Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- Seite 559 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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8SS Mr. Claude Montestore Hielt auch jüngst den ersten Vortrag in Verbindung mit dem Londoner Centralverein der englisch-jüdischen litterarischen Gesellschaften, worüber mein vorhergehender „Brief aus England" einige Bemerkungen enthielt. Der Gegenstand des Vortrages — Marcus Aurelins — war gerade für diese wichtige Gelegenheit weniger paffend, als die Behandlung eines speziell jüdischen Themas gewesen wäre; doch schien er die zahlreiche Versammlung recht lebhaft interefsirt zu haben. Die in meinem vorigeil Briefe angeführte Zahl jüdischer Gelehrten, die in der weltberühmten Bodleyanischen Bibliothek zu Oxford jahrelang litterarisch-wissenschaftlich gearbeitet und günstige Resultate erzielt haben, möchte ich hier noch nachträglich mit zwei anderen Namen vermehren. Es waren dies Dukes und Edelmann, die im Jahre 1853 ein Merkchen unter dem Titel: ,Omse Oxtorck" veröffentlichten, das eine Anzahl von herrlichen hebräischen Gedichten enthält, die in der fraglichen Bibliothek als Manuskripte sich vorfanden, und einige der vorzüglichsten Repräsentanten der spanischen Dichterschule zu Verfassern haben. Im Laufe des vorigen Jahrhunderts kauften die Trustees derselben Bibliothek die berühmten Privatbibliotheken, die einst Oppenheim, Michael und Reggio angehört hatten, und die eine Masse von seltenen hebräischen Manuskripten und Druckwerken enthielten. Alle diese litterarischen Schätze wurden der gesammten Gelehrtenwelt durch die werthvollen und lehrreichen Kataloge zugänglich gemacht, die zwei Juden — Steinschneider und Neubauer — während einer Reihe von Jahren vorbereitet und dann dem Drucke übergeben haben. Diese wie verschiedene andere jüdische Gelehrten arbeiteten keineswegs auf litterarischem Gebiete, um durch solche Arbeiten sich möglicherweise zu bereichern, sondern vielmehr nur aus Liebe zur Wissenschaft und Litteratur. tzuoä erat ckemonsti'Lnckuin. Wcndelssohmana. Von Professor Ludwig Geiger. I. /^^ie folgenden kurzen Mittheilungen entstammen verschiedenen Quellen. Die unter Nr. 1 zusammengestellten sind dem Briefwechsel Friedrich Nicolais entnommen, welcher auf der Berliner königlichen Bibliothek verwahrt wird; die unter Nr. 2, 3 verdanke ich der freundlichen Mittheilung der v. Mendelssohnschen Familie. Von den die erste Sammlung ausmachenden 84 Bänden hatte ich jüngst zum Zwecke einer anderen Arbeit 37 Bände zu durchfliegen und gebe im Folgenden eine Zusammenstellung derjenigen Nachrichten, die für den intimen Freund jenes seiner Zeit einflußreichen, später viel geschmähten und fast Vergessellen Buchhändlers sich ergaben. Vorangestellt sei eine Notiz aus dem gleichfalls bändereichen handschriftlichen Briefwechsel des Dichters Gleim, der in Halberstadt verwahrt wird. Daß der Königsberger Philosoph Hamann 1764Mendelssohn besuchte,warebensounbekanntwiediepersönlichgesellschaftliche Beziehung des Popularphilosophen Eberhard zu dem jüdischen Weltweisen. Eberhard an Gleim 18. September 1764: „Ich habe vorgestern bei Herrn Moses die Bekanntschaft des Hamann gemacht, den Ew. Hochedelgeboren aus den Briefen über die neueste Literatur kennen werden." 1. Garbe an Nicolai 19/Dezember 1768: „Nehmen Sie unterdessen, bis ich selbst das Vergnügen habe an Herrn Moses zu schreiben, das Geschäft einer Mittelsperson und sagen Sie ihm, was für ihn freilich nicht viel Neues aber für mich wichtig ist, daß hier ein Mensch lebet, der ihn hochschätzt und liebt, ein Mensch, der noch dazu stolz genug ist, sich einzubilden, daß er wenigstens von der Seite seines Herzens und seines Charakters der Freundschaft desselben nicht ganz unwürdig sein würde, wenn er ihn kennte." 2. Ein Briefchen des Dr. Bloch an Nicolai 18. Juli 1774: „Herr Moses Mendelssohn hat mir einen Schuldschein aus Euer Hochedelgeboren von 1400 Thaler anstatt Zahlung gegeben." Der Schreiber fragt, ob er die Summe bekommen könne. Die Notiz ist ihrem Inhalt nach nicht sonderlich wichtig, mag aber hier stehen, weil sie uns über den Vermögerlsstand Mendelssohns eine interessante Aufklärung giebt. Denn es handelt sich hier gewiß um ein Privatdarlehen, das Mendelssohn seinem Freunde gegeben hat, und bezeugt einen nicht unbeträchtlicher: Vermögensstand des jüdischen Weltweisen. 3. I. H. A. Reimarus 3. Juli 1780: „Dem braven Herrn Moses ersuche ich meine besondere Empfehlung zu vermelden und ihm vom Herzen eine dauerhafte Gesundheit anzuwünschen." 4. Dre Schwester des obengenannten Briefschreibers, Elise Reimarus, die Freundin Lessings, schreibt am 16. März 1786: „Ohne Zweifel hat mein Bruder Ihnen schon vor einigen Posttagen seinen Beitrag an Mendelssohnschen Briefen zngeschickt. Auch ich denke solche nach meiner Wenigkeit in der nächsten Woche durch einen jungen reisenden Verwandten zu thun. Ich ersuche Sie dagegen, mir die Liebe zu erweisen, falls Sie die Briefe an unseren seligen Mendelssohn bereits in Händen hatten, oder bekommen, mir den zuletzt an ihn geschriebenen mit einer Nachschrift, den Jacobi'schen Briefwechsel betreffend, wieder abznliefern. Es ist mir äußerst verhaßt und äußerst kränkend, mit hingeworfenen Aeußernngen eines Privatbriefwechsels da, wo ich es nicht wehreil konnte, ausgestellt zu stehen; da, wo ich's wehren kann, verlasse ich mich auf den Beitritt eines Vernünftigen wie Sie, mir behülflich zu sein, daß ich es nicht weiter werden könnte. Möchten Sie überhaupt, mein lieber Herr Nicolai, derjenige sein, der von Mendelssohns Geiste aufgefordert einer fatalen Sache, die zur Demüthigung der Weisheit und Wahrheit noch lange dauern kann, ein Ziel setzen und dadurch Ihrer echten Freundschaft mit Mendelssohn das Siegel ausdrücken." Diese Aeußernng verlangt einen kleinen Kommentar. Die Sache, um die es sich handelt, ist der bekannte Streit um Lessings Spinozismus, eine Angelegenheit, die, wie man weiß, Mendelssohns Tod beschleunigte oder veranlaßte. Die Aeußernng, die die Schreiberin thut, daß sie in Briefen bloßgestellt sei, möchte man auf den Lesstngschen Briefwechsel beziehen, aber dieser ist erst von dem Bruder im Jahre 1789 veröffentlicht. Die Briefe der Elise, um die es sich in unserer obigen Stelle zunächst handeln kann, stehen jetzt in der Hempelschen Ausgabe (Lessings Werke Band 20, 2. Abtheilung). Erst in der 1844 herausgegebenen Briefsammlung Mendelssohns stehen Briefe des jüdischen Weltweisen all die Hamburger Freundin. Sie müssen aber durch Nicolai an die Schreiberin zurückgeschickt gewesen sein, denn sie wurden von Hamburg aus dem Herausgeber der Mendelssohnschen Werke übermittelt. Briefe der Elise an unseren Philosophen waren bisher nicht gedruckt, erst mir gelang es, sie aufzufinden; sie wurden im Hamb. Korrespondenten (Mai, Juni 1902) veröffentlicht. 5. Denis an Nicolai 28. Avril 1786: „Ich bedauere aufrichtig mit Ihnen den Hintritt unseres Freundes Moses und danke auch für die Nachricht, die Sie uns von dieser wahren Zierde Deutschlands gegeben haben." Der eben allgeführte letzte Briefschreiber ist der bekannte Wiener Barde, von dessen persönlichen Beziehungen zu Mendels-