Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 47 (21.11.1902)
- Date
- 1902-11-21
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Sr. 47. Berlin, 21. November 1902 eitung öes Zu-enchums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung er'Hemr wöchentlich. Abonnements Preis: Durck Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redacterrrr Gustav Karpsles. Begründet von Uabbiner Dr Ludwig PHMppson-Lonn Verlags-Erpedttion: Gerlin, Lerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Ervedition sind an die Adresse- Verlag der „Nllgem. Zeitung des JndenthumS". Berlin 8 ^Jerusalemer Straße 48 49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Bertitt. Insult. Leitartikel: Die Litteraturvereine. -- Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Brief aus England. Von Nev. Dr. Chotzner.— Mende.siohniana. Von Professor Ludwtg Geiger. I. — Samuel Hirschfelder, ein lM'norislischer Genremaler. Von Dr. Adolf Kohut. II. — Heuilleton: Issaika. Von K. Stanjukowicz. Aus dem Russischen von Alexandra Romm. II. — LI male inviimim. Von Victor Gomulicki. Aus dem Polnischen übersetzt von Heinrich Nitschmann Der Gevreindednte. Korre^v^nvenre« unv Rachricktenr Berlin, Angermünde, Lissa i. P., Breslau. Kattowitz, Hamburg, Schwarzau, Wien. — Don Ray und Hern. — Sprichst,»,1. — Geschäftliche Notizen. Aie Litteraturvereine. Berlin, 18. November. gerade die alltäglichen Wahrheiten und Erfahrungssähe sehr oft und so eindringlich wie möglich wiederholt werden müssen, ist Jedem bekannt, der berufen oder auch nur beflissen ist. auf die öffentliche Meinung einzuwirken. So kann es denn nicht oft genug gesagt werden, daß Niemand den Anspruch darauf erheben darf, als gebildet zu gelten, der nicht die Geschichte seines eigenen Stammes kennt und von der Litteratur desselben wenigstens das Nothwendige weiß. Die Probe ans das Exempel kann man jetzt alle Tage machen. Wie beschämend muß es nicht für einen gebildeten Juden sein, wenn er die Berichte über die verschiedenen Prozesse, liest, die leider in den letzten Wochen die Gerichte so oft beschäftigt haben, und sich selbst eingesteheil muß, daß er von den Dingen, die da verhandelt wurden, auch nicht die leiseste Ahnung besitze, uild seinen eigenen Kindern, wenn sie ihnen darüber befragen, nicht einmal eine auch nur halbwegs befriedigende Antwort geben kann! Aus dem Bestreben, dieser Unkenntniß und Unwissenheit entgegenzutreten, sind vor einem Dezennium die Litteraturvereine entstanden. Man kann es heute wohl mit Genugthnung behaupten, daß sie innerhalb dieses Zeitraums Hervorragendes geleistet haben. Unverkennbar weht heute ein anderer Geist in unserer Mitte. Die Kenntniß unserer Geschichte ist weiter verbreitet als früher, die Achtung vor unserem geistigen Erbe ist gestiegen. Dort, wo solche Vereine gedeihlich wirken, hat der Jndifferentismus abgenommen und das religiöse Gefühl eine Steigerung erfahren. Diese Erkenntniß ist heute eine allgemeine, und die Gegner der Litteratnrvereine haben sich vermindert. Gerade in diesem Herbst zeigt sich auf diesem Gebiete eine erhöhte Regsamkeit. Es vergeht seit dem Schluß der Feste fast kein Tag. an dem nicht ein neuer Verein begründet wurde. In Ostpreußen und Süddeütschländ, in der Provinz Posen und am Rhein, in großen und in Keinen Gemeinden, überall bemüht man sich, unserer Geschichte und Litteratur eine Heimstätte zu bereiten. Ein solches Streben verdient die Aufmerksamkeit und Theilnahme aller Derer, denen es um die Hebung des geistigen Niveaus in Israel zu thun ist. Wohl wissen wir, daß nicht alle Saaten reiften, und daß die Hoffnungen, die wir im Herzen trugen, nicht überall in Erfüllung gegangen sind. In manchen Vereinen, namentlich in solchen, die schon seit längerer Zeit bestehen, hat sich hin und wieder eine gewisse Ermattung und ein Abnehmen an Interesse gezeigt; andere wieder haben geltend gemacht, daß die Resultate im Verbältniß zu den Opfern, die gebracht wurden, nur gering seien, und daß die Vortrüge, welche gehalten wurden, oft von einem großen Theil der Zuhörer nicht verstanden wurden und somit ibren Zweck verfehlt haben. Solchen Klagen gegenüber stehen aber die positiven Resultate, die in anderen Vereinen erreicht worden sind. Und es ist die Pflicht Derer, die diese Klage erheben, sich darüber zu verständigen, ob die Klagen berechtigt, ob nicht Fehler gemacht worden sind, die in lokalen oder persönlichen Verhältnissen begründet, und wie diesen Mißstünden abzuhelfen sei. Wir haben ja in diesen zehn Jahren Erfahrungen gesammelt, und unsere Hauptaufgabe muß jetzt sein, diese Erfahrungen zu verwerthen. Wir wissen jetzt, daß nicht überall der gleiche Maßstab angelegt werden darf, daß die Vereine in großen anders wie in kleinen Gemeinden geleitet werden müssen, daß nicht der Hauptwerth auf auswärtige Redner gelegt werden dürfe, sondern daß womöglich aus der Mitte der Vereine selbst Redner herangebildet werden müssen, und endlich das Schwergewicht nicht aus einzelne Vorträge, sondern auf systematische Belehrung in der Geschichte und Litteratur gelegt werden solle. Alles dies und noch vieles andere müssen sich die neubegründeten Vereine zu Nutze machen, um gedeihlich wirken zu können. Die älteren Vereine aber dürfen sich in ihren Bestrebungen nicht durch den Wechsel, die Abnahme von Mitgliedern oder durch Stimmungen oder Strömungen innerhalb des Vereins irre machen lassen. Es liegt ja in der Natur der Sache, daß jedem neubegründeten Verein, namentlich in kleineren Gemeinden, sehr Viele aus Neugier, aus persönlichen Gründen oder, weil sie hierzu gedrängt werden, beitreten. Alle diese Elemente fallen im Laufe der Zeit ab. Was zurückbleibt, ist ein guter Kern, der nicht verderben kann, sondern der erst im Laufe der Jahre anfängt sich zu entfalten. Ihre volle Wirkung werden die Vereine erst dann ausüben, wenn sie sich einzeln oder auch gruppenweise in jedem Semester über ein bestimmtes Gebiet der Geschichte oder