Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- Seite 550 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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550 wenn er sagen wollte, „es thut mir leid, aber —Die Frau Bäckermeisterin, welche die Gefährlichkeit der Situation auch dann durchschaut hätte, »venu ihr ehrsamer Ehegespons sich nicht, wie es hier geschieht, verlegen und rathlos das Kinn gekratzt hätte, sucht mit echt weiblicher Schlauheit das drohende Unwetter abzuwenden. Sie wendet sich nicht direkt an den Amtsdiener, aber indem sie ihrem Gatten darüber Vorwürfe macht, daß er sich die Praxis des „neuen metrischen Gewichts" — das alte Gewicht war in Hohenzollern leichter — gehörig anzueignen zu saumselig gewesen sei, sucht sie den Herren Visitator für die Annahme mildernder Umstände geneigt zu machen. Auch die anwesende Großmutter will das Ihrige thun; sie macht sich an de» Aktuar heran und versucht mit einem Gläschen feinen, für derartige kritische Anlässe extra bereitgehaltenen Likörs die Härte seines Herzens zu erweichen- Die Unschuld und Naivetät des Kindes, das sie schlau mit einem Teller vorschiebt, sollen gleichfalls zuin Attentat auf das Herz des Mannes des Gesetzes dienen. Letzterer ist zum Glück kein Unmensch, er ist vielmehr ein Manu, der unter Umständen mit sich reden läßt, zumal wenn es solche verlockende Verführungsmittel wie den famosen Likör und schöne Aepfel giebt. Seine Physiognomie verräth zu deutlich, daß zwei Seelen in seiner Brust wohnen, die des Beamten und die des Menschen, welche einen grimmen Kampf mit einander führen; Tugend und Laster werden mit einander handgemein. Er ist noch nicht im Reinen mit sich, was er thun soll, aber alles spricht dafür, daß er schließlich Gnade statt Recht walten lassen und diesmal ein Auge zudrücken werde. Ein Knabe ist eben, die Peitsche in der Hand, zur Thüre hereingestürmt, bleibt aber verdutzt festgebannt, als er die Situation überschaut. Auf dem Bilde erblicken wir auch noch den Großvater, welcher soeben bei der drohenden Gefahr seine Ofenecke verläßt und im Begriffe ist, zu Gunsten seines Sohnes in die Handlung einzugreifen, während die neben dem Fenster postirte Tochter des Bäckers mit ihrem jüngsten Bruder in stummer Verwunderung dem schlimmen Handel zuschaut. Die geschickte Technik, die poetische Auffassung und Behandlung des Gedankens, das dramatische Leben des Ganzen und vor allem der urkräftige Humor, welcher über das Bild ausgegossen ist, verleihen diesem Genrebild Hirschfelders einen eigenartigen Reiz, dem sich die Zeitgenoffen nicht verschließen konnten. Seit jenem ersten Schlager beschenkte Samuel Hirschfelder die Kunst mit zahlreichen humoristischen Genrebildern, welche, aus dem Leben gegriffen und von der scharfen und feinsinnigen Beobachtungsgabe des Meisters Zengniß ablegend, überall sehr gefielen, gelaust wurden und den Namen ihres Schöpfers bald zu einem gefeierten machten. Man kann wohl sagen, daß seine Gemälde auf den Ausstellungen die meisten Abnehmer fanden. Wir finden dieselben in öffentlichen Galerien wie im privaten Besitz in aller Herren Ländern, namentlich aber in München, Berlin. Nürnberg, Hamburg, Wien, Triest, Paris und London. Eins derselben „Rache ist süß" hängt unter anderem in Castans Panoptikum in Berlin. Sehen wir uns nun noch einige der hervorragendsten und originellsten dieser Genrebilder an. Was zunächst das letztgenannte „Rache ist süß" betrifft, so hat hier der Maler einen trefflichen humoristischen Gedanken in glücklichster Weise zur Darstellung gebracht. Das Bild versetzt uns in den Flur einer Kaserne, wo ein Soldat im Begriffe ist, den Waffenrock seines gestrengen Herrn Sergeanten mittelst einer Gerte von allein Staub zu säubern. Dieser Vorgesetzte gehört aber augenscheinlich nicht zu denjenigen, welche bei ihren Untergebenen Wohl gelitten sind. Dieser Soldatenschinder entwickelt ihnen gegenüber mehr Strenge und Schneidigkeit, als gerade nöthig ist, indem er im Innen- und Außendienst, wo immer er kann, sie schuhriegelt. In dem Geiste unseres Vaterlandsvertheidigers auf dem Bilde taucht daher, während er den Nock seines Vorgesetzten ausklopft, eine ziemlich naheliegende Jdeenverbindung auf, die wir ihm deutlich genug vom Gesichte ablesen können. So kostet er denn, während er ingrimmig auf das Mundstück seiner kurzen Pfeife beißt und den Klopfstock mächtig schwingt, in seiner Phantasie die ganze Süßigkeit befriedigter Rache. Hei! wie fallen die Hiebe so hageldicht auf den Rücken des Sergeanten — wenn auch nur leider symbolisch! Aus dem vielgestaltigen Reich des Liebeslebens schöpfte Samuel Hirschfelder wiederholt gar Schönes, Sinniges und Launiges mit glücklicher Hand. In seinem Bild „Ein schwarzer Don Juan" führt er uns einen Kamin- und Essenfeger, den speziellen Don Juan für die Küchensee, vor. Man sollte es kaum glauben, daß selbst ein solch verrußter Geselle Glück bei den Damen der Küche hat! Er wirkt zwar nicht durch seine schmucke Uniform wie sonst die Herren vom zweierlei Tuch, wohl aber durch seine wohlgeformte Gestalt und seine schwarzen, glühenden Augen, obschon die Berührung mit ihm, das heißt mit seiner Farbe, verderblich und verrätherisch wirkt. Das Sträuben unserer Zerline gegen den Don Juan richtet sich lediglich gegen seine abfärbende Eigenschaft, während ihr Gesicht nur ein sehr schwaches Widerstreben erkennen läßt, und es ist noch sehr zweifelhaft, ob sie die Vertheidigungswaffen, welche sie zur Hand hat — Teig oder Seifenschaum — gegen den kecken Angreifer schleudern wird. Doch ist er augenscheinlich bester wie sein berühmter Namensvetter in der gleichnamigen Oper, er macht sich nur einen Scherz in Ehren. Auch ist es nicht ausgeschlossen, daß, wenn er eines Tages „ungeschminkt" und in moderner bürgerlicher Tracht vor seiner Zerline erscheint, um um ihre Hand zu werben, die Beiden dann ein Paar werden! (Forts, folgt.) Jssajka. Von K. Stanjnkowicz. Aus dem Russischen von A. Romm. I. icht nur die Herren Offiziere und die sogenannte Aristokratie des Schiffes, sondern auch alle Matrosen nannten den schwächlichen, kleinen, blassen Mann mit der typisch jüdisch gebogenen Nase, den dünnen Lippen und den ernsten und zugleich furchtsam dreinschauenden großen, ungewöhnlich sanften, schwarzen Augen nicht dem Familiennamen nach, wie es sonst der Brauch ist, sondern mit dem Verkleinerungsnamen — Jssajka. Einen anderen Namen führte Jssajka nicht, obgleich er schon die 40 erreicht hatte und ein alter Matrose war, der von den in früheren Zeiten pflichtmäßigen 25 Jahren im Amte eines Segelmachers seine 16 Jahre schon ausgedient hatte.