Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- Seite 558 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- 5ÄS allein in genügender Weise bearbeiten kann. Die Stadt Berlin ist, wie unseren Lesern vielleicht erinnerlich, zur Erledigung der Wöchnerinnenpflege in drei Bezirke getheilt, die der Wöchnerinnenverein, der israelitische Frauen-Unterstützungsverein und der Lnisenstädtische Frauenverein übernommen haben. Endlich übernimmt der Frauenverein der Bnei Brith-Logen alle diejenigen Fälle, in denen Beschaffung von chirurgischen Hilfsmitteln oder die Entsendung einer Pflegerin erforderlich ist. Vom 1. April bis 31. Oktober sind 483 Gesuche bei der Centralstelle eingegangen. Die Gesuche betrafen nur 232 Wöchnerinnen. 2 Familien hatten sich an 7 Vereine, 3 an 6, 9 an 5. 25 an 4. 36 an 3, 40 an 2 und nur 117 Familien an einen Verein um Unterstützung gewendet. Bis aus einige wenige aus den letzten Tagen sind sämmtliche Gesuche zur Erledigung gelangt. 7 Fälle wurden abgewiesen, weil keine Noth vorhanden war; 7 andere Gesuche wurden abgelehnt, weil es sich um christliche Bewerber handelte, 3 Gesuche wurden vor der Erledigung zurückgezogen und 2 mußten zurückgewiesen werden, weil es sich gar nicht um Wöchnerinnenpflege handelte. Fünf Fälle unehelicher Geburt mußten der Armenkommission überwiesen werden, weil sich bedauerlicherweise bis jetzt kein einziger Verein gefunden hat, der für diese Fälle eintreten will. Wie der Vorsitzende hier treffend hervorhob, handelt es sich in diesen Fällen nicht um Moralität und Jmmoralität, sondern um einen augenblicklichen Zustand, der dringend eine sofortige Erledigung verlangt. Auch die Summen, die zur Unterstützung gegeben wurden, sind erheblch gewachsen. 29 Fälle wurden mit 15 Mark unterstützt, 48 mit 20 Mark, 21 mit 25 Mark 35 mit 30 Mark, 6 mit 35 Mark. 19 mit 40 Mark 4 mit 45 Mark, 7 mit 50 Mark, 1 mit 58 Mark und 1 Fall mit 65 Mark. Die Gesammtsumme beläuft sich auf 4760 Mark. Wären die Fälle, wie es früher geschah, als Einzelfälle behandelt worden, so hätten statt der 4760 Mark 7500 Mark aufgewendet werden müssen. — Die sich an den Vortrag des Abends anschließende Diskussion war nur eine kurze Die Versammlung folgte dem Rathe des Vorsitzenden, dem geschäftsführenden Ausschuß die eingehende Beralhung der Vorschläge zu über» weisen, der die alsdann gefaßten Beschlüsse der Versammlung unterbreiten wird. Herr Martin Simon gab dem Wunsche Ausdruck daß möglichst bald der Ausschuß die nothwendigen Schritte einleiten sollte, um die Anregungen, die eine dringende Erledigung erfordern, bald in die That überführen zu können. Im Laufe der Diskussion wurde noch eine Auskuuftsstelle für das gesammte Gebiet der jüdischen Wohlthätigkeitspflege angeregt, deren Errichtung der Vorsitzende als selbstverständliche Krönung des Gebäudes, das der Verband aufbauen wolle, bezeichnete. Srirs aus England. Von Rev. Dr. Chotzner. ^8^n meinem jüngsten in diesen Blättern erschienenen Briefe wies ich auf einige Thatsachen hin, die klar und deutlich beweisen, daß die Juden, trotz des beständigen Widerspruchs der modernen Antisemiten, sich auf geistigem Gebiete zu verschiedenen Zeiten recht nützlich gemacht haben. Nun sei eS mir gestattet, zu diesen Tkatsachen noch zwei andere hinzuzufügen, die wohl von allgemeinem Interesse sein dürften. Der Erzbischof von Canterbury, der höchste Würdenträger der englischen Kirche, präsentirte vor Kurzem dem König von England eine höchst elegant ausgestattete Bibel, die bestimmt, war,! ihn an seine jüngste Krönung und die Genesung von seiner gefährlichen Krankheit stets zu erinnern. Bei der Ueberreichung des fraglichen Geschenkes, das im Namen der britischen Bibel-Gesellschaft gemacht wurde, hielt der Erzbischofs eine kurze ..Ansprache an den König, worin er die interessante Bemerkung machte, daß die besagte Bibel-Gesellschaft im vorigen Jahre nicht weniger als fünf Millionen und sechzigtaussend Exemplare der Bibel oder Theile derselben abgesetzt habe, die in dreihundert Sprachen abgefaßt waren. Nun bildet aber ein großer Lheil dieser Bibel, nämlich das Alke Testament, das Geisteswerk der Juden des Alterthums, und daß mehr als fünf Millionen Menschen sich dasselbe in einem einzigen Jahre angeschafft haben, ist für uns immerhin eine sehr interessante Thatsache. Daß das Alte Testament auch auf christlich-religiösem Gebiete, in England wenigstens, eine bedeutende Rolle spielt, beweist folgender Umstand. Jüngst veranstaltete König Eduard in der St. Pauls-Kathedrale einen Dankgottesdienst für die Genesung von seiner ernstlichen Krankheit, woran er selbst, der ganze königliche Hof und Taufende von andächtig Betenden theilnahmen. Das Merkwürdige bei der Sache aber war. daß nämlich das Alte Testament fast ausschließlich dabei die Texte lieferte für den Choralgesang sowohl als auch für die Musik und die Predigt — Texte, die, obschon vor Tausenden von Jahren von Juden abgefaßt, noch immer im höchsten Grade effektvoll waren und die zahlreiche Versammlung zur tiefsten Andacht stimmten. Demselben heiligen Buche zollte vor Kurzem ein hohes Kompliment Vater Ignatius, der bekannte ehemalige katholische Priester. In einem im Osten von London vor lauter Juden gehaltenen Vortrag machte er seine Zuhörer auf den reichen Gehalt der Bibel aufmerksam und meinte, daß letztere gewisse markirte Vorzüge besäße, die in den Werken der Griechen und Römer keineswegs zu finden sind. Bei dieser Gelegenheit übernahm auch Vater Ignatius die Rolle eines polnischen „Darschan" (Prediger), indem er seinen Zuhörern eindringlich „Mussar" (Zurechtweisung) sagte, daß sie nämlich ihrem Gölte treu bleiben und seine Gesetze heilig halten sollen. Daß solche und ähnliche Ermahnungen von seinem nicht-jüdischen Geistlichen kommen, ist höchst kurios, und ein solcher seltener Vorfall verdient wohl, in einem jüdischen Blatte so passant erwähnt zu werden. Der sogenannte jüdisch-religiöse Verein (1'tui -levvisll kvligions Union), von dessen Begründung in London eine kurze Erwähnung in diesen Blättern vor einigen Wochen bereits gemacht worden ist, hat jüngst seine Thätigkeit in vollem Ernst begonnen. Letztere bestand darin, daß der erste Sabbath- Nachmittag-Gottesdienst in dem großen Saale eines Hotels abgehalten und von einem bekannten und recht einflußreichen orthodoxen jüdischen Geistlichen (Nev. Mr. Singer) geleitet wurde. Das Charakteristische dabei war, daß fast alle Gebete aus englischen Hymnen bestanden, die von einem gemischten Chor unter Orgelbegleitung gesungen wurden, und daß keine Gesetzesrolle in jenem Saale sich vorfand. Die Predigt hielt Mr. Claude Montefiore, worin er nachdrücklich betonte, daß der neugegründete jüdisch-religiöse Verein keineswegs dem Judenthum Nachtheile verursachen, sondern vielmehr gewisse Vortheile verschaffen wolle. Derselbe habe nämlich den Zweck im Auge, bei solchen Juden ein neues Interesse fürs Judenthum zu erwecken, die sich davon fast ganz losgesagt haben, weil der gebräuchliche Gottesdienst nichts Anziehendes für sie hat, und sie daher entweder niemals oder zuweilen blos ein nicht-jüdisches Gebethaus besuchen. — Das freigesinnte Londoner „^eveisb Obrvnielsnimmt zwar keine unfreundliche Stellung dem neuen Verein gegenüber, doch drückt es eine allgemein als richtig anerkannte Meinung aus, daß nämlich zu einem spezifisch jüdischen Gottesdienst ein ausgedehnter Gebrauch der alt-ehrwürdigen hebräischen Sprache unumgänglich nöthig sei.