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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-14 · Heft 46 (14.11.1902) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 46 (14.11.1902)
Date
1902-11-14
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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66. Jahrgang. Nr. 46. Berlin, 14 November 1902 Der Gerneindebote. Vertage zur „Allgemeinen Zeitung öes ZuöentHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 9. Oktober. Bei der von politischen Freunden Heinrich Rickerts veranstalteten Gedächtnißfeier im Künstlerhause am 5. d. M. widmete Herr Charles L. Hallgarten-Frankfurt a. M. dem dahingeschiedenen Begründer und ersten Vorsitzenden des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus folgende Worte: „Im Namen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus bin ich hierhergekommen, um einen Kranz an der Bahre des treuen und unvergeßlichen Freundes niederzulegen. Tausende und Abertausende trauern mit uns um den Manu, dessen Thatkraft jetzt gebrochen ist, dessen Thaten aber weiterleben. Was er für diesen Verein gethan hat. den er gegründet, das entsprang seiner idealen Natur, seinem Sinn sür Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit. Seine edle Natur bäumte sich auf gegen jede Unterdrückung, gegen jede ungerechte Zurücksetzung und deshalb auch gegen den Antisemitismus. Er wandte sich deshalb au seinen greisen Freund Gneist, an einen Kreis gleichgesinnter Freunde und gründete einen Verein, der einen durch und durch idealen Zweck hatte. Er, der sonst so Kampfbereite, wünschte auf diesem Gebiete womöglich den eigentlichen Kampf zu vermeiden; er wollte die Ungerechtigkeit nur ab wehren, und so entstand der Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Rickert wollte belehren, aufklären und die Schatten zerstreuen, die sich auf die Seele des Volkes gelegt hatten. Sein ideales Wirken, seine eiserne Arbeitskraft ist nie erlahmt; er ist vorangegangen auf diesem Wege, und wenn er auch den Erfolg noch nicht erlebt hat — er hat doch wenigstens die Befriedigung mitgenommen, daß wir auf dem Wege sind, diese düstere Zeit zu überwinden. Ich habe ihm den Dank von Vielen auszusprechen. Er hat hier für Unterdrückte und Bedrängte gewirkt, und in deren Namen ist es mir Bedürsniß, heißen, innigen Dank auszusprechen. Aber wenn ich als Jude diesen Dank ausspreche, so weiß ich, daß ich ihn auch ausspreche im Namen aller der Christen, die von den reinsten Impulsen ihrer Religion geleitet sind. Rickerts Liefe Liebe zur Wahrheit, die nie den Schatten eines Unrechts dulden wollte, befähigte ihn auch, die vielen Angriffe und Unannehmlichkeiten leichten Herzens zu überwinden. Oft wurde ihm vorgeworfen, daß er blos eine „Judenschutztruppe" gebildet habe, aber es war ihm nicht darum zu thun, eine Konfession zu schützen; er wollte Recht und Gerechtigkeit sür einen jeden Mitbürger. Nicht den Juden, sondern den in seinem Rechte gekränkten Staatsbürger wollte er schützen. Wohl erinnere ich mich des rauhen Dezembertages, wo er seine Freunde um sich versammelte, um diesen Verein zu gründen. Schlicht und einfach trug er die Zwecke vor, die verfolgt werden sollten. Er überzeugte Jeden. Wir sind zusammen an diese schwere Arbeit gegangen, und heute vermisse« wir den Leiter und Führer. Aber er hat uns beseelt mit den Gedanken, die uns zum Siege führen werden — nicht ein Sieg in einem Kampf; denn Kampf wollen wir nicht, wir wollen nur das abweh ren, was uns bedräut, und wir wollen auf die Stunde hoffnungsvoll warten, bis die Wahrheit durchdringt. Er ist dahingegangen, sein Stern steht heute schon am Himmelsgewölbe, möge dieser Stern uns auf unseren Pfaden leiten, hell und klar." Berlin, 9. November. Am 2. d. M. beging, wie wir bereits kurz gemeldet, der Geheime Sanitätsrath Dr. Julius Boas in guter Rüstigkeit seinen siebzigsten Geburtstag. Zu diesem Tage hatte sich eine überaus große Zahl von Freunden und Verehrern des Jubilars eingesunden. Vom rothen Kreuz, dem Boas sein lebhaftestes Interesse widmet, war Kommerzienrath Emil Jacob erschienen. Eine ganze besondere Ehrung wurde Boas zu Theil durch seine Ernennung zum Ehrenmitglied des Vereins für innere Medizin, der durch eine Deputation vertreten war. Desgleichen hatte die Berlin-Brandenburger Aerztekammer eine Abordnung mit Herrn Geheimrath Becher an der Spitze gesandt. Aus der großen Zahl der wohlthätigen und gemeinnützigen Vereine, denen Boas seit vielen Jahren seine Unterstützung und Arbeitskraft widmet, und die durch Deputationen vertreten waren, seien noch erwähnt: das Neichenheimsche Waisenhaus, die israelitische Taubstummenanstalt zn Weißensee, der deutsch-israelitische Gemeindebuud, die Berliner ärztliche Unterstützungskasse u. a. Eine Reihe von Freunden und Verehrern überreichte einen Fonds zn einer Julius Boas-Stiftung. Berlin, 11. November. Am 24. d. M. findet im Verein „ Mädchenhaus Pankow" ein Vortrag der bekannten Schriftstellerin Fräulein Adele Schreiber über das sehr interessante und wichtige Thema: „Zur Frage der jugendlichen Dienstmädchen" statt. Wir lenken die Aufmerksamkeit unserer Leser auf diesen Vortrag, an den sich die ordentliche Mitgliederversammlung und ein gemeinsames Abendessen in der „Gesellschaft der Freunde" schließen wird. Die Bestrebungeil dieses Vereins verdienen die eifrigste Förderung seitens aller wohlwollenden Menschenfreunde. 8. Berlin, 6. November. Bei der letzten Volkszählung vom Jahre 1900, bei der jetzt auch die Anzahl der über 100 Jahre alten Personen ermittelt wird, hat sich, wie bereits kurz gemeldet, ergeben, daß die Gesammtzahl der Ueberhundertjährigen 35 Personen beträgt. EZ zählten 100 Jahre 2 männliche und 16 weibliche, 101 Jahre 4 weibliche. 102 Jahre 1 männliche und 4 weibliche, 103 Jahre 2 männliche und 2 weibliche. 104, 105, 107 Jahre je 1 weibliche und 111 Jahre ebenfalls 1 weibliche Person. Dem Religionsbekenntnisse nach waren voll diesen 35 Personen 23 Katholiken, 10 Evangelische und 2 Juden; letztere lebten in West- Preußen und im Rheinlande. Seitdem alle zweifelhaften Fälle mit Hilfe von Kirchenbüchern, Seetenlisteu und bei den örtlichen Behörden vorhandenen Personaluachweisungeu sowie durch Erkundigungen bei Mitgliedern der Familie aufgeklärt werden, können die Nachrichten über die Zahl und das Alter der über 100 Jahre alten Personen jetzt als dem wirklichen Thatbestande entsprechend angesehen werden. Leider wird nicht bei den beiden Glaubensgenossen die genaue Altersstufe und deren Berufsangehörigkeit angegeben, uns scheint jedoch die geringe Zahl von zwei Personen nicht gerade für die sonst betreffs unserer Stammesgenossen so viel eitirte Lebenszähigkeit zu sprechen. §2 Berlin, 9. November. Ein wahrer Rattenkönig von Puck ler- Proz essen wird am 22. d. M. vor der neunten Strafkammer des Landgerichts I zur Verhandlung gelangen. Durch seine wiederholten Vertagungsanträge hat Graf Pückler es erreicht, daß nunmehr alle bei der Staatsanwaltschaft des Landgerichts I gegen ihn anhängigen Beleidigungs- und sonstigen Prozesse auf einmal zur gerichtlichen Aburteilung gelangen werden. Der erste dieser Prozesse betrifft die vom Grasen Pückler im November v. I. in den Konkordia-Sälen gehaltene Versarnmlungsrede, in welcher er seine Erlebnisse in Dresden und Berlin zum Besten gab, nachdem er in beiden Städten wegen Aufreizung zum Klassenhaß vernrtheilt worden war. Bei der Schilderung der beiden Gerichtsverhandlungen soll nun Gras Pückler namentlich die Berliner Richter in ein er Weise kritisirt haben (er sprach n. a. von den „Kerlen, die vor ihm unter den grünen Tisch kriechen müßten"), daß eine Anklage wegen Beamtenbeleidigung gegen ihn erhoben wurde. Als einziger Zeuge in dieser Sache ist der Journalist Schweder geladen, der seinerzeit den Bericht über diese Rede sür die Tageszeitungen verfaßt hat. Die zweite Anklage betrifft die durch die bekannte Veröffentlichung in der „Staatsbürgerzeitung" begangene Beleidigung des Geheimen Sanitätsraths Dr. Neumann in Glogan. In dieser Sache sitzt neben Graf Pückler auch der verurtheilte Verleger Wilhelm Bruhn mit auf der Anklagebank. Eine dritte Anklage betrifft wieder eine Versannnlungsrede des Grafen, in der Aufreizungen zu Gewaltthätigkeiten gegen die Juden erblickt werden. Diesem Verfahren haben sich mehrere jüdische Personen als Nebenkläger angeschlossen, da sie einzelne Wendungen der Rede auf sich bezogen und sich dadurch beleidigt fühlen. Der vierte Prozeß hat die Veröffentlichung dieser Rede in Form eines Flugblatts zum Gegenstände. In allen diesen Prozessen wird Graf Pückler dnrch Rechtsanwalt Simons--

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