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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-21 · Heft 47 (21.11.1902) · p. Seite 561

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 47 (21.11.1902)
Date
1902-11-21
Page
Seite 561 (sequence 11)
Language
German
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561 Zu Mähren kontribuiren alle Juden, insgesammt jährlich 85000 fl. Zn Böhmen 107500 fl. Prag. Daselbst zahlen die einzelnen Judengemeinden ebensoviel, nämlich 107 500 fl. Hiergegen genießt sie auch besondere Rechte, sie hat ihr eigenes Gesängniß. ein eigenes Rathhaus, woselbst ein Christ gegen den Inden zuerst auftreten muß, von da er daher apelieren kann. Ihre Rechtspflege gehet nach den Landesgesetzen und besonderen kaiserlichen Verordnungen. Ein Jude gegen einen Christen aber muß beim Magistrat sein Recht suchen. Uebrigeus find zu den Begünstigungen des bekannten Edikts keine weiteren hinzugekommen, außer, daß der! Kaiser den Juden eine Stadt in Ungarn, Namens Thoren zum Handel auf Jahrmärkten eröffnete, die ihnen immer verschlossen gewesen und der Beitritt zu derselben unter keinem Zoll erlaubt war." Im Briefe steht deutlich Zoll, obwohl man vielleicht Fall erwartet. (Forts, folgt.) Samuel Hirschfelder, ein humoristischer Genremaler. Von Dr. Adolf Kohut. II. in anderes Bild des MalerS, welches sich „Neckerei" betitelt, führt uns in eine Münchener Kneipe. Zwei junge „Bua" sitzen am Tisch bei einem Glas Bier, welches ihnen eine reizende junge Hebe, ein echt Münchener Dirndl, mit vieler Anmuth kredenzt. Einer der Beiden, welcher, wie es scheint, sein Herz an das Dirndl verloren hat. will sich eben seine Tabakspfeife anzünden, merkt aber nicht, als dieselbe gar nicht breunen will, daß die Schöne hinter seinem Rücken steht und in loser, schalkhafter Weile das Feuer auszublasen versucht. Der Kollege unseres jungen Bauern sitzt in Gedanken versunken und augenscheinlich über das Kapitel „was sich liebt, das neckt sich" still vor sich hinbrütend. Es giebt so vielerlei Arten, der Liebe Ausdruck zu geben, als es Bildungsstufen giebt, und wenn der Mann der feinen Gesellschaft um die Liebe der Salondame mit wohlgesetzteu Worten und geistreichen Anspielungen wirbt, so spricht der Bauernbursche mehr durch einen drastischen Witz, vielleicht auch unterstützt durch einen sanften Schlag, nicht niiuder verständlich s>in Gefühl aus. Auch der Scherz und die Liebesneckerei nehmen in der Stadt eine andere Form an als auf dem Lande. Des Geheimraths oder des Professors Töchterlein würde gewiß entrüstet sein, wenn einer ihrer Verehrer sie in der Weise begrüßen wollte wie dies auf dem Gemälde Hirschfelders „Im Hinterhalt" der Anton mit der Hanne thut, als sie am Brunnen steht, um den schweren Holzeimer mit Wasser zu füllen. Er hat ihr nämlich aus dem Hinterhalt einen dicken Schneeball gerade auf den Rücken geworfen. Die Hanne ist darüber keineswegs erzürnt, im Gegentheil, sie hält dies für einen sehr guten Spaß und ahnt gleich, wer der Uebelthäter gewesen ist. wenn gleich sie noch nicht weiß, wo er sich versteckt hält. Lachend dreht sie sich um, macht ebenfalls einen Schneeball zurecht und denkt: „Warte, laß dich nur einmal blicken!" Doch sucht sie ihren Anton in einer ganz falschen Richtung, und der Bursche hinter der Thür hat seine Helle Freude au dem gelungenen Scherz, der zu jenen Plänkeleien Amors gehört, durch welche der entscheidende Sturm auf das Herz der Auserwählten vorbereitet ivird. Die weibliche List, namentlich in Liebesjachen, hat Hirschfelder in zahlreichen Genrebildern uns vorgeführt, so z. B. in einem, welchem man den Titel geben könnte „Ausspionirt" oder auch „Wer sucht, der findet". DaS Kammerkätzchen einer hochstehenden Dame findet beim AuSklopfen deS RockeS ihres gnädigen Herrn ein LiebeSbriefchen, was sie in nicht geringe Verwunderung versetzt. Dem Leben deS Kindes, welches Hirschfelder wie kaum ein Zweiter innig belauscht, hat er die reizvollsten Seiten abgewonnen. Wie köstlich ist nicht z. B. sein Genrebild „Rechts oder links", dessen Sujet die Dichterin Pauline Schanz einst mit folgenden trefflichen Versen geschildert hat: Weißt noch, vor kaufte» Jahren. Wie es nur armen Jungen ging? - Du warst ein schnippig. rosig Ding Mit wirren, goldnen Haaren. Die Fäustchen hieltst du ausgestreckt Und lach'st aas voller Kehle: „In einer Hand ist waS versteckt! Rechts oder links, nun wähle!" Wie Hab' ich da mit Zagen Zu dir. so trotzig, keck und wild, — Der schnöden Schicksalsgöttin Bild — Die Augen ansgeschlagen! Wie ich da lange zögernd stand, Daß ich mir Glück bescheere! Dann griff ich zu — die kleine Hand — Es war, oh weh, die leere! Die Zeit.der Kinderspiele Wie schwand sie hin, wie floh sie weit! Wir wuchsen auf, wir schritten Beid' Hin nach verschiedenem Ziele. Doch wie auch die Erinn'rung schlief. Okt klang durch meine Seele Die Kinderstimme, die da rief: Rechts oder links, nun wähle! Wo mir nnt seinen Spenden Das Schicksal stand, vergleichbar dir, Und hielt mein Glück, erreichbar mir, In den geschloss'nen Händen: Rechts oder links, nun wähle dn! — Daß ich micht nicht bethöre, Nach langem Zögern griff ich zu — Ins Leere, ach, ins Leere! So manche alte Lebenswahrheit, die sogenannte Volksweisheit. wie sie sich in Sprichwörtern und geflügelten Worten offenbart, hat unser Maler wiederholt durch seine Palette verewigt. So z. B. das wahre Wort von der „blind machenden Liebe" in verschiedenen Gemälden, von denen wir hier nur das eine, welches eine Szene zwischen einem Bauernburschen und einer Bauerndirne in einer bayerischen Bierkneipe zeigt, erwähnen möchten. Der bekannte bayerische Dramendichter Max Bernstein hat im heimischen Dialekt diesem amüsanten Genrebildchen ein Verslein gewidmet, welches als der beste Kommentar dazu gelten kann. Vom bayerischen Volksleben entrollt uns Hirschfelder noch manche andere gar anmuthende Bilder und Skizzen, nicht allein ans der Kneipe, sondern auch aus dem Familienleben, welche uns durch ihre verblüffende Naturwahrheit ganz besonders fesseln. Man sehe nur sein drolliges Bild, betitelt „Der angeborene Trieb". Eine Mutter hält ihr Kindchen ans dem Schooß und will ihm ein Löffel Süppchen zuführen, doch der kleine Knabe, in dem schon ein echter Bajuvare steckt, will von dieser milden Gabe absolut nichts wissen, sondern streckte sein Händchen nach dem Maßkrug aus, welcher so verführerisch ans dem Nebentisch sich befindet, der aber keineswegs für das Kerlchen, sondern für dessen Vater bestimmt ist.

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