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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-21 · Heft 47 (21.11.1902) · p. Seite 554

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 47 (21.11.1902)
Date
1902-11-21
Page
Seite 554 (sequence 4)
Language
German
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554 der Litteratur einigen und dieses durch sachverständige Männer systematisch behandeln lassen. Einen nicht geringen Werth haben auch die Bibliotheken der ^verschiedenen Verein», die fast überall eifrig benutzt werden, die Fortbildungskurse, auf die wir besonderen Werth legen, ja selbst die festlichen Veranstaltungen, in denen der Geist der Zugehörigkeit.'gestärkt und die groben Gedanken, die unsere Geschichte tragen, zu allgemeiner Popularität gelangen, gehabt. Es ist ein sehr kluges Wort, das der Talmud einmal sagt: ä'pirka ralrata — schon das Hingehen zu einein Vortrag ist verdienstlich. Und ist es denn nicht in der That ein gutes Unternehmen, wenn Leute, die ihre Zeit sonst ganz anders zugebracht hätten, zu einem Vortrag über Geschichte und Litteratur kommen, auch wenn sie nichts anderes auf den Heimwegs mitnehmen als das Bewußtsein, daß es sich um eine große Sache handelt, und daß sie einer Gemeinschaft angehören, die das Recht hat, stolz zu sein auf ihre große Märtyrergeschichte. Und ist es nicht ebenso verdienstlich, wenn Hunderte von Lehrlingen und Ladenmädchen in einer größeren Stadt am Sonntag Nachmittag sich versammeln, um einen Vortrag über biblische Geschichte anzuhören oder durch Gedichte und Erzählungen ans unserer Geschichte zu edlem Selbstgefühl und zu geistiger Regsamkeit angefeuert zu werden? Alles dies und noch mehr haben die Litteratnrvereine erreicht. Aber wir wollen keine Lobredner sein. Es erscheint uns viel wichtiger, daß wir uns mit den Schäden der Institution beschäftigen, um sie nach Kräften zu verbessern. Das kann freilich nur durch die erhöhte Theilnahme der Kreise geschehen, die bis jetzt diesen Bestrebungen sich ferngehalten haben. Es giebt noch immer, trotz aller Erfolge, die die Litteraturvereine gehabt haben, einflußreiche und große Männer, die ihnen fern stehen und den Nutzen, den sie haben, nicht einznsehen vermögen. Sie gleichen nach einem sinnigen Worte des Midrasch den Myrthen in der Wüste, die nicht den geringsten Genuß gewähren und ihren Wohlgeruch dem Menschen entziehen. Sie laden aber auch eine Verantwortung auf sich, die schwerer wiegt, als sie sich augenblicklich vielleicht vorstellen. Ihre Furcht, ein Geschlecht von Halbwissern zu erzeugen. muß doch verschwinden gegenüber der viel mehr berechtigten Furcht, ein Geschlecht von Nichtswissern heranwachsen zu sehen. Noch immer sind viele Gemeinden in Deutschland ohne Litteraturvereine, ja sogar zwanzig Gemeinden mit einer Bevölkerung von mehr als 500 Seelen, ja sogar Gemeinden wie Posen und Fürth, die zu den ältesten und angesehensten in Deutschland gehören. Wir hegen die feste Zuversicht, daß der neue Geist erhöhter Theilnahme für die Bestrebungen unserer Litteraturvereine auch in diesen Gemeinden Eingang finden und Wurzel fassen wird. Wir selbst werden nicht müde werden, immer und immer wieder unser Mahnwort hinauszusenden. Tenn wer einmal für die Verbreitung des Wissens eingetreten ist und diese Mahnungen nicht immer wiederholt, der gleicht, so heißt es bei unseren Alten, Einem der säet und nicht erntet. Wir aber wollen eine Ernte schauen, d. h. wir wollen, daß überall, wo Juden weilen, Gelegenheit gegeben werden soll, die Geschichte des Judenthums und sein weitverzweigtes Schristthum kennen zu lernen. Me Woche. Berlin, 18. November. ine regelrechte Judenhetze veranstaltet die Koalition der antisemitisch-konservativen und ultramontanen Presse anläßlich der Berathung des Zolltarifs im Reichstage. Die „Germania" gab das Leitmotiv in einem Artikel über „die jüdisch-demokratische Obstruktion", die „Kreuzzeitung" spann die Melodie weiter und suchte sie zu popularisiren, indem sie schlankweg erkärte: „Es wird jetzt nicht mehr gezählt, sondern eS fragt sich nur, in welcher Wagschale der Jude sitzt. Sitzt er außerdem auch noch aus den Schultern der Sozialdemokraten und hat die Dollars hinter sich, dann hält er sich unüberwindlich." Und die Antisemiten stimmen über dieses neue und unerwartete Verbrüderuugsfest Jubelszenen an. Sie geben sich der Hoffnung hin, daß das Centrum endlich mit seiner früheren Judenfreundschaft gebrochen hat, und „daß in Zukunft kein Rabbiner mehr neben Zola und Virchow einen Centrumsführer wie Lieber als Hebräerschützer feiern wird". Und das alles — weil die Abgeordneten Singer und Stadthagen gegen den Zolltarif reden! Unglaublich, aber wahr! 4- Wieder hat die Ritualmordlüge die Gerichte beschäftigt. Wir bringen einen Auszug der Verhandlung an anderer Stelle. Hier nur zwei charakteristische Details aus diesem Prozesse. In seinem Schreiben an die Berliner Gesinnungsgenossen erklärt der würdige Prager Kanonikus Dr. August Rohling, „daß der freche Anwurf durch die Schrift von Clemens Viktor über den bekannten Wiener Prozeßversuch bereits eingehend widerlegt wurde". Aber sowohl er wie dieHerren Genossen haben es unterlassen hinzuzufügen, daß — er selbst der Verfasser dieser Schrift sei. Das ist das Eine. Nicht weniger charakteristisch ist das zweite Detail. Der Vertheidiger des Angeklagten sprach wiederholt sein Bedauern darüber aus, daßmicht auch der als „Sachverständiger" angebotene Pfarrer Krösell vor Gericht geladen wurde. Nun ist aber Tags vorher ein Beleidigungs- Prozeß des Pfarrers Krösell gegen Professor Strack verhandelt worden, der allerdings vertagt wurde, bei dem aber der Vertreter des Klägers das Zeugniß zweier einwandfreier Männer citirte, daß Herr Krösell selbst vor Gericht in Stargardt erklärt habe, „daß er den Talmud zu lesen überhaupt nicht in der Lage sei". Und vor dem Berliner Gericht mußte der Herr Pfarrer amIO.d.M. wiederum erklären: „Natürlich kann ich den Talmud nicht so lesen wie Herr Prof. Strack, aber ich komme doch schließlich dahinter, und es hängt doch nicht am Monde, was im Talmud drin steht." Daher der Name „Sachverständiger"! 4 Die ungarische Negierung gab, wie sich jetzt herausstellt, mit ihrer Vorlage über das Wohnrecht von Ausländern in Ungarn und der Errichtung einer Grenzpolizei nur dem Drängen der Agrarier nach. Diese Vorlagen sollen Abhilfe schaffen gegen die Einwanderung von Juden aus Galizien und Rumänien, die infolge der russischen und rumänischen Judenverfolgungen in den letzten Jahren zugenommen haben. Die Hauptbestimmung ist, daß jeder Ausländer, der in Ungarn zu wohnen beabsichtigt, binnen 15 Tagen nicht nur Nachweisen muß, daß er sich und seine Familie dauernd erhalten kann,

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