Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Fabrikant Wilhelm Langenbach. Herr Langenbach ist ein seit langer Zeit im öffentlichen Leben stehender, überaus befähigter und in allen Kreisen der Bevölkerung sehr angesehener Mann. Er ist Mitglied der Handelskammer und im Vorstand vieler anderer wirthschaftlicher Korporationen. Dabei ist er ein guter Jude, war lange Jahre im Vorstand der Hauptgemeinde und ist zur Zeit zweiter Präsident der Bne Brith-Loge. Man darf daher zu ihm das Zutrauen haben, daß er bei jeder sich bietenden Gelegenheit — und solche werden bei der Zusammensetzung des Landtags nicht ausbleiben — mit voller Wärme und mit der von ihm bekannten Energie die Sache des Judenthums und seiner Anhänger vertreten wird. Gietzen, 4. November. Am 31. v. M. fand vor dem großherzogl. Schöffengericht die Asfäre B erl in-Re nth er, derentwegen bekanntlich der antisemitische Abgeordnete Köhler-Langsdorf seinerzeit in der zweiten Hessischen Kammer so markerschütternd in die Kriegstrommete stieß, ein für die Antisemiten in mannigfacher Beziehung klägliches Ende. Wie bekannt, wurde der damalige Redakteur der „Deutschen Volkswacht", Neuther, zu einen! Monat Gefängniß vernrtheilt, weil er dem Kaufmann Berlin in Großenbuseck in einer auch formell gehässigen Notiz, die sich als schnöde Lüge und Pure Verleumdung erwies, unterstellt hatte, Berlin habe in seiner Behausung einen Einbruch fingirt, um die Versicherungssumme abzuheben. Die Berufungsinstanz (Strafkammer) hatte das Urtheil bestätigt und im Lause der Verhandlung auch den Einsender der perfiden Notiz herausgefunden, der nunmehr in der Person des 1856 zu Beuern bei Großenbuseck geborenen Steinmetzen Arnold auf der Anklagebank Platz nimmt. Die Anklage war nämlich wieder eine öffentliche — was ja bekanntlich der Anlaß zu der Köhler-Debatte in der Kammer war — und Kaufmann Berlin hatte sich wie in den Vorverhandlungen gegen Reuther, vertreten durch Rechtsanwalt Katz. der öffentlichen Anklage als Nebenkläger angeschlosseu. Der Gerichtshof verurtheilte Arnold zu 80 Mark Geldstrafe oder 16 Tagen Gefängniß, außerdem in die Kosten des Verfahrens. Als mildernd kam in Betracht, daß der Angeklagte noch keine Vorstrafen erlitten hat. Aus den halb hervorgestoßenen, krausen Redewendungen des Angeklagten, aus den Aussagen des Protokollführers Sartorius und zum Theil auch aus denjenigen des Herrn Hirschel war ersichtlich, daß man es hier in der Person des Steinmetzen Arnold mit einem bedauernswerthen, wirren und irregeleiteten Mensch zu thun hat, dem gegenüber eher Mitleid als Schadenfreude am Platze ist. Oesterreich - Ungar«. Lü Wien, 10. November. So hätten denn die Christlich- Sozialen wieder einmal den Sieg davongetragen. Durch beispiellosen Terrorismus, durch rohe Gewalt, die sie den Gegnern gegenüber anwendeten, haben sie es dahin gebracht, daß in Wien und in den Landgemeinden ausschließlich ihre Kandidaten in den Landtag gewählt wurden — auch in Orten wie Baden und Mödling, wo die Juden Wiens nicht müde werden, allsommerlich ihr Geld hinzutragen und Feinde, Hasser der ärgsten Sorte zu bereichern; es ist ja in Wien selbst auch nicht anders, aber da giebt es doch jüdische Geschäftsleute, bei denen Jeder seinen Bedarf an Lebensmitteln und allem Röthigen decken kann, und man muß nicht Leuten Geld zu verdienen geben, die, sobald der Sommer zu Ende und die jüdischen Sommergäste abgezogen sind, riesengroße Plakate affichiren, in oenen die Einwohner aufgesordert werden, ihre Stimmen nur auf den christlich-sozialen Kandidaten zu vereinen — aber im nächsten Sommer pilgern die Juden mit ihren Familien und ihrem sauer verdienten Gelde doch wieder hinaus! — Vor einigen Tagen ist im Franz Joseph-Spital Dr. Simon Senz im Alter von kaum 31 Jahren gestorben. Dr. Senz zog sich vor einigen Tagen in einen! Sanatorium, an dem er als Assistent thätig war, eine Infektion zu und mußte nach Vornahme einer Operation ins Franz Josephspital gebracht werden. Der Verstorbene stammte aus Sereth in der Bukowina. Nach Absolvirung der medizinischen Hochschule trat er als Sekundararzt in das Rudolphspital ein, wo er bis 1898 blieb, in welchem Jahre er mit Empfehlungen des Afrikaforschers Holub nach Transvaal ging, wo er eine gute Stellung erhielt. Nach Ausbruch des südafrikanischen Krieges meldete er sich freiwillig als Arzt bei der Burenarmee und nahm mit den Truppen des Generals De Wet durch mehrere Monate an allen ihren Kämpfen, darunter bei Ladysmith, Theil. Im Januar 1900 wurde Dr. Senz beim Greenpoint Camp von einer Abtheilung des englischen Generals Hunter gefangen genommen und erst nach längerer Zeit aus Intervention des österreichisch-ungarischen Generalkonsuls Hirsch gegen Gelöbniß auf freien Fuß gesetzt. Senz kehrte wieder nach Wien zurück und hielt hier wie auch in der Provinz Vorträge über seine Erlebnisse in Transvaal. Vor mehreren Wochen wurde er als Assistent zur Operation der Erzherzogin Margarethe Sophie in Gmunden — es wurde ihm die Narkotisirung anvertraut — zugezogen. Das Leichenbegängniß des so früh Dahingeschiedenen fand unter reger Beiheiligung aus Kollegen- und anderen Kreisen aus dem jüdischen Friedhof statt. Non Nah und Fern. ----- Der antisemitische Redakteur O. Böckler wurde wegen Beleidigung des Prof. Dr. Strack zu 300 Mark Geldstrafe, eventl. 30 Tage Gefängniß verurtheilt. — Justizrath Dr. Lachmann hat sich bereit gesunden, seine Demission als Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde znrückzunehmen. — Dein Generaldirektor der „Allgemeinen Elekrizitüts- Gesellschaft", Geheimen Baurath Na thenau, ist der Kronenorden dritter Klasse verliehen worden. — Dem ältesten Chef der Leinen- und ExportwebereifirmaJ. Bendix Söhne, Herrn Max Bend ix in Berlin, ist der Rothe Adlerorden vierter Klasse verliehen worden.— Der Lektor an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg, Adolf Garbell, ist am 4. d. M. im Alter von 38 Jahren gestorben. Garbell, eine Balte von Geburt, gab au der Hochschule Unterricht in russischer Sprache, Grammatik und Litteratur. Seiner Feder entstammen auch mehrere kleine Grammatiken und Uebungsbücher der russischen Sprache sowie eine Reihe deutscher Uebersetzungen aus der jüngeren russischen Litteratur. — Ju Mogilno wurde Fabrikbesitzer I. London zum Provinzial-Laudtagsabgeordneten für den Kreis Mogilno gewählt. — — In Myslowitz wurde zu der Enthüllungsfeier des Doppeldenkmals für Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich am 18. v. M. wie die Vertreter der beiden anderen Konfessionen auch der Rabbiner Dr. Norden geladen, der wie jene dem Kronprinzen vorgestellt und von demselben durch eine Ansprache ausgezeichnet wurde. — In Rhina hat der Lehrer der israelitischen Gemeinde, Emmerich, der nach 48jähriger treuer Schularbeit in den wohlverdienten Ruhestand getreten, den Adler der Inhaber des Hoheuzollernschen Hausordens erhalten. — Am 27. v. M. starb Herr Nathan Strauß in Barmen, der Mitbegründer und Vorstandsmitglied der dortigen Gemeinde. Rabbiner Dr. Grabowski sprach am Grabe tiesergreifende Worte des Abschieds. — Fabrikant Leopold Kahn in Stuttgart wurde von der Negierung von Peru zum Kanzler des Peruanischen Konsulats in Stuttgart ernannt. — Der Oberbürgermeister von Wiesbaden hatte auf Grund einer nassauischen Verordnung von 1852 den Kaufmann Kahn daselbst zu einer Geldstrafe von sechs Pfennigen verurtheilt, weil dessen Sohn zweimal den jüdischen Religionsunterricht versäumt hatte, Auf dem von K. erhobenen Widerspruch erkannten Schöffengericht und Landgericht auf Freisprechung. Der Staatsanwalt legte Revision ein weil sowohl das Judengesetz von 1847 wie die nassauische Verordnung von 1852 verletzt seien. Das Reichsgericht hat aber diese Revision z urückgewiesen. — Abermals taucht die Nachricht aus Petersburg auf, Pobjedonoszew habe sein Entlassungsgesuch eiugereicht, und der Zar habe dieses genehmigt. — Dr. M. Krebs, bisher Rabbiner der Ackerbau - Kolonien in Südrußland, ist zum zweiten Rabbiner von Odessa gewählt worden. — In London weilt seit einigen Tagen der Hohepriester der Samaritaner, Jshak den Amram ben Schalom Hakohen, ein Mann von 45 Jahren. Er hat diese Reise unternommen, um bei der „^usslo ^6>visli ^Zsoeiation" Hilfe für seine Gemeinde (Nablus) zu erbitten. Diese ist auf 260 Seelea reduzirt und kann infolgedessen die Lasten der Selbstverwaltung nicht tragen, insbesondere eine gute Schule für die Kinder nicht erhalten. — In der kürzlich abgehaltenen Jahresversammlung des Bundes der christlichen jungen Frauen Irlands zu Dublin wurde eine Resolution zu Gunsten der rumänischen Juden gefaßt. Dieselbe lautete: „Die Versammlung des Bundes junger christlicher Frauen Irlands, welche von der gegenwärtigen Behandlung der Juden in Rumänien gehört hat, wünscht ernstlich und dringend gegen die Fortsetzung dieser Verfolgung zu protestiren und fordert den Rath des evangelischen Bundes auf, diese von Vertretern vieler Tausende irischer Frauen angenommene Resolution der Regierung zur Kenntniß zu bringen. — In Cleveland wurde Herbert Samuel zum Deputaten für das Unterhaus gewählt. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: MaxDauchwitzin Berlin.