Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- Seite 573 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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573 müßten Sie es ja selbst Lesen; folglich brauche ich Sie mit meinem Geschwätze nicht aufzuhalten. Mündlich würde ich es thun, und ich kann es Ihnen nicht leugnen, daß ich mich manchmal recht herzlich darnach sehne. Breslau, den 21. Februar 1784. .... Daß Ihnen Ihr Jerusalem Gegner zuziehen mußte, war wohl sehr natürlich; daß darunter Ritter Michaelis, der mir ein wahrer Ritter von trauriger Gestalt ist (verzeihen Sie mir dieses Wortspiel) auch sehn würde, kömmt mir garnicht unnatürlich vor. Ihre Grundsätze, die den feinen Gottesmann in Verlegenheit setzen, müssen dem übrigen Hausen nur desto verhaßter sehn, je wahrer er sie findet. Mich wundert nur. so viel ich bis jetzt davon Rezensionen und Widerlegungen gelesen, daß man so glimpflich gegen Sie bleibt. Mir scheint es, daß man Sie, wie natürlich, an dem schwächsten Orte angreifen will. Man bemerkt daher sehr bescheiden, daß Sie kein rechter Jude sind, wie wir uns Christen den gelehrten und ungelehrten Juden vorstellen.' ich denke aber, Sie werden gegen alle diese Herren Repressalien gebrauchen können. Und bin garnicht besorgt, wie Sie sich aus der Sache ziehen werden. Wenn Sie mit Ihren Feinden bald zu Rande sehn werden, sollen Sie mit mir noch ein kleines Nachscharmützel aushalten müssen, mögen Sie doch immer über mich lachen. Den Compilatenr de la Porte werden Sie gewiß »licht lesen; aber lesen Sie den 22. Theil seiner Reisen eines Franzosen, was er da von Ihrer Nation sagt, und sie werden gestehen müssen, daß er nicht so grundgelehrt und mühsam ist, wie z. B. ein Göttingscher Gelehrter, aber auch seine gesunde Vernunft besser bewahrt hat. Hier ist mau auch bemüht, das Licht der Wahrheit unter Ihre Glaubensbrüder zu verbreiten: man jagt sie aus der Stadt. Nun beruft man sich zwar deshalb nicht auf Dohmen; aber auf die ausdrückliche Ordre unseres Königs. Mau will mich zwar versichern, daß einige orthodoxe Indenältesten die Sache betreiben. Schade, daß Sie kein Bischof sind; es wäre gut, daß Sie ihnen einen Hirtenbrief zusicherten! Aber freilich müßten Sie etwas mehr als lehren, ermahnen und trösten; ein bischen Phhsikalische Macht haben. Nicht um uns Christen wieder dafür herauszujagen, sondern nur uns ein wenig mehr aufmerksamer in unseren täglichen Handlungen zu machen, als wir es leider durch Bücher werden. Bei dieser Sache ist noch das Merkwürdigste, daß es alle recht fromme orthodoxe Juden sind, die man verjagt. Aus was für Grunde denn? Daß sie nicht Porzellain nehmen oder ihre Toleranz nicht bezahlen können? Ueber die zuletzt behandelte Vertreibung der Juden aus Schlesien oder den Plärr dazu müßte ein Breslauer Kenner handeln. Manches sonst Erwähnte bedarf nicht langer Erklärung: „Der weise König" (14. Juni 1783), der Mendelssohns Wahl in die Berliner Akademie nicht bestätigte, ist Friedrich der Große; Ritter Michaelis, der Göttinger Professor, der im letzten Briefe genannt wird, ist wohl ein und dieselbe Person, mit dem im drittletzten Schreiben erwähnte Göttinger Kritiker. Die folgenden Briefe handeln fast ausschließlich über Lessings litterarischen Nachlaß. Auf Mendelssohn gehen sie erst wieder ein beim Ausbruch des berühmten Mendelssohn- Jaeobischen Streites über Lessings Spiuozismus. Schon in dem Leben seines Bruders hatte Karl Gotthelf sich über diese Angelegenheit in folgender Weise ausgesprochen: „Und (soll ich meine Meinung ganz heraussagen?) Moses Mendelssohn war mehr um die Seinigen als um die Unsrigen bekümmert. Er hoffte nur bei der größeren Vernünftigkeit der Unsrigen an der Verbesserung der Seinigen mit Glück arbeiten zu können. Konnte er also anders handeln? Er als bedrückter Jude war allen seinen bedrückten Religionsbrüdern, die doch so gut Menschen von Innen und Außen sind als Lessings Religionsbrüder, ihren Werth auch so fühlend, aber sich ihn täglich absprechen lassen müssen! Konnte er schicklich in Voltairens Fußtapfen treten, seine Brüder aufgeben, lachen und spotten wo Wahrheit und Ernst nichts mehr vermag! Fast ist kein besseres Mittel. Aber seine Religionsbrüder sind unglücklich, der edle Mann kann wohl des glücklichen'Bruders vergessen, wenn er nicht handelt, wie er soll, allein seine unglücklichen Brüder rn Stich lassen, nicht reiten, nicht auch mitglücklich zu machen suchen. Kann das ein edler Bruder? Lieber macht er sich selbst mit unglücklich. Geht er da zu weit, übersieht er Fehler über Fehler und beschönigt sie, wo er nicht sollte: Du Kaltblütiger, ehe Du ihn tadelst, lerne erst Bruder werden! Das philosophischste Mittel zur Aufklärung seiner Nation begriff Moses .dabei vielleicht nicht, gewiß aber das heilsamste und thunlichste. Er wellte in seiner Nation kein erklärter Reformator seill, weil reformiren nicht allzeit besser aufklären zur Hauptabsicht hat und der Nutzen dem Gelärm und der Trennung, die es macht, selten entspricht." Nachdem Karl Gotthelf die Streitschrift Jacobis „Ueber die Lehre Spinozas. In Briefen an Herrn Moses Mendelssohn" gelesen hatte, schrieb er: Breslau, den 19. Oktober 1785. „Ich verschlang es mehr als ich es las; und als ich auf Ihre Erklärung des Spinozismus kam, ärgerte ich mich doch ein wenig, daß Sie Ihren Freund zum Vertheidiger desselben machten. Nicht eben als wenn es ein so großes Unglück wäre, ein Spinoziste zu sein, als vielmehr darum, weil Sie dazu keine andere Veranlassung hätte«, als die Paar Sätze in seinem theologischen Nachlasse. Kanu man, mein Gott!, in seinem Leben nicht einmal das und jenes gedacht, für wahr und gut gefunden haben, muß man deshalb sein ganzes Leben dieser Meynung gewesen sehn? Aber freylich ärgerte ich mich nicht mehr, nachdem ich Jacobis Brief all Sie gelesen. Glauben Sie aber nicht, liebster Freund, daß mein Bruder sich mit I. einen Spaß gemacht? Theils wollte er ihn aushorchen, ob er den Spinoza blos gelesen und wie weit er ihn gefaßt oder nicht; und aus vielen Stellen ergiebt sichs gar offenbar, daß er ihn schraubte. Es war Laune und Schalkheit von ihm, das Gegentheil von dem zu behaupten, wovon der andere sehr eingenommen schien; nicht in der Absicht ihn eben zu einem Jsten zu machen, sondern den Grad.seines Beurtheilungsrechts zu erforschen. ..." Aehnlich wie in den zuletzt nütgetheilten Worten äußerte er sich in seinem letzten wenige Tage späteren Schreiben vom 24. Oktober 1785, das indessen zu sehr in philosophische und theologische Einzelheiten eingeht, um an dieser Stelle veröffentlicht zu werden. Wenige Wochen später war Mendelssohn todt. Karl Gotthelf widmete ihm ein gutes Alldenken, wie aus manchen der oben allgeführten Stellen hervorgeht. Karl Gotthelf Lessing ist weder all Geist noch Charakter mit seinem großen Bruder zn vergleichen, trotzdem verdient er wegen seilles Freimuthes, seiner Offenheit, seines treuen Festhaltens an Mendelssohnund seiner vielleichtdurch diese Neigung entstandenen Theilnahme für die Juden auch in diesen Blättern eine Beachtung Der Einfluß jüdischer Denker auf die christliche Theologie des Mittelalters. m Lande der Sarazenen, unter denen, die unter den Philosophen weilen, giebt es nur wenige wahre Juden, das heißt solche, die nicht in irgend einem Theile ihres Glaubens Sarazenen sind oder den Jrrthümern des Aristoteles zustimmen." So schrieb um 1230 Wilhelm von Auvergne, der gelehrte Bischof von Paris, ohne sich darüber klar zu werden, daß er selbst in der christlichen Theologie einen Entwickelungsprozeß einleitete, durch den eilte wesentliche Erweiterung und Umbildung der philosophischen Studien herbeigeführt und die christliche Scholastik voll der platolüsirenden Lehre der Kirchenväter hinweg, mehr und mehr „den Jrrthümern" des Aristoteles zugeführt wurde. Die Lehren des Aristoteles und seiner Erklärer unter den Sarazenen wurden dem Abendlande durch Vermittelung jüdischer Denker zugänglich gemacht, deren Einfluß ans die christliche Scholastik des Mittelalters eilte hervor-