Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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66 Jahrgang. Nr. 47. Kerlin, 21. November 1902 Weikage zur „Allgemeinen Zeitung des IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Arutschlaild. AK Berlin, 14. November. Am 11. ^d. M. hielt im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur Herr Dr. A. Berliner den ersten seiner beiden Vorträge: „Bilder ans der Kulturgeschichte der Juden im Mittelalter." Der gelehrte Redner führte seine Zuhörer in die Welt der Nesponsenlitteratur und somit in die Geisteswerkftatt der Rabbiner des Mittelalters, indem er zunächst diese Art der Litteratur schilderte, daun die Verkehrswege besprach, auf denen diese Responsen von einem Ende der Welt bis zum anderen gelangen konnten, und hieraus eine reiche Fülle von Bildern aus dem religiösen und sozialen.Leben vorsührte. Man erhielt da durch den kundigen Führer einen Einblick in eine fremde, aber höchst interessante Welt. Man lernte das Leben der Juden im Mittelalter in Ernst ^und Scherz, in Freude und Trauer, in der Synagoge wie im Haus<kennen. Ueber allem aber waltete der religiöse Eifer und die fromme Gesinnung, die jed<Lebensäußerung durchwehte und auch in dunkler Nacht Helles Licht verbreitete. Es ist begreiflich, daß ein solcher Vortrag allgemeinen Beifall und die wärmste Theilnahme hervorrief, denn nur selten verbinden sich große Gelehrsamkeit und wahrhaft populäre Darstellung in so ungesnchter Weise wie in den Vorträgen des Herrn Dr. Berliner. Der große Saal war wieder bis auf den letzten Platz gefüllt, und Viele, die keinen Platz mehr erhalten konnten, mußten rnnkehren. Infolge dessen hat der Vorstand des Vereins beschlossen, bei dem Vortrage des Herrn Professor Dr. Sellin-Wien über seine Ausgrabungen in Palästina den Eintritt nur gegen Vorzeigung der Einladungskarten zu gestatten. — Auch in den auswärtigen Litteraturvereinen hat bereits die Winterarbeit begonnen. In Memel sprach Dr. Beermann°Insterburg über „Deutsches Ghettoleben im 13. Jahrhundert"; in Danzig Dr. C. Pinn-Berlin über „die Bedeutung des Judenthums für die Erhaltung der Wissenschaften im Mittelalter"; in Stettin Herr Felix Falk über Ludwig Jacubowski; in Oftrowo Dr Jacobson-Gnesen über „die Frau im Talmud"; in Nakel eanck. tlitzol. W. David über „die Entstehung und Bedeutung des Talmud"; in Breslau Kirchenrath Dr. Kroner-Stuttgart über „Jnd Süß"; in Forst Dr. H ochfeld - Frankfurt a. O. über „die Judenverfolgungen im Mittelalter und deren Ursachen"; in Erfurt Dr. A. Kahn-Bonn über „das alte und neue Ghetto"; in Eisenach Dr. A. Kohut über „die namhaftesten jüdischen Humoristen der Gegenwart"; mH Leipzig Dr. A. Ackermann-Brandenburg über „Ursprung und Originalität unserer Synagogenmelodien"; in Köln Dr. Frank: „Rückblick auf die Ereignisse des verflossenen Jahres; im Jndenthum", Lehrer Löb über Jsak Troki; in Aachen Dr. Adolf ohut überJosel von Rosheim; in Mainz Dr. Seligmann-Frankfurt a. M. über „das Problem der jüdischen Kultur"; in Mannheim Dr. Mannheimer-Oldenburg über „Kultur und Judenthum"; in Metz Dr. A. Kohut über „Friedrich der Große und Joseph II. in ihren Beziehungen zu den Juden". — Neue Litteraturvereine wurden begründet in Gießen und Detmold, der Heimath von Leopold Zunz; der letztere führt in schöner Pietät den Namen „Leopold Zunz-Verein" und zählt bereits ca. 60 Mitglieder. Vorsitzender ist Herr Prediger Plaut in Detmold. ----- Berlin, 16. November. Am 24. dieses Monats findet in der Philharmonie eine musikalische Aufführung althebräischer Gesänge statt. Das Programm ist nach musikgeschichtlichen Gesichtspunkten unter dem sachverständigen Beirath des Herrn Professor Dr. O.skar Fleischer entworfen. Di? Leitung des Chors hat Herr Kapellmeister Albert Kellermann. Chordirigent der neuen Synagoge, sreundlichsr übernommen. Für die Solipartien sind bewährte Kräfte gewonnen, so Frau Sophie HeLmann Engel kSopran). Herr NudolfBerger, kgl. Hofopernsänger (Baryton), Herr W erner Alberti <Tenor), Herr Heinrich Grüns eld, kgl. Hofcellist (Cello), und verspricht diese Aufführung somit eine genußreiche, interessante Darbietung. Da überdies dev Reinertrag für einen wohltätigen Zweck bestimmt ist, nämlich zum Beste» des 1. israelitischen Volkskindergartens und-Horts, darf wohl auf zahlreichen Besuch gehofft werden. Billets werden vom Vorstand versandt und sind außerdem bei Bote H Bock zu haben. ----- Berlin, 12. November. Die Strafsache gegen den früheren Redakteur Böckler wegen Beleidigung des Professor Dr. Hermann L. Strack, über die wir bereits kurz berichteten, hat ihren Ausgangspunkt von der s. Z. vor der zweiten Strafkammer verhandelten Strafsache wider den Buchhändler Dewald, der wegen Verbreitung der antisemitischen Konitzer Ansichtspostkarten verurtheilt worden ist. Vor Eintritt in die Verhandlung stellt Rechtsanwalt Simons einen Ablehnungsantrag, der sich einem in der vorigen Sache vom Angeklagten Koch gestellten gleichen Anträge angliedert. Der letztere hatte einen Ablehnungsantrag gegen den Beisitzer Landgerichtsrath Ziehm gestellt, und dieser hatte bei einer Aeußerung hierüber Folgendes erklärt: „Ich erinnere mich nickt, daß ich in einer Verhandlung gegen den Buchhändler Dewald bei den Ausführungen des Angeklagten Dewald und seines Vertheidigers über den „Nitualmord" mitleidig gelächelt oder den Kopf geschüttelt hätte. Ich halte es aber durchaus für möglich. Die Frage, ob es einen jüdischen Nitualmord giebt, ist nicht neu, sie ist längst von kompetentester Seite widerlegt worden. Wenn es gleichwohl immer wieder Personell giebt, die die Frage ans Geschäftsgründeu, aus Unwissenheit oder aus Haß gegen die Juden als eine offene behandelt wissen wollen, so können sie doch unmöglich von einem Richter verlangen, daß er ihnen und ihrem Zwecke zu^Liebe seine wissenschaftliche Erkenntniß bei Seite setzt und ihren mit Wahrheit und Wissenschaft in Widerspruch stehenden Ausführungen eine andere Beachtung schenkt als die des E'stauneus und Lächelns. Es ist also möglich, daß ich gelacht habe, ich halte mich aber nicht für befangen." Auf Grund dieser in der anderen Sache abgegebenen Erklärung beantragte Rechtsanwalt Simons Namens seines Klienten die Ablehnung des Laudgerichtsraths Ziehm als besangen. Der Gerichtshof zog sich zur Berathuug zurück. Nach Anhörung des Laudgerichtsraths Ziehm durch die Beschlußkammer wurde der Ablehnungsantrag abgelehnt, da jene Erklärung des Landgerichtsraths Ziehm keine Veranlassung gebe, gegen ihn Mißtrauen in seine Unbefangenheit zu sehen. Der^ Angeklagte behauptet, daß das, was er gesagt habe, nur den Thatsachen entspreche. Was den Professor Rohling betreffe, so habe er (Angeklagter) sich an diesen gewandt gehabt und folgenden Bescheid erhalten: „Ew. Hochwohlgeboren erwidern mit bestem Dank, daß der freche Anwnrf durch die Schrift von Clemens Victor über den bekannten Wiener Prozeßversnch bereits eingehend wiederlcgt wurde, und es daher angezeigt sein wird, daß ich selbst mal nach Berlin komme, um die Frechheit öffentlich strafen zu lassen." (Daß er selbst die Schrift unter dem Namen „Clemens Victor" geschrieben, wird nicht erwähnt) Stracks Buch „Das Blnt im Glauben und Aberglauben der Menschheit" halte er in Uebereinstimmnng mit manchen gelehrten Personen für ein durch und durch unwissenschaftliches Werk. Im Uebrigen verweise er darauf, daß Pastor Fr. Weichmann in Steinberg i. N. eine Schrift „Das Schächten" habe erscheinen lassen, zu welcher Professor Strack das Vorwort geschrieben und das Material geliefert habe. Die Schrift sei ein Konglomerat von allen möglichen unzutreffenden Dingen, und Pastor Welchmann habe später in einer in Zielenzig abgehaltenen Versammlung öffentlich erklärt, daß er bedauere, sich zu einerderartigen Arbeit von Professor Strack haben bewegen lassen. Sehr umfangreich gestaltete sich die Vernehmung des Zeugen Professor Dr. Strack. Ec behauptet, daß er in der Dewald-Verhandlnng, in welcher auch die Vernehmung des Professor Rohling beantragt worden war, lediglich pflichtgemäß dem Gerichtshöfe dargelegt habe, warum er die Vernehmung Rohlings nicht für angebracht halte. Er habe zu diesem Zwecke nur eine Stelle aus seiner Schrift „Das Blut im