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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-14 · Heft 46 (14.11.1902) · p. Seite 552

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 46 (14.11.1902)
Date
1902-11-14
Page
Seite 552 (sequence 14)
Language
German
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L52 nilsreicht, doch meinen Glauben wechsele ich nicht. In meinem Glauben bin ich geboren, in demselben werde ich auch sterben, Väterchen." antwortete Jssajka. Und indem er seine Mütze in den Händen hin- und herdrehte, fragte er weiter: „Wenn Ihnen sonst nichts gefällig ist, so werde ich mit Ihrer Erlaubiiiß gehen." „Tn bist ein dummer Mensch, Jssajka, wenn Du Deine Seele nicht retten willst." „Das bin ich auch, wie es scheint," - willigte Jssajka ein und über sein Gesicht glitt ein feines, kaum merkbares Lächeln, — „doch wird sich vielleicht dennoch etwas zum Ausbessern finden!" „Danke, Jssajka, vor der Hand ist alles in Ordnung.... Doch sehe ich es wohl: Du bleibst taub bei all meinen Worten. Mochtest Du Dir nicht wenigstens dieselben überlegen?" „Warum nicht überlegen? Man muß jedes Wort überlegen - dazu gab ja auch Gott dem Menschen den Verstand. Und vergaß dabei auch nicht den Juden!" setzte Jssajka hinzu, mit einem kaum hörbar ironischen Ton in der Stimme und machte sich schnell davon. Er will leider nicht hören! dachte Pater Spiridonij seufzend. Und indem er mit Wohlgefallen seinen vorzüglich ansgebesserten Rock betrachtete, bedauerte er sehr, daß es einem so guten Inden, wie Jssajka, schlecht ans jener Welt ergehen wird. (Forts, folgt.) Hpvechsaat. Sehr geehrter Herr Redakteur! (Mch komme noch einmal ans das Verbot, am Sabbath zu fahren Zurück, weil es sich dabei um ein Prinzip handelt, nicht etwa, weil es von aktueller Bedeutung wäre, denn die Wirklichkeit hat längst zu Gunsten meiner Auffassung entschieden. Die überwiegende Mehrheit der Glaubensgenossen, wenigstens der deutschen, fährt nicht nur am Sabbath, sondern geht sogar dem Erwerbsleben nach, ein Beweis, daß die Verhältnisse stärker sind als selbst die Kasuistik des talmudischen Gesetzes. Ich spreche von Kasuistik, denn derselbe Talmud, der das Fahren (resp. Reiten) verbietet, erlaubt das Fahren mit dem Schiff, als ob da die Ruhe nicht gestört würde, zumal den Leitern und Dienern desselben, und derselbe Talmud, der das Gehen über eine gewisse Grenze hinaus verbietet, giebt zugleich ein Mittel an, dieses Verbot zu umgehen. Also mit der talmudischen Spitzfindigkeit kommen wir nicht weit, auch dann nicht, wenn wir in das Unverständliche allerlei Tiefsinn hineinzugeheim-- nissen suchen. Es bleibt dabei, daß das Gebot der Sabbathruhe nicht zur Erschwerung, sondern zur Erleichterung des Lebens gegeben ward und daß der Talmud ans dieser Wohlthat eine Last gemacht hat, die man nur so lange als Lust empfinden konnte, als man damit ein göttliches Gebot zu erfüllen und sich auch die künftige Welt zu sichern glaubte. Heute aber erfüllen wir mit dem Richtsahren am Sabbath nicht einmal ein soziales Gebot, wie selbst denen klar sein wird, die es mit aller Gewalt wenigstens in der Theorie aufrecht halten wollen; es für unverbindlich zu erklären, wäre daher kein Gewissenszwang, sondern Gewissens erleichterung, nämlich für alle die, welche zu fahren gezwungen sind und damit ein religiöses Verbot zu übertreten glauben, oder für alle die, die das Fahren meiden müssen und darin überhaupt kein solches erblicken. Herr Dr. H. M. E. hält sich über meine Begründung dieses Vorschlages aus, als ob für Reformen überhaupt etwas anderes maßgebend sein könnte als die veränderte Zeitlage und die veränderte Denkweise; daraus achten heißt noch lange nicht nach rechts und links blicken, sondern im Gegentheil vorwärts blicken. Die Rücksicht auf Nichtglaubensgenossen darf hierbei selbstverständlich nicht maßgebend sein; ich wollte mit deren Erwähnung keinen Grund, sondern nur eitle Thatsache anführen. Der einzige Grund liegt in der Sache selbst. Oder sollen wir überhaupt nicht reformiren? Sollen wir damit warten, bis ein Bath-kol uns die Erlaubniß dazu giebt, oder bis Elias erscheint? Haben wir nicht dasselbe Recht für unsere Zeit, welches die Talmudisten für die ihrige in Anspruch nahmen? Sollen wir das von Menschen aufgelegte Joch ewig als ein göttliches betrachten und tragen? Ausgeklügelte Satzungen für höchste Weisheit ansgeben? Es giebt so manches zu reformiren, z. B. die jüdischen Ehegesetze, die dringend einer Aenderung bedürfen; doch können wir jetzt nicht darauf eingehen. Herr Dr. H. M. C. spricht von dem Zusammenhang zwischen Inhalt und Form und vergleicht die Religion mit der Kunst; er vergißt aber, daß in der Kunst die Form etwas Wesentliches ist, so sehr, daß eine formlose Kunst überhaupt keiue Kunst ist, während eine formlose Religiosität doch noch die tiefste Frömmigkeit in sich schließen kann. Ritual und Moral verhalten sich durchaus nicht wie Körper und Geist, sondern höchstens wie Gew a n d und Geist. Sollen wir uns stets nach der alten Form kleiden? Die einzige bleibende Form der Moral ist das sittliche Handeln selbst, nnd diejenige, die sich nur in rituellen Formen äußert, hat gar keinen Werth; daran ändert auch das angeführte Citat von Montefiore nichts, das wir nichts weniger als schön finden; denn wir halten mit den Propheten dafür, daß die Hungrigen zu speisen nnd die Nackten zu kleiden unendlich höher steht, als alle Ceremonien zusammen. Das Ritual hat mit der Moral überhaupt nichts zu schaffen; es ist nur ein symbolischer Ausdruck der vorgestellten Wechselbeziehung zwischen Gott und Mensch. Das heiligste Ritual des alten Israel war der Opferdienst, und dennoch sind wir über ihn hinausgeschritteu; so werden wir mit der Zeit auch über das talmudische Ceremoniell hinausschreiten, das ebensowenig wie das biblische für die Ewigkeit gegeben ist. Was die Entgegnung des Herrn Dr. Kaminka betrifft, so kann selbst seine rabbinische Gelehrsamkeit mich nicht von der Berechtigung und Verbindlichkeit des Fahrverbotes überzeugen. Was er über das s"gt, ist gewiß sehr zutreffend, aber mir scheint, daß der tiefste Grund dafür nicht blos theoretische Exemplifizirung, sondern das durchaus praktisch gedachte und angewandte Prinzip der „Umzäunung" ist. Wenn der Talmud also z. B. das Reiten verbietet, „damit inan nicht einen Zweig abschneide", so will er damit sagen: Das Reiten an und für sich wäre biblisch erlaubt, aber da es sehr leicht zu einer unerlaubten Handlung führen kann, ist es rabbinisch zu verbieten. Eine derartig vorbeugende Gesetzlichkeit zieht sich ja durch den ganzeil Talmud hindurch. Aber selbst wenn das Fahrverbot wirklich mit der Sabbathheiligung zusammenhinge, — daß das nicht der Fall, beweist ja am schlagendsten der Umstand, daß einerseits auch das Gehen über eine Grenze hinaus verboten ist, und daß andererseits das Fahren zu Schiff erlaubt ist — so ist es dennoch heute absolut hinfällig, theils wegen der modernen Verkehrsverhältnisse, theils weil der Sabbath heute überhaupt zu einem Werktag geworden. Daß Hillel ein edler Charakter und Maimonides ein großer Geist und Beide eine Zierde des Judenthums sind, wird Niemand leugnen, aber auch sie waren Kinder ihrer Zeit. Unsere Zeit erblickt das Ideal einer harmonischen Persönlichkeit nicht mehr darin, daß sie das Rituelle ebenso heilig hält wie das Moralische, sondern daß sie Ernst macht mit dem Allsspruche Hilles, und alles Ceremonielle wirklich nur für Nebensache hält, zumal wo es den modernen Verhältnissen, Anschauungen und Empfindungen nicht mehr entspricht. Berlin, 1. November 1902. Hochachtungsvoll Dr. Jelski. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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