Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- Seite 570 (sequence 8)
- Language
- German
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570 diesen muß das Naheliegende und die einstige Praxis maßgebend sein. Nahe liegen uns aber die zahlreichen, unsprüuglich griechisch geschriebenen Erzeugnisse der jüdisch-hellenistischen Epoche, also Apokryphen, Dichter, Historiker. Philosophen. Nahe sollte uns, mindestens so sehr, wie der Koran, die Litteratur des Urchristenthums, einschließlich der alteren Kirchenväter liegen. Wodurch anders hat aber die evangelische Theologie lene Meisterschaft auf dem Gebiete des „Alten" Testaments errungen, wenn nicht durch den phänomenalen Betrieb der wissenschaftlichen hebräischen Grammatik? Die Namen Ewald, Olshausen, Dillmann, Kautzsch, Stade und König bestätigen dies. Nun wollen wir nicht etwa die paradoxe Forderung erheben, unsere jüdische Theologie sollte es fortan mit dem Griechischen ähnlich machen, um die Waffen ins gegnerische Lager zu tragen. Aber besser ausgerüstet muß der junge Theologe werden, um die wissenschaftliche christliche Theologie mehr von innen heraus verfolgen zu können. Diese letztere durchpflügt unaufhörlich unsere Urkunden und hat schon einen bedeutenden Anlauf genommen, auch unser talmudisch-midraschisches Schriftthum wissenschaftlich zu erforschen. Wir unsererseits kümmern uns kaum um das Abc ihrer Theologie, sei es in religionsgeschichtlicher oder apologetischer Absicht; auch eine Folge des entarteten, nicht des früheren, z. B. spanischen Mittelalters. Beachten wir einmal, was einem Zuuz, Sachs, Geiger, Graetz, Joöl einen gewissen Vorrang unter unseren Theologen gab? Es war die Verbindung jüdischer mit altklassischer Gelehrsamkeit bei ihnen, die heute immer seltener wird. Im Hinblick auf die Vernachlässigung des Philo und Jvsephus und ihrer Auslieferung an das Christeuthum bemerkt Joöl einmal (Blicke in die Neligionsgeschichte u. s. w. ll. Band, Seite 51): „Von Philo und Jvsephus ab . . . konnte Jeder alles den Juden aufbürden, wenn er es nur auf Griechisch oder Lateinisch sagte, ohne eine Widerlegung befürchten zu müssen. Jvsephus war der letzte Jude auf lange Zeit, derben hellenistischen und römischen Lügen über die Juden heimlenchtete, nachher konnte man ihrem Nücke» allerlei aufladen, ohne daß sie selbst auch nur darum wußten. . . Aber Schuld der Inden war es doch, daß man ihnen z. B. den Jvsephus verstümmeln konnte.. weil sie um alles, was nicht die Auslegung und Wahrung ihres Gesetzes betraf, sich nicht sonderlich kümmerten." Nun mißbrauchen unsere Antisemiten heute zwar unser geliebtes Deutsch, aber die Urquellen des Hasses wie des Jrrthums, sie sind in jener unendlichen Kirchenlitteratnr zu suchen, zu denen Latein und Griechisch den Schlüssel bieten, nnd die zu unterschätzen der größte Fehler wäre. Und die Praxis redet eine noch deutlichere Sprache. Soll der jüdische Theologe im Stande sein, seine Gemeinde, besonders auch die Gebildeten in deren Mitte, aus der geistigen Umstrickung des Christenthums zu retten, dann Hilst kein vornehmes Jgnoriren des letzteren; er muß Bescheid wissen. Ist er dazu auf dem Boden des klassischen Altcrthnms heimisch, so hat er einen neutralen Boden, auf dem er sich im amtlichen, gesellschaftlichen nnd gemüthlichen Verkehr mit dem gebildeten Christen treffen und unauffällig für die Achtung und Anerkennung seiner Religion wirken kann. Ein ähnlich neutraler Boden ist die vaterländische Litteratur, insbesondere der klassischen Epoche, und eminent geeignet, die Lebensgemeinschaft des Rabbiners mit der christlichen Bevölkerung beziehungsreicher zu gestalten. Wir fordern daher etwas Sanskrit und Germanistik, also alt- und mittelhochdeutsch. Es ist nur in der Ordnung, daß der deutsche Rabbiner seine Muttersprache, die er oratorisch, also künstlerisch handhaben will, gründlich kenne, also auch mit ihrem Werden nnd Wesen, ihrer Eigenart und Schönheit vertrant sei. Das sind zudem Studien, die er im Amte fortsetzen kann; die orientalischen muß er da leider ans Mangel an Anregung und Hilfsmitteln meist einschlafen lassen. Nun zum wichtigeren Moment, dem Erwerb jüdischtheologischer Kenntnisse. Da muß vor allem daran sestgehalten werden, daß die talmudisch-rabbinischen Studien im Mittelpunkte der theologischen Ausbildung bleiben müssen. Ihr Fundament, gleichsam ihr Realgrund, ist sreilich die heilige Schrift. Dieser diene ein intensiverer Betrieb der hebräischen Grammatik; ist es doch heute ein Vorzug des Seminars für das orthodoxe Judenthum, daß es eine Autorität, wie Professor Barth, zu seinen Dozenten zählt. Die ältere jüdische Exegese, sie sei grammatikalischer oder ethisch-homiletischer Richtung, ist nicht zu entbehren, da der angehende Prediger in Bibelsorschnng und -erklärung gar nicht vielseitig genug geschult sein kann. Die moderne Bibelexegese mag durch die Universitätsstudien ergänzt werde», doch darf auf den jüdischen Hochschulen eine streng sachliche und methodische (also nicht chlos gelegentliche) Auseinandersetzung mit der extremen Bibelkritik nicht fehlen. Der Eingeweihte weiß ja, daß diese letztere selber noch sehr der lleberkritik bedarf, ihre gesicherten Ergebnisse aber den Grundwahrheiten des Judenthums nicht im mindesten Abbruch thnn. Die biblische Theologie ferner (auch altestamentliche Neligionsgeschichte genannt), deren Begriff von Geiger und Steinthal festgestellt ist, deren systematische Bearbeitung aber noch immer aussteht, müßte eine Domäne der Hochschulen bilden. Im Lehrplan derselben können dann auch nicht fehlen: Neligionsphilosophie in historischer und systematischer Behandlung, Geschichte und Litteratur. nebst Quellenkunde undLitterarkritik, endlich Homiletik und Pädagogik. Das Schwergewicht muß aber, wie bemerkt, ans die rabbinischen Fächer gelegt werden. Wie Talmud und Dezisvren heute bei der veränderten Stellung des Rabbiners im wirklichen religiösen Leben fruchtbringend und zweckmäßig zu betreiben seien, das ist ein Kapitel für sich, das uns hier zu weit führen würde. Zweck und Ziel dieser Studien sind aber nicht zu verkennen; sie müssen den Rabbiner erst znm Rabbiner machen, d. h. ihm alles geben, was ihn vor dem landläufigen Knltusbeamten oder Chajeodom-Gelehrten anszeichnet. Seine Hanptstärke muß darauf beruhen, daß ihm die Quellen, Bahnen nnd Stufen des biblisch-talmudisch-rabbinischen Judenthnms geläufig und gegenwärtig sind, daß er in jedem Augenblicke über Lehre nnd Leben des Jndenthums in allen seinen Aenßernngen Rechenschaft zu geben weiß, die maßgebenden Stimmen, die sich über jeden Punkt ausgesprochen, selber verhören und abwägen kann. Darauf vor allein beruht das dem Rabbineramte immanente Recht der autoritativen Entscheidung im Praktischen Falle, dessen Geltungsbereich und Modalitäten, wie uns die letzte Tagung des D. I. G. B. wieder belehrt hat, so überaus schwankend sind. Man glaubt dem Rabbiner gerecht zu werden, wenn man ihn oberflächlich nnd vieldeutig Lehrer nennt. Die Geschichte aber so wenig wie die einfachste Etymologie läßt sich dazu gebrauchen; denn Rabbi oder Raw hat nie und nirgends Lehrer im gewöhnlichen Sinne geheißen, sondern ursprünglich Großer, d. h. Herr, dann Meister, oberster Religionsgelehrter. Als solcher