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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-21 · Heft 47 (21.11.1902) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 47 (21.11.1902)
Date
1902-11-21
Page
Seite 562 (sequence 12)
Language
German
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Wundervoll ist auch daS figureu- und stosfreiche Gemälde „Ein weibliches Dienstbotenbüreau" darstellend. Wir erblicken hier urwüchsige Typen sowohl von Herrschaften wie von dienenden Geistern wie der „Mädchen für alles", der „Köchinnen", der „Stützen der Hausfrau", und wie die Besen und Kochlöffel schwingenden Hausfeen noch sonst heißen. Für den Psychologen, welcher weibliche Charaktere im dienenden Stande studiren will, bietet sich hier ein reiches Feld für seine Beobachtung. Daß auch das Leben des Arbeiters und Handwerkers dem Volkssittenschilderer reichen Stoff für seine Darstellung bietet, versteht sich von selbst. Das Trefflichste in diesem Genre sind wohl zwei sich ergänzende Gemälde des Künstlers, von denen man das eine „Vortheilhaster Tausch" und das andere „Verblüfft" betiteln könnte. In dem einen sehen wir einen zerlumpten Handwerksburschen an einem Krautfeld vorübergehen, wo er eine Hasenscheuche erblickt, deren Kopf ein Kastorhut schmückt, welche viel nobler als seine eigene Mütze ist. Kurz entschlossen steigt unser Mann über den Zann, sagt launig: „Sie verzeihen schon" und vertauscht ohne weiteres seine Mütze mit dem feinen Hut. Aber ach, des Lebens ungemischte Freude wird keinem Sterblichen zu Theil! Derselbe Bursche, welcher sich im Besitze seiner prächtigen Kopfzier jetzt so glücklich fühlt, tritt beim Grenzwächter ein, um nach Arbeit zu fragen und nebenher auch ihn um etwas zu bitten, denn der Hunger thut weh, und so ein Handwerksbursche ist ja auf milde Gaben angewiesen. Aber Herr des Himmels! welch entsetzliche Fügung! Mußte der Grenzwächter gerade der Besitzer des Krautfeldes und derselbe sein, der die Hasenscheuche mit seinem eigenen Kastorhut geschmückt hat! ... Da ist es freilich kein Wunder wenn der Grenzwächter, der seinem bürgerlichen Berufe nach zugleich Schuster ist und sich eben mit dem Fertigstellen von ein Paar Schuhen beschäftigt, verblüfft bald den Burschen, bald den Hut anstarrt und darüber uachdenkt, wie diese Beiden auf diesem Lebenswege wohl znsainmengekommen sein mögen! Nun, der Jünger des Crispinus ist ein gar gescheiter Mann, denn wie wäre er sonst Grenzwächter geworden! Er wird wohl endlich den Zusammenhang errathen, nach und nach lächeln und endlich laut auslachen und rufen: „Du hast wohl meine Hasenscheuche vor Erkältung und Schnupfen bewahrt?" - „Meine Mütze steht ihr gut und hält wärmer als der Kastorhut," wird der Bursche vielleicht erwiedern, und beide werden verständnißvoll und mit Humor nicken. Schöne Geister begegnen, sich. Es würde mich zu weit führen, wollte ich noch die übrigen so zahlreichen und charakteristischen Schöpfungen des Meisters hier näher analysiren. Es möge genügen, wenn ich nochmals betone, daß Samuel Hirschfelder, der Senior unter den Genremalern der Gegenwart, einer der größten Humoristen mit der Palette ist, welcher durch die Poesie seines goldenen Gemüths auch das Alltägliche und Gewöhnliche verklärt und durch seine packende Darstellungsknnst, seine vollendete, meisterhaste Technik und die Originalität seiner Erfindungsgabe schon seit einem Menschenalter unsere Herzen erfreut und zahllosen Verehrern seiner unvergleichlichen Kunst außerordentliche Genüsse bereitet hat. Ebenso hervorragend und anziehend ist er auch als Porträtmaler, doch würde es den Raum dieser Blätter übersteigen, wollte ich ihn auch in dieser Beziehung näher charakterisiren. Wie seine Genrebilder, wo jedes Detail mit gleicher 8S2 - Liebe behandelt ist und die ValeurS mit höchster Feinheit abgewogen sind, so zeichnen sich auch seine Porträts durch die sorgsamste Arbeit und das intimste Studium der Natur aus. Alle von ihm gemalten Damen- und Herrenbildnisse sind mit liebevollster Sorgfalt, unverkennbarer Lebenstreue und tadelloser Schärfe ansgeführt. Er verwendet nicht allein auf das Gesicht, sondern auch auf die Figur und die Hände die größte Aufmerksamkeit und gewissenhafteste Arbeit. Alle Bildnisse dieses anspruchslosen und ehrlichen Künstlers sind überaus lebensvoll und plastisch gehalten. Obschon Samuel Hirschfelder bereits im 72. Lebensjahre steht, ruht seine Palette nicht, aber es ist nicht allein der künstlerische Ehrgeiz und der Schaffensdrang des Genius, welcher ihn anspornt, sondern auch die «iura oecsssitas, der Kampf ums Dasein, der den greisen Herrn zwingt, ums tägliche Brod zu ringen und tapfer den Kampf ums Leben auszunehmen. Jssajka. Von K. Stau jukowicz. Ausdem Russischen vonAlexandraRomm. H. s gab auch einen anderen, viel ernsteren Versuch, Jssajkas Seele zu retten. Eine bejahrte Admiralsgattin in Kronstadt, die nach einem flotten Leben, das wenig gemeinsames mit ihren späteren Ansichten über Frauentngend und eheliche Pflichten hatte, verschwendete nun einen noch reichlichen Vorrath von Gefühlen, doch nicht auf irdische Eroberungen, sondern auf seelische Siege. Jssajka machte der Admiralsfrau Schuhe, da er ein geschickter Schuster war, der für seine Arbeit nur ein Trinkgeld bekam. Aus dem Umstand Nutzen ziehend, daß Jssajka der Krone angehörte und ein Untergeordneter ihres Mannes war, belohnte sie Jssajkas Arbeit gewissenlos schlecht, doch war sie sehr dafür, Jssajka zu bekehren. Und eines schönen Tages, nachdem sie Jssajka für ein Paar geschmackvoller Schuhe, auf einem hohen Absatz, ein 20-KoPeckenstück reichte, neigte sie huldvoll den Kopf, machte einige Schritte, um zu sehen, ob die Schuhe gut paßten, setzte sich dann befriedigt auf einen Stuhl und sagte: „Du bist doch ein Jude, Jssajka, nicht wahr?" „Ganz recht, Exzellenz!" antwortete Jssajka, sich der Thür nähernd. Die Admiralsgattin seufzte und lenkte das Gespräch auf verirrte Seelen. Sie sprach nicht ohne Begeisterung über Wahrheit und geistige Wiedergeburt, Licht und Dunkel, offenbar ihre eigene Beredsamkeit genießend, und endigte ihre Rede mit dem Nath, sich taufen zu lassen; sie versprach Jssajka außer der seelischen Rettung auch manche andere materielle Güter. Sie wisse wohl, setzte sie hinzu, daß Jssajka ein guter und ehrlicher Mensch sei und würde gern bei ihrem Mann ein Wörtchen dafür einlegen, daß er Jssajka als Unteroffizier befördere und ihn „am Lande" ließe. Dieser Vorschlag war sehr verlockend, besonders die Aussicht, immer auf dem Kontinent zu bleibeil, den Jssajka für

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