Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- Seite 572 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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572 freundlichen Hochwürden verstecken konnte, folgerte aus dem Stillschweigen, daß der Herr Prediger eigentlich ein heimlicher Vernunftjude sei, gegen welche Maimonides und er wenig einzuwenden hätten. Denn zwischen einem Vernuuftjuden und einem Vernunftchristen sei kein anderer Unterschied, als daß sich der Letztere schäme, des Ersteren Namen zu führen, und der Erstere ihn beibehalte, so sehr er deshalb auch mit Verachtung und Abgaben über Gebühr von der weisen Staatspolitik belastet wäre. Hierin lag kein Spott, kein Tadel von Moses; er als ein ernster Anhänger des Optimismus wußte wohl, daß alle diese beiden zur Welt des Judenthums gehören, und so viel er sich auf diesen philosophischen Trostgrund zu Gute that, so wenig wollte er damit den jüdischen über den christlichen Trostgründen den Kampf streitig machen." Zu einem Briefwechsel zwischen den beiden Männern, die uns hier beschäftigen, kam es zu Gottholds Lebzeiten nicht, auch nicht in den Jahren, als Karl Gotthelf in Bresla<weilte, umhin er von Berlin aus berufen worden war. Erst nach dem Tode des Wolfenbüttlers schickte Mendelssohn dem Bruder einen Trostbrief, der bei Kahserling gedruckt ist. Sein Wunsch, seine Briefe zurückzuerhalten, und Karl Gotthelfs Verlangen, Mendelssohn möge eine Lebensskizze seines verstorbenen Freundes schreiben, veranlaßen eine Korrespondenz. Von dieser scheinen die Briefe Mendelssohns verloren, wenigstens hat sich von ihnen bei den Nachkommen des Adressaten nichts erhalten. Die Briefe Karl Gotthelfs dagegen sind in der Mendelssohn'schen Familie aufbewahrt und mir von dem Besitzer zur Benutzung anvertrant worden. Diejenigen Stellen welche über jüdische Dinge handeln, mögen hier folgen. Am 22. April 1783 schickte Karl Gotthelf die theologischen Manuskripte des Bruders an Moses mit der Bitte, sie durchzusehen. Er bat, daß Mendelssohn, der — wie man sage — nach Breslau reisen wolle, bei ihm wohne. „Zwar meine Religion soll mich nicht eine Viertelstunde um einen Freund, am wenigsten um Sie bringen. Und doch werden Sie herzlich über mich.lachen. Ich dächte, Sie stellten^ mich auf die Probe; vielleicht ist es nicht mein Ernst, vielleicht biete ich mich nur am eifrigsten dazu an. was ich gewiß bin, nicht thun zn dürfen." Nachdem er sodann über Lessings theatralischen und Brief- Nachlaß gesprochen, fuhr er fort: „Hier spricht man sehr viel von Ihren Psalmen, die Sie herausgeben, aber noch mehr von Ihrer Beantwortung aus eine Herausforderung die Gründe anzugeben, warum Sie nicht die christliche Religion annehmeu. Es ist gut, daß man mich nicht das fragt: ich würde geradezu sagen, daß sie die absurdeste ist. Glauben Sie aber nicht, daß ich deshalb ein Jude oder Türke werde. Sie können versichert sehn, wenn Christenverfolgungen kommen, ich würde ein christlicher Märtyrer. Nicht weil ich den Bettel für etwas halte: sondern weil ich für die Freyheit zu denken mich aufznopfern glauben würde. Aber sollte ich mich nicht schämen, so gegen Sie zu sprechen? Was kann ich dafür, daß Alles, was ich von unserer Religion sehe und höre, mir Ekel und Aerger erweckt? Und am allerwidrigsten wird mir das neumodische Bestreben, die ungereimtesten plumpsten Dinge auf vernünftige Grundsätze herab- oder heraufzuwürdigen. Am lächerlichsten ist es nun.aber, wenn ich die.Theologen sich darauf etwas einbilden sehe. Als wenn die allen Heiden nicht auch Rücksicht genommen hätten, ihre Volksreligion auf Philosophie zu gründen, um sie dem Vernünftigen annehmlich zu machen, der aber herzlich darüber lachte. Und jetzt soll es ein Zeichen unmoralischen Herzens sein? Wenn das nicht imin sanrr ralione msanire ist, so möchte ich wohl wissen, was es wäre. Doch wieder auch Ihre Schrift zu kommen: ich beklage Sie, wenn Sie in einen theologischen Streit verwickelt würden. Nicht als wenn es durch Sie nicht tausend Nutzen bringen würde, sondern weil es Ihnen viel Zeit und wohl gar etwas Ruhe rauben könnte. So heilsam dergleichen Streite im Ganzen sind, so nachtheilig sind sie denen, die sie führen. Ich freue mich also, daß es soweit gekommen ist und freue mich auch nicht." K. Lessing an Mendelssohn: 8. Mai 1783. Sie sind mit den theologischen Sachen meines Bruders als Schriften, die gedruckt werden sollen, nicht sorecht zufrieden. Ohne Komplimente, daran scheine ich Schuld zu sein. Ich habe vielleicht zu sagen vergessen, daß ich des Bruders Nachlaß herausgeben will, so wie ich ihn finde, damit das Publikum selbst urtheile, was zu einervollständigen Ausgabe seiner Werke das Beste ist. Wenn dieser Vorwand einem kleinen Schacher ähnlicher scheint, so lassen Sie mich noch hinzusetzen, daß ich dem Publiko dadurch anzeigen wollen, daß er gar kein Genie, das wie ein Blitz auf einmal in seiner Vollkommenheit da steht, war, sondern nach und nach das wurde, was er war: Ich glaube, in unfern Zeiten ist das sehr nöthig und am wirksamsten durch ein Beyspiel seines Namens, den Teutschland nicht unter die schlechtesten zählt. Die Vorrede dazu soll dieses mehr auseinandersetzen, welche ich Ihnen auch ehestens schicken werde. Lessing an Mendelssohn 14. Juni 1783: Lieber Freund! Tausend herzlichen Dank für die guten Feyertage, die mir Ihr Jerusalem gemacht! Schwerlich giebt es einen Schriftsteller, der mit solcher Vorsicht und Gründlichkeit das ganze Politische System nicht blos der christlichen sondern aller Theologien, wie sie nur Namen haben mögen, nicht blos untergraben, sondern mit der Wurzel ausgerissen hätte. Bibel und andere göttlich seyn sollende Bücher fürgewöhnliche oder blos menschlich gute Bücher erklären, ist Kleinigkeit dagegen. Deshalb bleibt doch ein kirchlicher Staat; deshalb kann sich doch noch was finden, das einem geschriebenen7göttlichen Wort Gottes oder Offenbarung gleicht: aber die wahre einzige Religion zu einer Gelehrtenrepublik gleichsam machen; mit so vieler Kaltblütigkeit gegen Thorheit und mit so vieler Wärme gegen Menschen und Menschenwohl, in aller Bündigkeit beweisen, daß sie kerne wahre Religion mehr ist,Ernenn sie etwas ähnliches von einer bürgerlichen Verfassung hat, grade zu Religionslehrer zu nichts als Lehrer, Ermahner und Tröster machen, ist, liebster Freund, nach meiner geringen Einsicht herrlich und vortrefflich, und ich hoffe auch nicht zu zeitig: in Europa wenigstens nicht; aber wäre ich Papst oder nur ein kleines Päpstlein, Sie wären mir der leibhaft gekommene Antichrist. Der Göttinger Recensent hat nicht so ganz Unrecht auszurufen: Neu und harst! Neu; denn so hat keiner diese Grundsätze in ein so kräftig Ganzes geformt und solche Schlüsse daraus gezogen. Hart; denn die Kenntniß der geistlichen Rechte ist nichts; kann bei Vernünftigen nichts gelten. Vom Papst bis zum geringsten Abböchen mit einer Pfründe müßten sie Rache über Sie schreyen. Vielleicht war der Neceusent ein Professor juris canonici. Mitunter sind Sie auch boshaft. Erlauben sich keiner Spötterey; aber einer stillen ernsten Höhnerey. Zeitlich und ewig wollen Sie nicht einmal getrennt wissen. Was für Pathos haben diese Wörtchen nicht oft in Predigten verursacht. Nun sind Sie auch ein 0. tbeol. und sind auf keiner Universität gewesen, haben für keinen einzigen Orrräum?bllosop1i'm6 ' p r ogramma.t ir t oder disputirt; treiben bürgerliche Nahrung und sind ein Jude! Welche Unordnung im Staate! Das.Zah wohl ein weiser König ein, und machte Sie nicht zum Mitgliede — . . . 29. Januar 1784. Liebster Freund! Wenn Sie mir gleich nicht antworten, so denken Sie nur nicht, daß Sie mich dadurch los werden. Es giebt eine Art Menschen, die sich nicht so fein abweisen lassen, und darunter gehöre ich. Die^Urtheile, so ich über Ihre Schrift Jerusalem gelesen, haben mich oft so vergnügt, daß ich mir vieles davoll auf Zettel geschrieben um Sie damit zu unterhalten. Denn der Herren Kritiker ihre Winkelzüge und krummen Bücklinge belustigen mich ' außerordentlich. Sie auch? Manchmal werden sie auch freylich hämisch. Z. B., wenn einer sagt, wenn Sie Christum leugnen, so Zengnen Sie auch die jüdische Religion. Heißt das nicht den Kriegen des^ Feindes Land spielen? Ein anderer schließt ganz pathetisch, daß Sie noch Christ werden würden, kraft seines Gebets und Ihres Willens, die Wahrheit zuJrkennen. Doch wenn Sie über so was lachen, wollen ^Sie keine Zeugen. Man hat mir gesagt, daß Sie alle Kritiken beantworten wiirdni, versteht sich insoweit jede etwas anderes einwendet. Also