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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-28 · Heft 48 (28.11.1902) · p. Seite 571

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 48 (28.11.1902)
Date
1902-11-28
Page
Seite 571 (sequence 9)
Language
German
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571 ist der Rabbiner nicht Hüter und Verkünder der Religion allein, sondern zu deren Auslegung, Ausbau und Weiterentwickelnng berufen. Endlich ein Wort über die Prüfungen. Da ist die Neueinrichtung einer Zwischenprüfung, wie sie z. B. die Lehranstalt getroffen, zu loben, weil sie nach, vier oder sechs Semestern abgelegtein gutes Hilfsmittel für einen erfolgreichen Stndieubetrieb ist, und der Schnle wie den Studirenden zur erwünschten Kontrolle dienen. Vielleicht sollte kein stull. llisol. z'ullaleao vor Ablegung dieses Zwischenexamens zum Unterricht an den Neligionsschulen, geschweige zu öffentlichen Uebnngspredigten herangelassen werden. Die große Abschlußprüfung smag so rigoros, wie möglich sein; das verantwortungsreiche Amt kann minderwerthige Elemente schlecht ertragen. Die sogenannten Extraner zurückzuweisen, die sich ihre Kenntnisse auf privatem Wege angeeignet haben, und nun ihre Diplomprüfung auf einer der Hochschulen ablegen «vollen, dafür ist kein vernünftiger Grund einzusehen. Im Gegeiltheil, sie sollten nach höchstens halbjähriger Respektszeit mit aller nur möglichen Rücksichtnahme einem nicht allzulange währenden Examen in sämmtlichen Fächern unterzogen und bei günstigem Ausfall mit dem gleichen Zeugniß, wie die regulären Studirenden entlassen werden. Dagegen sollten sich die Gemeinden und Theologen dein Votum des Allgem. Deutschell Nabbinerverbandes anschließen, um Autorisationen einzelner Rabbiner im Stile des Mittelalters nicht mehr für vollgiltig anzusehen. Es könnte sonst dahin kommen, daß wir mit Rabbinern 1. und 2. Grads zu rechnen hätten. Und nun noch ein heikler Punkt, die Forderung eines Gelöbnisses vor der Aushändigung des Diploms, z. B. niemals iil einer Orgelsynagoge fungiren zu wollen, bei Verlust der Qualifikation. Wir bekennen offen, daß uns dieser Modus, wie er auf einem der Rabbinerseminare gehandhabt wird, wie eine Versündigung gegen den Geist des Judenthums erscheint. Kein Maimuni, kein Albo hätten die Orgelveriverfung unter die Grundsätze des Judenthums ausgenommen und als wichtigere denn andere einschneidende religiöse Forderungen hingestellt. Man kann jene Verpflichtung nicht mit dem Schwur auf das Apostolikum bei den evangelischen Geistlichen, auch nicht mit dem Staatseid der Beamten vergleichen; wohl aber hat sie verzweifelte Aehnlichkeit mit den Ordensgelübden gewisser religiöser Gesellschaften. Wollt Ihr die Geivissen zwingen, dann verpflichtet auf das große Judenthum; sonst bedenket, daß das in Freiheit bebende Gewissen zugleich das adligste und das zarteste ist. Eines solchen aber bedarf der Rabbiner in allen gar nicht abzusehenden, weil in immer neuen Formen auftretenden religiösen Fragen, und kaum ein Stand muß solche Selbstzucht üben als dieser. Ohne die geringste Stütze im öffentliche«« Recht, das weder seinen Namen noch seine Art kennt, ohne andere als allgemein moralische Garantien in seiner Stellung gegenüber der Gemeinde, kann er eben nur sein, was er selbst ans sich zu machen versteht. Da heißt es voranschreiten, die Zeichen der Zeit verstehen, sich immer höhere Ziele stecken. Das gleichzeitige Einporstreben so vieler verschiedenartiger Stände zur Erhöhung ihrer sozialen Geltung, unter Zuhilfenahme der öffentlichen Meinung und sogar der Gesetzgebung, sollten auch dein Rabbinerstande ein deutlicher Wink sein, wie inan der Gefahr entgeht, ins Hintertreffen zu gerathen. Nur durch größte Kraftanstrengung, durch klarstes Zielbewußtsein, endlich durch den Adel größter Uneigennützigkeit kann sich der Rabbiner dis ihm gebührende Stellung erringen. Nur so kann er auch wieder zu jener Führer-, nein Mitführerschaft in« deutschen Jndenthnm gelangen, die ihm eine nach Jahrhunderten zählende Vergangenheit ohne Neid und ohne Reue gewährt hat. Mendelsftchnrana. Von Professor Lildwig Geiger. H. Rarl Gotthelf Lessing und Moses Mendelssohn. us Kayserlings Mendelssohn-Biographie weiß man, daß auch der Bruder des großen Lessing, Karl Gotthels, mit dem jüdischen Weltweisen bekannt war, daß er von de«« Vorgängen im Leben des Letzteren seinem großen Bruder berichtete, daß er ferner durch Mendelssohns Vermittelung die Stelle eines Assistenten beim Generalmünzdirektorium in Berlin erhielt und gelegentlich mit seinem Gönner Umgang pflog. Auch aus anderen Zeugnissen wissen wir, daß Karl Gotthels viel mit Juden verkehrte. Dieser Verkehr erzeugte in ihm eine philosemitische Stimmung, der er in folgenden Worten Ausdruck gab: „Viele Logen, auch die deutschen, nehmen rechtschaffene Männer aus allen Religionen auf. Ist die jüdische keine Religion? Oder ninunt man darum die Juden nicht auf, weil sie eine unterdrückte und verachtete Nation ist? Schande unsere««« Jahrhundert, daß es Menschen geben kann, die eine ganze Nation verachten können." In den« Leben des Bruders, das er schrieb, sprach er häufig von Mendelssohn; in eine««« an seine«« Bruder Gotthold gerichteten Briefe kommen folgende Worte über Mendelssohn vor: „In unseren Himmel können wir ihn unmöglich aufnehmen, so gern ich auch bei ihm bin. Ich für mein Theil will ihn noch auf dieser Erde recht nutzen und seiner Freundschaft keine Schande zu machen suchen." Auch in den Schriften Karl Gvtthelfs kommen ganze Stellen über Juden und Mendelssvhn vor; die eine lautet so: „Als ich das erste Mal in einer Gesellschaft von lauter Juden war, wollte ich das Wort Jude nicht gern gebrauchen. Ein Jude mit einen« langen Bart bemerkte meine Verlegenheit und sagte mir, meine Hand drückend: „Sagen Sie immer Jude, dieses Wort ist bei uns so ehrwürdig als bei Ihnen das Wort Christ." Ein anderes Mal findet sich eine lange Aussührung über das Lustspiel „Die Inden", aus der folgende Stelle der Mittheilung werth ist: „Selbst unser jüdischer frommer Mendelssvhn gehörte zu den Inden, die sich nicht ausreden lassen, daß Christus als Jude gekreuzigt und gestorben sei. Ein aufgeklärter und «venu ich mich recht erinnere französtscher Vernunfttheologe zu Berlin wollte sich von freien Stücken seiner armen Seele erbarmen und ihn« zur christlichen Seligkeit helfenaber der in diesem Kapitel etwas verstockte Moses fühlte seinem vernunftvollen Proselytenmacher auf den Zahn und fragte ihn unter anderen um die Stelle im «lenen Testamente, worin Christus dem Jndenthum öffentlich und feierlich entsagte, welcher nach seiner Einsicht nur in der jüdischen Religion aufklären, sie aber keineswegs ansheben wollte. Der Bekehrer hatte sich auf alle Einwendungen eines jüdischen Gelehrten gefaßt geinacht, nur auf diese nicht. Moses mit einen« schalkhaften Lächeln, welches er mit vieler Deinuth gegen einen «nenschen-

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