Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- Seite 569 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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569 dürfnisse überall dort, wo sie noch schlummern oder noch brach liegen. Selbst der edle Geist der Zach. Frankel'schen Schule hat selten über die Orte hinübergegriffen, an denen Theologen des Breslauer Seminars ihre Amtsthätigkeit entfalteten. Aber wir wollen nicht zu viel von diesen drei Hochschulen der Breslauer und den beiden Berlinern) verlangen; sie sind reine Privatinstitute, die von der Sonne des Staates nicht den leisesten Strahl auffangen. Alle bis auf Philippsvn und Geiger znrückgehenden Versuche, ihnen den Charakter der Oeffentlichkeit und staatlichen Anerkennung zn geben, sind bisher gescheitert. Was Ungarn seiner Judeuheit in dem königlichen Rabbinerseminar in Budapest längst vergönnt, scheint in Preußen noch in nebelhafter Ferne zn liegen. Das wird auch nicht anders werden, bis das veraltete Judengesetz von 1847 für die altpreußischen Provinzen einer ^gründlichen Revision unterzogen worden ist. So steht es jeder dieser Anstalten sren sich eigene Statuten nach bestem Ermessen zu geben, die heilsame Kontrolle der öffentlichen Meinung aber abzulehnen, und in wichtigen Punkten ohne Rücksicht auf einander abweichend, wenn nicht gar gegensätzlich zu verfahren. Fassen wir als Hauptmomente die Aufnahmebedingungen, den Studienbetrieb und die Prüfungen ins Auge. Was die erstgenannten betrifft, so ist insofern eine erfreuliche Uebereinstiinmung, als alle drei das Reifezeugniß einer höheren Vollanstalt verlangen. Die „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" zum Beispiel, die jetzt gerade aus ein dreißigjähriges Bestehen zurückblicken kann, konstatirt alljährlich in ihren Berichten : alle Hörer, Inivie Ausländer, waren mnturi. Wie es nun mit den Realabiturienten zu halten sei? Allerdings sträuben sich die christlich-theologischen Fakultäten noch als die einzigen gegen deren Zulassung, offenbar in Rücksicht auf die griechische Ursprache des Neuen Testaments. Die rabbinischen Hochschulen mögen so rigoros nicht Vorgehen, schon weil sie mit einer so bescheidenen Besuchsziffer zu rechne» haben. Dennoch bleibt die beste Vorbereitungsstätte auch für den angehenden jüdischen Theologen das humanistische Gymnasium. Diese gottlob simultane Lehranstalt theilt mit den übrigen höheren Schulen die große Vielseitigkeit der Bildungselemente, hat aber den besonderen Vorzug, den jungen Mann in die Welt des klassischen Alterthums einzuführen. Nun ist aber die tiesgewurzelte Ueberzeugung unserer gebildetere Stünde und leitenden Persönlichkeiten, daß Humanismus und Christenthum die Hauptelemente und -stützen unserer heutigen Kultur bilden. Wir Juden setzen statt Christenthum Judenthum, oder christlich gefärbtes und gemodeltes Judenthnm; denn wir sehen klar, daß es die jüdischen Elemente sind, die das Christenthum in den modernen Verhältnissen kulturfühig, kulturschützend und -fördernd machen. Aber Humanismus, klassisches Alterthnm läßt sich auch ans unserem Knlturbewußtsein nicht streichen, so sehr sich dasselbe auch nach der Richtung der neueren Sprachen und der Naturwissenschaften entwickelt und gleichsam verselbständigt. Zu eng sind unsere Sprache und unser Recht, unsere Litteratur und Kunst mit der Antike verknüpft, zu stark sind sie auf sie angewiesen. So würde denn der junge Realabiturient, der Rabbiner werden wollte, sicherlich zum nachträglicheil Studium der klassischen Sprachen anzuregen sein, um nicht in Studien und Praxis oft ans empfindliche Lücken zu stoßen. Betreffs der zu fordernden religiösen Vorkenntnisse gehen die Anstalten weit aus einander. Die genannte „Lehranstalt" wahrt den akademischen Charakter am besten, indem sie gar keine verlangt. Die medizinische oder juristische Fakultät fordern auch keine Vorkenntnisse in den Fachgegenständen, warum soll der junge Theologe gerade „Raschi und leichte Gemarastücke" mitbringen? Vielleicht wäre an eine Art plsdralcum eher zu denken, nach Analogie des christlich-theologischen. Aber der jüdische Theologe wird sicher bald merken, daß er ohne gründliche hebräische Sprachkenntnisse keinen Schritt auf seinem Gebiete vorwärts thun kanu. Wenn manche Eltern ihre mit dem Reifezeugniß versehenen Söhne, die Rabbiner werden sollen, zuerst auf ein bis zwei Jahre zu einem Rabbiner von Ruf zur Erwerbung von Vorkenntnissen senden, so werden diese dem jungen Manne nur nützen. Aber es bleibt zu erwägen, ob man demselben die wohlverdiente akademische Freiheit vorenthalten und den Beginn der allgemeinen Studien verzögern soll. Auch die nicht unbegründete Furcht vor der großen Stadt darf nicht ausschlaggebend sein; es muß da bei dem Goethe'schen Worte bleiben: Es bildet ein Talent sich in der Stille, Sich ein Charakter in dem Strom der Welt; und Charaktere solleil die Rabbiner doch wohl werden. Was nun den Studienbetrieb anlangt, der einschließlich praktischer Uebungen und Examina auf sieben bis acht Jahre berechnet zu werden Pflegt, so bewegt er sich in zwei Richtungen. Der junge Manu soll sich theologische Fachkenntnisse aneignen, und er muß Vorlesungen in der philosophischen Fakultät hören, um sich den Doktorgrad zu erwerben. Er „muß" das letztere, nicht etwa weil es irgendwie im Wesen der jüdischen Theologie läge, sondern weil die Gemeinden es so wollen. Vielleicht ist das Eitelkeit, vielleicht sollten, die Gemeinden erwägen, daß die rabbinische Würde doch dem theologischen Doktor entspricht, und vom christlichen Pfarrer beider Konfessionen nichts als diese seine geistliche Qualität verlangt wird. Wir wollen nicht dagegen ankämpfen, sondern aus der Noch eine Tugend machell. Indessen scheint es, als wollte Ihr verehrter österreichischer Korrespondent dagegen ankämpfen, indem er den Rabbinern unaufhörlich ihre philosophirenden Predigten vorwirft. Ich fürchte nur, würden sie von Aristoteles oder Spinoza, von Kant und dessen Schule nichts wissen, er würde sie Ignoranten schelten. Freilich stndiren auch die katholischen Geistlichen Philosophie, aber sie wissen auch, warum sie sie auf die Kanzel nicht mitnehmen. Bei ihnen überwuchert die Dogmatik alles andere; ihr Grundsatz heißt: erecko, nt iutolliKrun, ihr Hauptargument: Höllenpein. Sollte der jugendliche jüdische.Thologe zu viel philosophiren, der reifere wird es (sollte er nicht gerade ein zweiter JoLl sein) von selbst bleiben lassen. Neben der Philosophie kommen geschichtliche und besonders sprachliche Studien in Betracht. Das Syrische ist absolut unentbehrlich für das wissenschaftliche Verständniß des talmudisch-midraschischen Idioms. Das Arabische ist werthvoll, doch sollte damit kein zu großer Kult getrieben werden. Bei all den wichtigen, arabisch geschriebeneil Werken mittelalterlichen Philosophen, Grammatiker und Dichter ist doch die arabische Sprache nur zufällig, lind sie sind zum größtenjTheil längst in die Weltsprache des Judenthums, ins Hebräische, übertragen. Elementare, selbst gediegene Kenntnisse des Arabischen möchten auch wir ungern vermissen; eine völlig Beherrschung aber, wie sie znr Religionsvergleichung und Apologetik erforderlich ist, können wir vom jungen Theologen nicht verlangen. Für