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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-21 · Heft 47 (21.11.1902) · p. Seite 564

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 47 (21.11.1902)
Date
1902-11-21
Page
Seite 564 (sequence 14)
Language
German
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584 ihr Versprechen ganz vergessen und übersiedelte bald darauf mit ihr ganzen Familie nach Petersburg. Jfsajka hatte nun Niemand, an den er seine Bitte richten konnte, auch schätzte man ihn ans dem Schiffe als einen vortrefflichen Segelmacher. Nach der Abreise der Admiralsfran gab es aber auch dafür keine Versuche mehr. Jssajkas Seele zu retten, und seinem Glauben stets getreu, erfüllte Jfsajka heilig die ihm durch seine Religion auferlegten Gebräuche. Es fand sich immer ein einsames Plätzchen sowohl auf dem Schiffe als auch am Lande, wo der ungewöhnlich fromme Jfsajka jeden Freitag Abend, seinen Betmantel umhäugend, lange und emsig betete und seine Psalmen mit leiser, näselnder Stimme sang. Sein blasse?, mageres Gesicht trug in solchen Augenblicken den Ausdruck einer exaltirten Rührung und eines stillen Kummers zugleich, und seine Stimme bebte voll von dem religiösen Gefühl, das in ihm dann laut wurde. Wie betete er? Und um waS bat er? Und Niemand von den Matrosen wagte es, sich über ihn lustig zu machen oder irgend eine beleidigende Bemerkung fallen zu lassen. Im Gegentheil! Alle wichen mit einer vorsichtigen Ehrerbietung dem betenden Juden aus, und so Mancher wunderte sich über sein exaltirtes Gebet. lForts. folgt) 6! rnole rackmim. > Von Victor Gomulicki. Aus dem Polnischen übersetzt von Heinrich Nitschmanu. /i^-in Sommerabend war's, das Dunkel nahte, Ich stand im Hofe einer Judenkathe, In welcher ich gewicht mich einzustehlen; Der Glaube eint ja nicht — er trennt die Seelen! Dort regte sich der schwarzen Häupter Zahl: Hausirer Jtzig sollte sich vermählen. Auf eines Trödlers Tochter fiel die Wahl. Der Ort war häßlich wie die Gäste alle; Erwachte Gänse schnatterten im Stalle. Zum Lüsten hing ein Bett auf dem Gelände, Und Bratfifchdunst verhieß der Küche Spende, Zwei Bäumen drohte Schwindsucht mit dem Ende. Die Sterne glänzten durch die hehre Nacht Wie Sabbathkerzen in des Goldes Pracht. Im Festkleid unter rothem Baldachin Stand Jtzig, Kerzenqnalm umwallte ihn, Ein Bürschchen, halb ein Knabe, halb ein Manu: Den Inden fällt die Liebe meuchlings an, Er läßt g'schlosfnenAug's das Schicksal walten, Um unverhofft ein Weib im Arm zu halten. Da drängten sich gewöhnliche Gestalten, Wie sie alltäglich feilschen um die Waare, Da sah man Trödler, Mäkler, Antiquare, Mall sah die von der Sonne braunen Wangell Im gold'nen Licht der Wachs-Hawdala prangen. In denen Flamme sich an.Flamme nährt Wie in Erzengels, blitzgeflochtnem Schwert. Die Häupter beugten ruckend sich wie Aehren. Eill unverständlich Plappern war zu hören. Doch schien die Alldacht Keinem der Gei,offen Wie Beaumarchais nur „feierliche Possen". Der Bräutigam verhüllte sein Gesicht, Und einer ans dem Volk — ein Priester nicht — Ein schlichter Mensch, noch bleicher als die Andern Und trauriger, ließ rings die Blicke wandern Und saug — ein Hochzeitleid, doch keins der Lust; Zwei Buben kreischten'mit aus voller'Brust. Der Haufe brummte, halb gerührt, halb wild. Ich sah mit Neugier, aber kalt dies Bild. Und Jtzig ernst bei Schacher wie Altar, War mir nur Jtzig — arm und ein Hausirer, Auch in den Uebrigen, wie viel auch ihrer. Ward ich nur Menschen niedern Schlags I gewahr, Für die Geschäft und Bart und Glauben eins, Denn trotz des Mondlichts und des! Kerzeuscheins, Die sie umflossen in der Weihestunde, Gab kein Gesicht von edlem Aufschwung Kunde. Da plötzlich schwieg der Sang — in stiller Panse That sich ein Fenster auf im Hochzeitshause, Daran die Braut gemäß der alten Sitte Mit Thränen saß in vieler Frauen Mitte. Der Kantor hob die'Arme hoch empor (Ein Mann mit langem Bart, den Blick voll! Feuer), Er sprach vom Vater ihr, der ihr so theuer, Und den sie schon in früher Zeit verlor, Der hellte fehle bei dem Fest der Seinen! Da klagten Alle laut, und bei dem' Weinen. Dem Weiberschluchzen und dem Händeringen Begann er das Begräbnißlied zu singen: „LI inole i-aellinün" ... Anfangs unter Thränen! Stieg der Gesang nur leise himmelwärts. I Noch hemmte seine Kraft der tiefe Schmerz, , Es war ein zitternd Jammern nur. ein Sehnen;! Doch dann, von heißem Fuhlen angefacht,! Erwuchs zur Leidenschaft des Sanges Macht, Denn nicht um eine — um Millionen Grüfte Erhob der Klageruf sich in die Lüfte, Er schwebte zu den Gräbern aller Lande, Wo Israels Gebein gesät umher, Verstreuet liegt gleich unfruchtbarem Sande. Die Saat — so klang es — keime nimmermehr, Nur taubes Unkraut wuchre auf den Stätten, Zu Zwergen wird das Volk im Ungemach, Wie schwer, wie lange drückten es die Ketten Der Sang entströmte mächtiger — ein Bach, Der'von dem Sturm geschwellt zur Ferne strebte, Des Säugers Augen funkelten, es bebte Die Brust ihm, und der Stirn, der unbedeckten, Entperlte Schweiß. Ich sah ein Mütterlein, Gelähmt und regungslos wie Felsgestein, Wie sie die Töne neu zum Leben weckten. Im Zimmer flössen Thränen, ach. so heiß,— Und als das Lied Jerusalems gedachte. Der heil'gen Mutter fern im lichten Weiß, Die ihren Söhnen sich zum Opfer brachte, Als es erinnerte an alle Noth, Verfolgung, Schmach und Bann und Martertod, Und daß das Glück auf ewig hingeschwunden, Da bluteten die aufgeriffnen Wunden. Der hoffnungslose Seelenkummer schwoll Zum Aufschrei an, wild und verzweiflungdvoll Das rang sich aus des Busens tiefsten Falten,— Ich hörte Menschen, klagend vor dem Herrn Im Stolz auf jene Größe, die null fern Und kühn gemacht durch brttern Leids Gewalten. Und wunderbar, jetzt wuchsen die Gestalten. Sie standen groß, geadelt vor mir da! Und edler schien mir alles, was ich sah: Nicht stieß mich Jtzigs Kleidung ab und Stand. Der bärtigen Männer Alltagsmiene schwand,— Mir war zu Sinn, als ob ich wachend träume. Der Hof ... er ward zum Thale, blühend. schön, Am Fuß des Libanon, und Cedernbäume Umrauschten mich wie Sang aus Hrmmelshöhn. Das Thal war zauberisch vom Mond erhellt, Krystallen wölbte sich das Himmelszelt, Den Gluthenhauch der Wüste dämpfte mild Der Palmenblätter kühlend sanftes Fächeln, Der Himmel schien geeint mit dem Gefild, Jehovas Antlitz sah herab mit Lächeln, Ec segnete das Thal und was da lebt, Und Alle beugten sich vor seiner Macht. Von Nardendüsten war die Luft durchwevt, Und Sterne glänzten durch die hehre Nacht Wie Sabbathkerzen in des Goldes Pracht. Mit den Worten „LI mols raclunnn" (Gott voll Barmherzigkeit) beginnt der hebräische Gesang für Verstorbene. Bei einer Hochzeitsfeier stimmt der Kantor denselben all, wenn einer der Verlobten eine Waise ist. — Victor Gomulicki ist ein bekannter Lyriker und Novellist. Die vorliegende Dichtung ist seinem 1887 in Warschau erschienenen Werk n?oerze" entnommen. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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