Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 dankte in bewegten Worten für die ihm erwiesenen Aufmerksamkeiten und Ehrungen. In besonders herzlicher Weise betonte der Redner, daß er mit vollem Herzen den Gemeinden entgegenkomme; daß er Vertrauen und Liebe mitbringe und solches auch wieder zu finden hoffe. — Der Abendgottesdienst gestaltete sich unter Mitwirkung des Shnagogenchores besonders feierlich. Am Sabbath hielt dann der Herr Landrabbiner seine Antrittspredigt, die nach Form und Inhalt vorzüglich war und tiefen Eindruck bei allen Zuhörern machte. Der neuernannte Landrabbiner hat sich im Fluge die Herzen der Israeliten im Großherzogthum erobert. Man sieht in ihm den wahren und berufenen Nachfolger des unvergeßlichen Landrabbiners Dr. Salzer, einen echten Schüler Ahrons, der den Frieden liebt und ein treuer, friedlicher Seelenhirte allen Gemeinden des Großherzogthums sein wird. -- Köln, 2. November. Der hiesige Verein für jüdische Krankenpflegerinnen versendet seinen Bericht über das Jahr 1901. Die Vergrößerung der Schwesternzahl ermöglichte im Berichtsjahr eine wesentliche Ausdehnung der Thätigkeit des Vereins, und es konnten in größerem Maaße die Gesuche um Ueberlassung von Schwestern für die Privatpflege erfüllt werden. Die Zahl der ausgebildeten Schwestern stieg von 7 im Jahre 1900 auf 12 im Jahre 1901. Davon waren inclusive der Oberin und der stellvertretenden Oberin 5 ständig im Asyl thätig, während 7 theils dauernd, theils zeitweise die Krankenpflege in Familien ausübten. Die Gesammtzahl der Privatpflegen betrug 92 mit 1458 Pflegetagen (gegenüber 52 mit 926'^ Pflegetagen im Jahre 1900), und zwar vertheilen sich diese Pflegen auf 82 israelitische und 10 christliche Familien. Auf andere Städte entfallen 7 Pflegen. Außerdem wurden die Schwestern häufig zur Assistenz bei Operationen in der Stadt zugezogen und leisteten auf Wunsch von Aerzten einzelne Hilfeleistungen bei Kranken in der Stadt. 20 Meldungen liefen ein um Aufnahme als Pflegeschülerin. Davon wurden 6 angenommen. Von diesen 6 Schülerinnen schieden im Berichtsjahre 2 aus, eine wegen geistiger Unzulänglichkeit für den Berus, die andere wegen mangelnder Subordination. Die hoffentlich auch weiterhin anhaltende Zunahme der Schwesternzahl setzt den Verein immer mehr in den Stand, den Ansprüchen anderer Städte zu genügen und Privatpflegerinnen dorthin zu entsenden. Auch den auswärtigen Krankenanstalten, die mehrfach um Ueberlassung von Schwestern gebeten haben, hofft der Verein in nicht zu ferner Zeit entgegenkommen zu können, vorausgesetzt, daß unter den einlaufenden Meldungen, die trotz der vielen in letzter Zeit neugegründeten jüdischen Pflegerinnenvereine noch zahlreich sind, genügend geeignete Kandidatinnen sich finden. Vieljährige Erfahrungen drängen zu einer immer vorsichtigeren Answahl. Gute Erziehung in guter Familie, ein gewißes Maß geistiger Regsamkeit, verbunden mit festem Charakter und taktvollem, friedfertigem Benehmen, Liebe zur Bethätigung im Dienste der Allgemeinheit sind neben gesunder körperlicher Konstitution unumgängliche Eigenschaften, deren wir uns bei den Bewerberinnen versichern müssen, wenn wir nicht die Zahl der Schwestern auf Kosten ihrer Qualität vermehren wollen. Und diese Absicht liegt uns sehr fern. In der ordentlichen Mitgliederversammlung wurden einige formelle Statutenveränderungen angenommen, um die Eintragung des Vereins in das Vereinsregister zu erwirken. Als Mitglieder des Vorstandes wurden neu gewählt die Herren Isidor Dülken, Amtsgerichtsrath Löwenherz, Dr. L. Oppenheimer, Fritz Rothschild, Max Bendix. Das Kuratorium des Asyls entsandte in den Vorstand wieder Herrn R.-A. Karl Eltzbacher und an Stelle des auch um den Verein hochverdienten Herrn Philipp Neckarsulmer, der aus Gesundheitsrücksichten leider eine Wiederwahl ablehnte, Herrn Heinrich Frank. In der Generalversammlung wurde ferner beschlossen, zunächst eine der älteren Schwestern mit der Armenpflege zu betrauen. Ihre Aufgabe wird es sein, arme Kranke, die nicht nothwendig der Hospitalpflege bedürfen, kürzere oder längere Zeit am Tage zu besorgen, bei Operationen oder Verbänden den Aerzten behilflich zu sein, die Hauswirthschaft im geordnetem Gang zu halten, sich der Kinder anzunehmen und den Wohlthätigkeitsvereinen auf Grund ihres Einblicks in die Verhältnisse als Vertrauensperson zu dienen. Der Pensionssonds weist leider eine nur langsame Steigerung auf. Der in naher Aussicht stehende Neubau des Israelitischen Asyls für Kranke und Altersschwache, in dessen Nähe die Privatpflegerinnen bisher eine Mietwohnung innehaben, stellt den Verein vor die neue, dringende Aufgabe, ein S chwestern h eim zu erbauen. Der Vorstand besteht aus den Herren: Dr. B. Auerbach, Vorsitzender, R.-A., Karl Eltzbacher, stellv. Vorsitzender, Dr. Fritz Cahen, Schriftführer Fritz Rothschild, Schatzmeister, Max Bendix, Isidor Dülken, Amtsgerichtsrath Löwenherz, Heinr. Frank, Dr. L. Oppenheimer. i. Kassel, 2. November. Am Donnerstag voriger Woche war am hiesigen israelitischen Lehrerseminar die zweite Prüfung be. endet. Diese hatte in jeder Hinsicht ein gutes Ergebniß, denn alle sieben Lehrer, die sich prüfen ließen, bestanden. Es waren: Abt aus Gesecke i. Westfalen, Crohn aus Mengrinhausen in Waldeck, Heilbronn aus Horn in Westfalen, Levi aus Salzkotten in Westfalen, Oppenheim aus Wehrda in Hessen, Pineas aus Frankfurt a. M., Plaut, Lehrer in Rybnik in Oberschlesien. Das königliche Provinzial- Schulkollegium in Kassel gestattet fast ohne Ausnahme Lehrern anderer Bezirke, hier die Prüfung abzulegen. — In der schriftlichen Prüfung war der neueren Bestimmung gemäß nur eine Arbeit zu schreiben. „Haus und Schule" lautete das Thema. Lehrprobeu waren: 1. Belsazar. 2. Frau Hütt, 3. Der Stechheber, 4. Der Zahleukreis über 1000 hinaus, 5. Die Schulstube, 6. Knabe und Vogel, 7. Gustav Adolf — ein Lebensbild. Da sämmtliche Lehrprobeu zur Zufriedenheit aussielen, erhielt kein Kandidat eine zweite. Recht eingehend wurde mündlich geprüft, sowohl in Geschichte der Pädagogik, Psychologie, Didaktik und Methodik der einzelnen Fächer. Zum ersten Male hatten die jungen Lehrer nachzuweisen, in welchen! Lieblmgsfache sie sich sortgebildet, und welches wissenschaftliche Werk sie beim Studium benutzt. Zur Orientirung sei Folgendes erwähnt: 1. Geschichte des 19. Jahrhunderts, 2. Mathematische Geographie, 3. Die zweite Blütheperiode in der deutschen Litteratur, 4. Die Elektrizität u. s. w. Ein Gegenstand, der schon im Seminar eingehend behandelt wurde, z. B.: Ein Drama Schillers, wird als wissenschaftliche Fortbildung für nicht genügend angesehen. Auch diese Prüfung bewies, daß die Ausbildung jüdischer Lehrer keineswegs eine minderwerthige ist, und die Staatsbehörden werden sich wohl bald entschließen müssen, die jüdischen Seminare den christlichen gleichzustellen, da gleiche Pflichten gleiche Rechte erfordern. Die Prüfungskommission bildeten folgende Herren: Provinzialschulrath Otto, Geheimer Negierungs- und Schulrath Sternkopf, Landrabbiner Dr. Prager. Seminardirektor Dr. Lazarus und Seminarlehrer Katz. 8. Darmstadt, 9. November. Nachdem am 29. v. M. die Wahlmännerwahlen vorgenommen worden waren, fand heute die endgiltige Wahl der Abgeordneten zum hessischen Landtag in der Hälfte fämmtlicher Wahlkreise statt. In dem bisherigen (31.) Landtag hatten die Antisemiten und Bauernbündler im Ganzen 12 Sitze inne, fast ein Viertel fämmtlicher Abgeordneten. Diese Zahl vermindert sich nicht nur nicht, sondern wird noch verstärkt. In Grünberg (Ober- Hessen) ist an Stelle eines NaLionalliberalen der bekannte antisemitische Agitator Hir schel, Redakteur der in Offenbach erscheinenden „Deutschen Volkswacht", gewählt worden. Im 13. Wahlkreis ist der verdiente Obmann des hessischen Landeslehrervereins, Backes, der im vorigen Landtag die Sache der jüdischen Lehrer und der jüdischen Religionsschule mit großem Eifer vertrat, durch einen Bauernbündler verdrängt worden. Am interessantesten und für die Stimmung im Lande leider sehr charakteristisch ist der Ausfall der Wahl im Kreis Dieburg- Großumstadt. Dort wurden am 29. Oktober für den Nationalliberalen, Realschuldirektor Dr. Lahm, 16 Wahlmänner, für einen Centrumskandidaten 13 und für den Antisemiten 9 Wahlmänner gewählt. Trotzdem wird heute die Wahl des Antisemiten gemeldet. Das läßt sich nicht anders erklären, als daß, wie vor sechs Jahren, der erste Wahlgang resultatlos blieb und im zweiten die ultramontanen Wahlmänner mit den Antisemiten für deren Kandidaten stimmten, um die Wahl des Nationalliberalen zu verhindern. Gegenüber dieser Verstärkung des antisemitischen Elements der Kammer ist erfreulicherweise auch eine solche der Freisinnigen zu melden, gleichfalls auf Kosten der Nationalliberalen. So rächt sich an diesen die frühere Nachgiebigkeit gegen die Antisemiten,durch die sie vor sechsJahren ihren fähigsten Parteigenossen, den langjährigen Vertreter der Stadt Darmstadt und zweiten Präsidenten der Kammer. Wolfs kehl, den antisemitischen Aspirationen eines großen Theils ihrer Fraktion opferten. Statt der seitherigen zwei freisinnigen Abgeordneten ziehen jetzt fünf in den Landtag ein, die beiden Vertreter für Darmstadt, Langenbach und Sang, die Abgeordneten für Gießen (Gutfleis ch), Friedberg (Dam m) und Alsfeld (Reh). Unter diesen befindet sich auch zum ersten Mal seit Wolfskehls Rücktritt wieder ein Jude, der in Darmstadt gewählte