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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-21 · Heft 47 (21.11.1902) · p. Seite 563

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 47 (21.11.1902)
Date
1902-11-21
Page
Seite 563 (sequence 13)
Language
German
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einen viel angenehmere» Aufenthalt betrachtete pnd stets dem Meere vorzog. Es schien, als ob er so aufmerksam ans jedes Wort der Admiralsfrau lausche, — stramm an der Thür aufrecht stehend, die nach dem Speisezimmer führte, in welchem dieser geistliche Trost ertheilt wurde, daß die Dame fast nicht mehr an der Rettung Jssajkas zweifelte. Sie richtete auf ihn huldvoll ihre einst schöneil Augen, schüttelte mit einer leichten Bewegung ihre grauen Locken, die ihr Gesicht umrahmten, und fuhr, nicht ohne den Ton einer gewissen Feierlichkeit, fort: „Du willst doch, Jssajka, bestimmt «in Christ werden? Und ich werde Deine Pathin sein!" Jssajka, der von Natur aus ein feinfühlender Mensch war und guten Umgang zu schätzen verstand, nahm all seine diplomatische Kunst und seine Geschicklichkeit zusammen, um die Admiralsgattin nicht zu beleidigen und ihren Unwillen auf sich zu ziehen durch eine etwa unehrerbietige Ablehnung ihres so liebenswürdigen Vorschlags. Außerdem fürchtete er. daß daraus für ihn ernstere Unannehmlichkeit entstehen könnten. Was konnte sich sein Vorgesetzter dabei nicht alles denken? Bei diesem Gedanken allein verlor er auch gleich seinen^ ganzen Muth. Und er fing damit an, daß er sich einige Male recht tief verbeugte und sich dafür bedankte, daß eine so hochgestellte Person auf ihn Unwürdigen ihre huldvolle Aufmerksamkeit lenkte. Würde er es sonst wagen, eine solche Ehre zu erwarten? Und Jssajka verbeugte sich unaufhörlich und bedankte sich in den geivähltesten Ausdrücken, die er nur zu ersinnen mochte, doch auf die Frage der gnädigen Frau antwortete er nicht und versuchte es selbst, von den Dankesäußernngen geschickt auf den Vorschlag zu kommen, der Exzellenz ein Paar Sommerschuhe nach der letzten Pariser Mode zu machen. „Ich habe solche Schuhe bei der Admiralin Gwosdoff gesehen, die sich solche aus Paris mitbrachte.... Ach, Exzellenz, was für eine schöne Fa?on und wie sorgfältig gearbeitet!" fügte Jssajka entzückt hinzu. Und ich werde Ihnen dieselben mit zwei Rubel inklusive Stoff berechnen," sagte er, sich schnell dazu entschließend, seine eigenen zwei Rubel znzuzahlen, um nur die geizige Dame zu bestechen, und ihre Aufmerksam, keit von der Rettung seiner Seele abzulenken. Die Admiralssrau nahm diesen Vorschlag huldvoll an und befragte ihn recht ausführlich über die Pariser Schuhe der Frau Gwosdoff. Jssajka dachte nun bestimmt, sich endlich entfernen zu können, und versprach auch, die Schuhe recht sauber zu arbeiten und dieselben in fünf Tagen zu liefern, als die Dame von Neuem anfing: „Warum hast Du mir aber, Jssajka, meine Frage nicht beantwortet? Willst Du Dich taufen lassen oder nicht? Jssajkas Miene wurde plötzlich geheimnißvoll, und die Stimme senkend, sagte er in einem vertraulicheren Tone: „Ich kann es unmöglich thun, Exzellenz." „Weshalb kannst Du es denn nicht?" „Meiner Mutter und meines Vaters wegen. Sie thun mir leid." „Warum thun sie Dir denn leid?" wunderte sich die Admiralsgattin. „Sehen Sie wohl. Exzellenz, meine Eltern sind alt und dumm, wohnen ganz abgelegen, und unwissend wie sie sind, werden sie wohl sagen: kann man denn seinen Glauben wechseln, wie Sie, Exzellenz, mit Erlaubniß zu sagen, Ihr Nachthemd wechseln, und werden gar denken, daß ihr Svhnchen Jssajka sein Gewissen verkauft uud wie der letzte Schuft gehandelt habe. Mein Väterchen und Mütterchen haben keinen richtigen Begriff, welches der wahre Glaube ist und werden fragen: Welcher Grund kann es wohl sein, daß die Russen ihren Glauben nicht wechseln und in demjenigen weiterleben, in welchem sie geboren sind, und Du, Jssajka, hast den Deinigeu gewechselt? Und werden auch noch hinzufügen: Verflucht seist Du, Jssajka! Und werden ohne Ende weinen, daß sie einen solchen schlechten Sohn haben, und werden wohl gar vor Gram sterben. Mich wird es sehr kränken, daß ich die Schuld an ihrem Tode trage, und ich werde mich darüber schämen müssen. Doch was Ihre huldvolle Aufmerksamkeit anbetrifft, die sich auf mich armen Sünder bezog, so gebe Ihnen Gott, Exzellenz, Glück und Gesundheit.... Und dem Herrn Gemahl und den Kinderchen. . . Werden Exzellenz vielleicht auch für die Kleinen Schuhe bestellen?" fügte Jssajka ganz unerwartet hinzu und verbeugte sich von Neuem. Dieser geschickte Hinweis aus Väterchen und Mütterchen, die längst in Frieden ruhten, auch die Beweisgründe, die er diesen „dummen" Leuten zueignete, und endlich die wirklich fabelhafte Billigkeit der versprochenen Schuhe, dies alles machte auf die gnädige Frau einen angenehmen Eindruck. Sie zog denn auch die schwierige Lage in Betracht, in der sich Jssajka befand^ bestand nicht weiter auf die Rettung seiner Seele und lobt« sogar die Liebe und Achtung zu seinen Eltern. Offenbar beruhigt und sogar erfreut, bemerkte Jssajka mit einer gewissen Sentenz, daß jeder Mensch seine Eltern achten müsse und fügte wieder hinzu: „Soll ich nicht auf die Schuhe Schnallen anbringen, Exzellenz?" „Wären Schleifen nicht besser?" „Zu Befehl. Exzellenz, doch würde ich es wagen zu melden, daß sich Schnallen viel besser tragen lassen. Natürlich könnte man auch Schleifen annähen, doch die letzte Mode weist Schnallen auf, und die Schuhe der Frau Admiral Gwosdoff haben auch welche." „Dann will ich auch Schnallen." „Zu Befehl, Exzellenz." Jssajka beeilte sich nicht, wegzugehen, weil er nun genau wußte, daß daß das heikle Gespräch nicht wieder ausgenommen werde. Als er die gute Stimmung der Admiralssrau bemerkte, wagte er es sogar, den günstigen Augenblick wahrzunehmen uud sie zu bitten, für ihn ein gutes Wörtchen einzulegen, damit er keine weiteren Seereisen mitzumachen hätte und sich „am Lande" gemächlich einrichten könnte. „Ich werde mir auch recht viel Mühe geben, daß Ihre Schuhe, Exzellenz, den Ausländischen gleichstehen. Und werde auch immer alle Ihre Bestellungen aufs Pünktlichste ausführen. Im Sommer, leider, bin ich es nicht im Stande zu thun, da ch mit dem Schiffe mitkommen muß. Wäre ich dann am Lande, so hätte Exzellenz nur zu bestellen: Stiefel und Reparatur würden im Nu geschehen." „Ich will es schon meinem Manne sagen," versetzte die Dame. „Ich werde Exzellenz sehr dankbar sein! Leben Sie wohl Exzellenz!" antwortete Jssajka erfreut, und sich linksum wendend, ging er aus dem Zimmer hinaus. Und dennoch blieb Jssajka nicht am Lande und mußte im selben Sommer die Seereise mitmachen. Die Admiralsllattin hat t

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