höchst gemäßigten und durch Citate überall belegten Nachweise Guttmanns, nnd man wird erkennen, welch tiefgehenden Einfluß jüdische Denkarbeit auf eine Weltanschauung hatte, die bis tief in die Neuzeit hinein herrschte, und deren Wirkungen auch heute noch nicht überwunden sind. R bi. Issajka. Von K. Stanjukow i cz. Aus dem Russischen von AlexandraRonim. QI. "an übersah vollständig Jssajkas Furcht vor dem Meer, besonders wenn dasselbe sich zu erheben begann, und seine unüberwindliche, rein physische Angst vor den Gefahren, die mit dem Marinewesen eng verbunden waren. Thatsächlich konnte er dieses Gefühl nicht überwinden, und er wußte es auch, er würde nie ein richtiger Matrose werden. Während der ganzen 16 Jahre seines Dienstes diente er nicht in der Front und bekleidete nur das Amt eines Segelmachers. Kein einziges Mal gelang es ihm, den Mastkorb zu erreichen — und nur einige Wanten besteigend, ließ er sich

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