Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- Seite 548 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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548 Das ist das traurige Resultat des schwarz angestrichenen 5. November, des Wahltages von Wien und der niederösterreichischen Städte. Um Ihnen zu zeigen, wie hoch an Intelligenz die von Bielohlawek vertretene City von Wien steht, bemerke ich nur, daß die Stadt St. Pölten (im Volksmunde St. Blöden genannt) fortschrittlich wählte, die Wiener City aber glaubt durch Bielohlawek würdig vertreten zu sein. Bielohlawek ist jener Held, der da vermeint, jeder Gebildete sei ein Protze und nur die in kindlicher Unwissenheit und paradiesischer Ignoranz vegetirenden Menschen verdienten es, ans den Schild gehoben zu werden. Und diese Grundsätze wird er im Landtage vertreten, während der „rote Ellenbogen" seine Weisheit an anderen Orten ausschroten kann, z. B. in unserem Reichsrath, wo man ja auch tapfere Schreier und Obstruktionisten sehr gut brauchen kann. Der Wiener Weisheit letzter Schluß ist also: „Hoch Lueger!", Hoch der Wiener Nathhauskeller!", „Hoch die Barrierestöcke und was drum lind dran hängt." — Aufrichtig gesagt, muß uns Inden der Ausfall der Wiener Wahlen sehr kalt und gleichgiltig lassen. Was haben auch wir von der Verbindung der sogenannten sortschrittlich-freisinnigen-völklichen-sozicil-politischen und sozialdemokratischen Parteien zn erwarten? Was verbindet sie, alle die Herren von diesen Faktionen, oder wie man bei uns so schön sagt. Fraktionen? Wollet ihr es hören: Alle sind sie Antisemiten. Mit einem Worte: Bei uns beherrscht alles der Judenpunkt. Ellenbogen ist ein geborener mährischer Jude, seinem Bekenntnisse nach aber ein ausgesprochener konfessionsloser Sozialdemokrat, der vielleicht für irgend einen judenfeindlichen „vrganisirten" Arbeiter, der jüdisches Brod ißt, sich erwärmen wird, aber beileibe nicht für einen Inden. Ellenbogen würde es für eine Beleidigung halten, wenn man von ihm forderte, für die armen rumänischen Juden einzutreten. So beschränkt ist er nicht; er steht außerhalb jeder Konfession und jeder Nation. Und diesen Ellenbogen wird man uns immer als Jndenverlreter hinstellen. Und dann die Antisemiten der deutschen Volkspartei, diese verkappten Schönerianer, was soll man von dieser unaufrichtigsten Partei sagen, die für sich von den „liberalen Jndenblättern" agitiren läßt, während sie auf den Judenhaß, auf den Rassenhaß eingeschworen ist? Was soll man von den sogenannten Sozialpolitikern sagen, die nicht wissen, was sie wollen, die das „Schwefeln" so gut und die That so schlecht kennen? Und die Freisinnigen? Wo sind sie zu finden? Sind das Freisinnige, bei denen der Mensch erst beim getauften Juden aufängt? Wahrlich, mit diesen zusammengeschweißten Parteien hatte Luegerleichtes Spiel, denn der ist seiner Wiener sicher. „Jud' und Böhm'", das sind ja für den Wiener immer jene Individuen gewesen, über die er sich mit besonderer Vorliebe lustig macht, die er in seinen „Volksliedern" höhnend besingt, die er, der Mann mit dem „goldenen Herzeil", besonders gern verspottet. Lueger hat seine Wiener bei ihrer wundesten Stelle zn fassen verstanden, und er hat sie ganz. Darum glauben wir es schon, daß viele Juden sich der Wahl gänzlich enthielten. Was haben sie zu erwarten? Schutz bei Ellenbogen? Schuh bei Dr. Vogler oder dem Herrn Zifferer, die sich scheuen, das Wort Jude in den Mund zu nehmen? Wir begreifen es, wenn der jüdische Geschäftsmann nicht wählen geht, denn er weiß nicht, bei wem er weniger Schutz findet, bei dem sich offen als Antisemiten bekennenden Lueger oder bei dem im verschämten Antisemitismus unverschämt „machenden" Volksparteimann. Man mißverstehe »ns nicht, aber wir wollen sagen: Die Antiluegerpartei Wiens erlag ail ihrer Unaufrichtigkeit, an dem Mangel an Wahrheit und Gerechtigkeit, der unser ganzes politisches und gesellschaftliches Leben durchzieht und dieses kennzeichnet. - Ja, es war ein schwarzer Tag, dieser 5. November, dieser Wahltag von Wien; er verdient es, schwarz bezeichnet zu werden, denn dunkle Wolken, die dunklen, schwarzen Nebel der Lüge und des Vorurteils verdüstern unseren Gesichtskreis. Wir Juden haben von Ellenbogen ebensowenig zu erwarten wie voll Bielohlawek. Wir sind nur gut, das Kanonenfutter für gewisse Streber abzugeben, gewissen Herreil Mamelukendienste zu leisten, damit sie ans unseren Schultern emporsteigen und dann sageil: „Jud' jetzt hast du deine Schuldigkeit gethan, du kannst illln gehen." Diese Ersahrungen machen wir in Oesterreich tagtäglich. Eine ganze Reihe von Gesetzen wurde geschaffen, die Tausende und Tausende ehrlich nm ihr Brod Ringender erwerblos macht, und die mit jüdischen Stimmen Gewählten haben es nicht der Mühe werth geflinden, dagegen Einsprache zu erheben. Kann man es diesen armen Wählern verargen, wenn sie theilnahmslos geworden sind? Wir verstehen den Sieg Luegers nur zu gut. Wir wissen, daß Viele von denen, die sich so stolz „Freisinnige" nennen, mit Lueger heimlich liebäugeln. Das ist der Freisinn nicht nur der Jnngtschechen, sondern auch der sogenannten Deutschvolklichen. Der Sozialdemokrat Daszinsklz, der von polnischen Juden Gewählte, macht mit Vorliebe Witze über die Juden. Das sind nicht unsere Leute. Es ist uns wohlbekannt, daß ein Gewählter nicht allein für Juden eintreten kann, es haben ihn auch Andere gewühlt, aber das können wir von wahrem Freisinn verlangen, daß er erhaben sei über Vorurtheil, daß er sich nicht scheue, dem Antisemitismus offen entgegenzutreten; wir behaupteil aber, es giebt heute in ganz Oesterreich keinen Volksvertreter, der dies wagen würde, aus bloßer Furcht, seine, wie er es nennt, Volksthümlichkeit und — sein Mandat zu verlieren. Antisemitismus ist ist bei uns Trumps ans allen Linien. Irvri. Samuel Hirschfelder, rin humoristischer Genremaler. Vo» Dr. Adolf Kohut. I. eit einem Menschenalter lebt in München, der Stadt der Künstler, still und zurückgezogen, emsig schaffend und eine geradezu erstaunliche Fruchtbarkeit entfaltend, ein hochgeschätzter Genre- und Porträtmaler, der in seiner Eigenart einzig dasteht, von dessen Leben und Schaffen aber bisher wenig bekannt geworden ist; denn der bescheidene und anspruchslose Künstler ist ein Sohn der „alten, guten Zeit", welche sich auf Reklame wenig verstand und die nicht gern in die Posaune von Jericho stieß, um nach modernen Mustern nrbi et orlii ihr Lob zu verkünden. Aus dem Ghetto hervorgegangen, von frühester Jugend an mit der bittersten Noth und Misere des Lebens kämpfend, seiner eigenen eisernen Beharrlichkeit, seiner erstaunlichen Allsdauer und seinem Genie fast alles verdankend, hat er sich von jeher in sich selbst zurückgezogen, in das stille Heim seiner Werkstätte und in das Heim seines Herzens, stets von der Hoffnung beseelt, daß trotz alle-