Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- Seite 551 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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551 Jssajka hatte sich längst an seinen Namen gewöhnt, den er gleich darauf bekam, als er, bleich wie der Tod, dünn wie ein Streichholz, in einem schmutzigen, zerrissenen Rock und langen Ohrlocken (Peies) im Rekrutenamt eines nordwestlichen Städtchens erschien, und ungeachtet seines schmalen Brustkastens und seines kleinen Wuchses, auf den er so sehr rechnete, das verhängnißvolle „tauglich" vernahm. Es halsen weder die Thränen der Mutter, noch das Flehen des alten Vaters, der sich dem Militärarzt zu Füßen warf und ihn bat, den Sohn zu befreien; nichts vermochte zu helfen, Jssajka wurde als Rekrut angenommen und für die Flotte bestimmt (wahrscheinlich seines kleinen Wuchses wegen). Bald darauf ging's nach Kronstadt, wo er in die Flottenabtheilung kam, und wo man ihm am selben Tage noch den Namen Jssajka beilegte. So blieb er auch für's ganze Leben — Jssajka. „Es liegt wahrlich nicht an dem Namen, sondern daran, daß man im Dienst nicht geschlagen, noch mit Ruthen bestraft werde!" dachte Jssajka so für sich hin und fühlte sich nicht im Geringsten beleidigt, daß man ihn nicht wie alle übrigen Russen nannte, umsomehr, da die Matrosen ihn vorzüglich und sogar mit gewisser Ehrerbietung behandelten. Entschieden Alle, selbst die Bootsleute und die Unteroffiziere, achteten ihn als einen durchweg ehrlichen Menschen, einen stillen und sorgfältigen Arbeiter und zu gleicher Zeit als einen „Hellen Kopf", der bei Gelegenheit Dinge erklärte, die sonst Niemand anders zu erklären vermochte. „Doch Jssajka vermag alles!" sagten die Matrosen. Auch sprach er so überzeugend und beredt, daß man ihm mit Vergnügen trotz seiner jüdischen Aussprache zuhörte. Bald nach Eintritt in den Dienst brachte er sich das Lesen und Schreiben bei und las nicht allein jüdische, sondern auch russische Bücher, mit denen er sich gern beschäftigte nnd sich oft darüber unterhielt. Das war zu jener Zeit eine große Seltenheit, da die Mehrzahl der Matrosen unwissend war, und dieser Umstand verlieh dem Jssajka den Ruf eines „Gelehrten", was er sich auch zu Nutzen machte. Der gute Ruf Jssajkas hatte sich längst in der Flvttenabtheilung eingebürgert, und kein einziger Fleck verdüsterte denselben. Zwar fanden einige Matrosen, daß, obgleich Jssajka ein guter Mensch, er dennoch ein „Jude" ist, und, gleichviel wie, bis zu einem gewissen Grade schuld daran sei, daß Judas den Heiland für 30 Silbergroschen verrieth, und daß die, zwar entfernten, Vorfahren Jssajkas Christus gekreuzigt hätten. Doch die persönlichen Eigenschaften Jssajkas, der nicht im Stande war, selbst einer Fliege Leid anzuthun, milderten bedeutend seine Schuld an der Kreuzigung Christi, sogar in den Augen einiger Erzjudenfeinde, unter welchen sich besonders der rothhaarige Schreiber Awdeeff durch seine entschiedenen Meinungen auszeichnete, der über die Juden ganz unglaubliche Dinge zum Besten gab. Doch auch er mußte zuguterletzt mit beistimmen, daß Jssajka gar nicht einem „ekelhaften Juden" glich und auch nicht zu einem „ihrer gemeinen Kniffe" fähig war. Hauptsächlich führte ihn aber stets zu dieser Ueberzeugung die Thatsache, daß Jssajka gar nicht habsüchtig war. Letzteres wußte Awdeeff genau, da er sich von Jssajka vor drei Jahren drei Rubel entliehen hatte und sie ihm nicht wiedergab, Jssajkas Zartgefühl wahrnehmend. Und der Schreiber Awdeeff äußerte oft sein Bedauern darüber, warum sich denn Jssajka nicht taufen ließe. „Dann würde er auch ein richtiger Mensch sein!" fügte er hinzu. Darüber sprachen mit Jssajka auch viele Andere. Der Pater Spiridonij — ein Mönchspriester mit tiefer Baßstimme aus dein Kloster zu Walaam — der mit dem Kriegsschiff einige Seereisen machte, und dem Jssajka nicht selten seinen Priesterrock reinigte und wie neu ausbesserte lenkte eines schöneil Tages das Gespräch auf dieses heikle Thema. „Du bist, Jssajka, ein gar zu guter Mensch und nicht im Geringsten habsüchtig," sagte der Pater Spiridonij mit seiner tiefen Baßstimme, die etwas heiser klang, nachdem er am „Lande" war, indem er seinen Rock von Jssajka nahm. „So z. B. besserst Du die Sachen dem Diener Gottes eines ganz anderen Glaubens aus und forderst dafür keinen Lohn. . . . Beweist das denn nicht, daß in Dir, Jssajka, echt christliche Tugenden stecken? Eiir Anderer au Deiner Stelle, selbst ein Orthodoxer, fordert dasür 10 Kopeken vom Pfaffen, und Du Jude, der Du Gottes Segen entzogen bist, nimmst nichts dafür," setzte der Geistliche fort, sehr zufrieden, daß Jssajka nie auch nur ein Wort über irgend eine Belohnung seiner Arbeit fallen ließ. „Auch weiß ich wohl, daß Du es mir auch künftig nicht abschlageu wirst, einen solchen kleinen Dienst zu erweisen. Nicht wahr, Jssajka?" Jssajka antwortete, daß er immer gern dazu bereit sei. „Das ist es eben. . . Das sagte ich ja auch, daß Du eine christliche Seele besitzest, dessen ungeachtet, daß Dein Glaube ein geradezu heidnischer ist. Zürne Du mir nicht wegen dieser Wahrheit, Jssajka! Doch Alle behaupten, daß er schrecklich ist!" erklärte Pater Spiridonij und dabei lächelte sein volles, aufgedunsenes Gesicht heiter und gutmüthig. Jssajka entgegnete nichts darauf. Doch wollte er nicht, wie es scheint, das Gespräch in dieser heiklen Richtung fortsetzen imd deshalb fragte er vorsichtig und ehrerbietig: „So ist Ihnen, Väterchen, nichts weiter gefällig?" „Nein. Doch warte nur, Jssajka. Ich habe Dir etwas zu sagen." „Geruhen Sie zu sprechen, ich werde es anhören," antwortete Jssajka, indem er seinen krausen Kopf etwas zur Seite senkte. „Weißt Du auch was, Jssajka? Laß Du Deinen jüdischen Glauben im Stich. Empfange Du lieben Gottes Segen, und schließe Dich, Brüderchen, den Orthodoxen an. Hauptsächlich thust Du mir leid, Jssajka. Du bist ein gar zu guter Mensch,, doch Deine Seele geht indessen zu Grunde. Glaube mir aufs Wort, sie geht zu Grunde! Welchen Platz, wie meinst Du, werden die Juden auf jener Welt einnehmen? In der Feuerhölle! Und was ist ihnen beschieden? Wie glaubst Du?" „Sie müssen es, Väterchen, besser wissen," antwortete Jssajka diplomatisch. „Sie werden Kohlen schlucken müssen!" erklärte Pater Spiridonij bestimmt und fügte hinzu: „Laß Dich lieber taufen." . . . „Was ist da auch zu machen! Wenn schon der barmherzige Gott dem Juden so böse ist, wie Sie es behaupten, daß er ihn glühende Kohlen schlucken läßt, so werde ich auch Kohlen schlucken, wenn nur der Vorrath derselben für alle Juden