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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-14 · Heft 46 (14.11.1902) · p. Seite 549

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 46 (14.11.1902)
Date
1902-11-14
Page
Seite 549 (sequence 11)
Language
German
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549 dem sein Genius anerkannt werden würde. Er liebte es nicht, mit den Menschen in Berührung zu kommen, und nur Wenige in München kennen den einsamen Alten, den Philosophen der Palette, auf den leider auch das Wort angewendet werden kann: „Wer sich der Einsamkeit ergiebt, ist bald alleirr." Ich spreche hier von Samuel Hirschfelder, einem der genialsten Genremaler in der Gegenwart, dessen Schöpfungen nicht allein in Deutschland, sondern weit über die Grenzen desselben hinaris verbreitet und rühmlichst bekannt sind, und welche die vornehmsten Galerien des In- und Auslandes schmücken, von dem Künstler, der eine Eigenart, eine Eigennatur ist und zugleich als der Senior unter den humoristischen Genremalern bezeichnet werden kann. Ist es nicht merkwürdig und eine der wunderbarsten Fügungen der Vorsehung, daß der Meister, an dessen Wiege die Armuth stand, und die ihn groß geschaukelt hat. der noch heutzutage, obschon er das biblische Lebensalter längst überschritten, sich keines Mäzens und keines Protektors erfreut und noch immer lediglich auf seine eigene Kraft angewiesen ist, ein Mann, der den Kelch des Elends bis auf die Hefe geleert, Werke geschaffen, welche von künstlerischem Humor durchweht sind und das Leben von seiner heitersten Seite zeigen? Ist es nicht merkwürdig, daß dieser Optimist der Palette auch in der Unterhaltung, wie so viele Humoristen in der Kunst und Litteratur, als ein ausgemachter Hypochonder uns entgegentritt? Ich hatte die Freude, in München mit dem greisen Meister näher bekannt zu werden, und, in seinem Atelier in der Adalbertstraße 72 mich mit ihm unterhaltend, hinter das Geheimniß seines noch jetzt mit ursprünglicher Kraft und Frische hervorsprudelnden Humors zu kommen. Es ist dies sein reiches, tiefes Gemüth, sein inneres Leben, welches die Trübsal und Miseren der Außenwelt nicht beachtet, und seine reiche, bewegliche Phantasie, worin eine ganz andere, glückliche und harmonische Welt lebt. Unsere geehrten Leser werden gewiß hier mit Interesse zum ersten Male von dem Lebens- und Werdegang des alten Malers erfahren. S. Hirschfelder wurde am 16. Mai 1831 in Dettensen, einem kleinen Dorf in Hvhenzollern an der würktenibergischen Grenze als Sohn eines armen Buchbinders geboren. Den ersten Impuls zum künstlerische» Schaffen erhielt er schon in zarter Jugend durch die Lektüre jener Bücher, die sein Vater zum Einbinden bekam. Die Kupferstiche und Bilder in denselben versetzten ihn in flammende Begeisterung, und die kleinen Fingerchen des Knaben versuchten dieselben an den schwitzenden Fensterscheiben nachzuzeichnen. Seine ganze Erziehung und Bildung erhielt er in der Volksschule, wo allerdings seinen Lehrern die hohe Intelligenz des rastlos fleißigen Knaben bald auffiel. Frühzeitig trat seine Begabung für das Zeichnen zu Tage; dort konnte jedoch derselben kein Vorschub geleistet werden, da seine Lehrer selbst nicht zeichnen konnten, und jene Kunst damals noch zu den „brodlosen" gerechnet wurde. Nach Absolvirung der Schule kam er zu einem „Landmaler" in die Lehre, bei dem er mit knapper Noth die Anfangsgründe des Zeichnens sich aneignete. So vergingen denn einige Jahre in zähem Streben nach künstlerischer Vervollkommnung, doch blieb sein Lieblingswunsch, die Kunstakademie in München besuchen zu dürfen, wegen der Nothlage von Hirschfelder sen. unerfüllt, da dieser zu hart im Kampf um das tägliche Brod ringen mußte, um sich einen solchen Luxus zu gestatten, d. h. das Geld für die Reise und den Unterricht erschwingen zu können. Mit 20 Jahren wurde der Jüngling zum Militär ausgehoben und diente anderthalb Jahre im 25. Preußischen Infanterieregiment in Ehrenbreitenstein. Während dieser Dienstzeit versäumte er keine freie Minute, um sich privatim namentlich im Aquarell zu üben. Sein Zeichen- und Maltalent fiel - seinen militärischen Vorgesetzten auf, und ihnen hatte er es zu verdanken, daß er, mit guten Zeugnissen ausgerüstet, des Königs Rock ausziehen durfte, d. h. durch die Gnade des Königs Friedrich Wilhelm IV. zur Reserve entlassen wurde. Unter ungeheuren Mühseligkeiten und großen Entbehrungen gelang es ihm, nach München zu wandern und endlich die heißeste Sehnsucht seines Lebens in Erfüllung gehen zu sehen. Er wurde in die dortige Kunstakademie ausgenommen und genoß daselbst einige Zeit den Unterricht der Professoren Hiltensberger und Anschütz. Da er jedoch in der Akademie keine sonderliche Förderung erhielt, trat er bald aus und versuchte wieder wie bisher als Autodidakt vorwärts zu kommen! denn das muß hier gesagt werden, daß Samuel Hirschfelder zu der kleinen Schaar jener Künstler gehört, die den hervorragenden Rang, den sie in der Kunstwelt einnehmen, keiner Schule, keiner Akademie und noch weniger einem glücklichen'Schicksal, sondern fast ausschließlich ihrem eigenen Talent, ihrer Strebsamkeit und der oft im Kampfe mit den schwierigsten Verhältnissen gestählten Energie zu verdanken haben. Aber gerade diese Umstände waren die Ursache, daß dieser Jünger des Apollo seine eigenen Wege ging, die ausgetretene Heerstraße der Malkunst verließ und durchaus originell in seiner Kompositionsweise und der Manier seiner Technik geworden ist. Durch selbsteigene Thätigkeit ist er zu einem Resultat gelangt, das Anderen nur dann — und auch nicht immer — erreichbar ist, wenn ihnen durch die beste Schule und Anleitungen das Vorwärtskommen auf jede mögliche Weise erleichtert wird. Wie viele andere, weniger zähe und ausdauernde Naturen sind im Sturm des Lebens untergegangen, wie Vielen ist die Lust am Schaffen verkümmert worden, während er stets aufrecht stand und sich einen der ersten Plätze in der Walhalla der berühmten Genremaler der Gegenwart zu erringen gewußt hat! Nachdem er mit wechselndem Erfolg verschiedene Portrait- und Genrebilder geschaffen, lenkte er alsbald die allgemeine Aufmerksamkeit durch sein figurenreiches Bild „Die Brodvisitation beim Dorfbäcker" auf sich. Dasselbe wurde in zahlreichen Zeitschriften reproduzirt und bildete lange Zeit das Ereigniß des Tages in der Knnstwelt. Schon hier bekundet sich das wahrhaft entzückende humoristische Talent des Malers jener Humor, welcher, nach der Definition Jean Pauls, zwischen Thränen lächelt. Der Künstler führt uns in eine Bäckerstube seiner eben genannten Heimath, Dettensen in Hvhenzollern. Es ist der Tag des Herrn, d. h. der gefürchtete Tag der Vergeltung für die Bäcker, der Tag der Brodvisitation durch die hohe Obrigkeit, hier vertreten in Gestalt eines Aktuars und, Amtsdieners. Der Bäcker hat augenscheinlich ein böses Gew issen, und er ist von dem Visitator überrascht worden. Wir sehen den Amtsdiener, wie er die Waage in Händen hält, um das Gewicht des zu leichten Brodes zu kontrvlliren. Für den Bäcker scheint die Sache faul zu stehen, denn unser Visitator macht mit der linken Hand eine gar bedenkliche Bewegung, als

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