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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-28 · Heft 48 (28.11.1902) · p. Seite 566

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 48 (28.11.1902)
Date
1902-11-28
Page
Seite 566 (sequence 4)
Language
German
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566 der Rabbinatsgemeinden sollte man in den Vordergrund dieser Bestrebungen ziehen, damit letztere mit den Kollegien ihrer Nachbargemeinden in Verbindung treten. Soll das erstrebte Ziel erreicht werden, daun darf mit der Arbeit weder gespart noch gesäumt werden. Es ist eine schwere Aufgabe, aber auch eine lohnende. In den bisherigen Bahnen kann und darf es jedenfalls nicht weitergehen. Es ist gewiß ein schönes Zeichen von der Verjüngungskraft des Judcnthums, «neun sich jüngst eine neue Vereinigung die Förderung seiner wissenschaftlicheu Erforschung zum Ziele gemacht hat. Wo ersteht aber endlich den Glaubensgenossen in den kleineren und kleinsten Städten der Erretter, der ihnen die nvthwendige religiöse und moralische Erhebung bringt? Für die definitive Anstellung der Rabbiner ist natürlich zuvor die Gründung der Pensions- und Reliktenkasse erforderlich, wie ja der diesbezügliche Antrag des Rabbinerverbandes auch unter dieser Voraussetzung gestellt wurde. Wie weit es damit steht, darüber ist in den letzten Monaten nichts mehr bekannt geworden. Ebensowenig, ob der erforderliche Garantiefonds endlich gezeichnet ist. Wenigstens sind seit Wochen schon keine Spenden mehr in den jüdischen Blättern verzeichnet gewesen. Und doch sind diese durchaus erforderlich, soll die Kasse die Hoffnungen und Erwartungen erfüllen, welche von allen Seiten in sie gesetzt werden. Man Hütte eS fast nicht glauben können, daß die deutsche Judenheit, die doch überall Herz und Hand öffnet, wo ihre Hilfe angerufen wird, hierbei eine gewisse Engherzigkeit zeigen würde. Und doch muß man dies trotz der zahlreichen Spenden, die aus der Mitte einiger Großgemeinden erfolgt sind, koustatireu. Wir wissen es gewiß zu entschuldigen; die Roth der Zeit, der Drang der Verhältnisse spannen die materiellen Leistungen fast über Gebühr an. Anfschiebcn läßt sich aber diese Arbeit, die im Grunde genommen spät genug schon in Angriff genommen wurde, anerkanntermaßen nicht. Dann muß aber auch ein Mehr geleistet werden, um dem Rabbinerstande das zu geben, was seine soziale Stellung unbedingt erforderlich macht und schon um der definitiven Anstellung seiner Angehörigen willen nothwendig ist. Lis clat, gm cito äst; mit dem, was geschehen muß, säume man nicht. Die Durchführung der auf dem Gemeindetage angenommenen Beschlüsse ist eine unabweisbare Nothwendigkeit. Bleibe daher Niemand zurück, wer da irgendwie zu helfen vermag. Es gilt ein großes, verdienstvolles Werk anfzuführen. Me Woche. Berlin, 26. November. iesmal war es der famose Graf Pückler-Klein- Tschirue, der an die Reihe kam. Seit mehr als einem Jahre hetzte dieser Mann in öffentlichen Volksversammlungen gegen die Juden in einer Weise, die so grotesk war, daß man allerdings annehmen konnte, sie sei gebildeten Menschen nicht gefährlich. Da aber das Publikum den Versammlungen, in denen der Graf zu sprechen Pflegte, in seiner Majorität nicht gerade aus Elementen zusammengesetzt ist, denen solche Hetzreden wenig gefährlich werden können, so sehen sich die Gerichte im Interesse der öffentlichen Ordnung wiederholt genöthigt, gegen den Hetzredner vorzugehen- So oft er sich aber zu verantworteu hatte, erklärte er, seine Aeußernngen seien „bildlich" anfzufasseu. Bildlich solle man die Juden verhauen, austreiben, todtschlagen u. s. w, Nicht etwa, weil das Gericht dieser Auslegung Glauben schenkte, sondern aus ganz anderen Gründen, die man anznnehmeu geneigt ist, wenn man jene Reden des Grafen liest, wurde derselbe einige Male freigesprochen. Diesmal ist er aber doch nicht so glatt davongekommen; das Gericht hat sich der Ansicht des Staatsanwalts angeschlossen, daß der Herr Graf doch kein Spaßmacher, sondern betrübend ernst zu nehmeil und demgemäß zu behandeln sei. Natürlich wird man auch aus diesem Urtheil antisemitischerseits Kapital schlagen. Man versucht es jetzt, die Dinge so darzustellen, als bestehe auf Seiten der Behörden und Gerichte die Absicht, jene Beivegung lahmzulegen. Wie falsch diese Behauptung ist, weiß Jeder, der die Verhältnisse kennt. Es ist eiil reiner Zufall, daß in der letzten Zeit mehrere Prozesse gegen die Antisemiten zur Verhandlung gelangten oder vielmehr kein Zufall, sondern die Schuld jener Leute selbst, die die Prozesse Jahre lang verschleppten und nun den Schaden davon zu tragen haben. Das ist alles. «> Die Stellung der Juden in der Armee kommt selten zur öffentlichen Erörterung. Neuerdings haben in einer Polemik mit der „Demokratischen Korrespondenz" die „Neuen Militärischen Btätter" die Frage wieder gestreift, aber in einer recht oberflächlichen Weise. Sie sagen: Es giebt „eine ganze Anzahl von jüdischen Staatsangehörigen, die es zum Vizefeldwebel der Reserve und Landwehr gebracht haben, selbst einige Offiziere des Beurlaubtenstandes jüdischen Glaubens sind uns bekannt. Es besteht keinerlei Hinderniß für diese Leute zum Aufrücken, allein es liegt nun einmal in derü Wesen der Dinge, daß die Zahl derer, die sich dazu eignen und denen es überhaupt darauf ankommt, eine verschwindend kleine ist. Einerbesonderen Begründung bedarf es nicht, die Verhältnisse sprechen für sich selbst." Basta. Es besteht also keinerlei Hinderniß außer dem Wese» der Dinge. Dieses Wesen ist aber nichts anderes als das Unwesen des verborgeneil Antisemitismus. Der Jude ist körperlich ungeschickt lind feig dazu — das ist so die gangbare Auffassung in der Armee, und wenn ein Jude seinen Kameraden an Gewandtheit und Schneid noch so sehr überlegen ist, er bleibt dem Vorgesetzten im Stillen „verdächtig", und eine der zartesten Kasernenhof- und Kasinoblüthen deutet ihm durch die Blume den wahren Grund der Nichtbeförderung au: seine militärische Laufbahn sei ihm bereits bei der Geburt abgeschnitten. Da soll doch Niemand auftreten und vom „Wesen der Dinge" reden oder auf die Paar Ausnahmen Hinweisen, in denen sich die Beförderung jüdischer Mannschaften wirklich nicht umgehen ließ, ohne das ohnehin nur halb versteckte Dorurtheil gänzlich zu enthüllen. Eine eben aufgedeckte antisemitische Fälschung verdien niedriger gehängt zu werden. In der Nummer vom 3. Oktober d. I. brachte das Wiener „Deutsche Volksblatt" einen von faustdicken Lügen strotzenden Bericht über die vor wenigen Tagen in Frankfurt a. M. abgehaltene Nabbinerversammlung Am 18. Oktober war das Hetzblatt gezwungen, folgende Berichtigung abzudrucken:

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