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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-14 · Heft 46 (14.11.1902) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 46 (14.11.1902)
Date
1902-11-14
Page
Seite 547 (sequence 9)
Language
German
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547 bemittelten Juden gerade unter den Medizinern außerordentlich. In allen Fakultäten ist aber ein Abnehmen der unbemittelten Juden in den letzten zehn Jahren unverkennbar. Bei alledem mutz allerdings beachtet werden, daß die Honorarstundungen keinen sicheren Matzstab für die Bedürftigkeit der Studirenden abgeben, da man mit der Gewährung derHonorarstundung im Allgemeinen ziemlich liberal zu Verfahren pflegt; so viel kann man jedoch sagen, datz die Studirenden mit Honorarstundung nicht zu den wohlhabenden gehören. Ein genauer Einblick in diese Verhältnisse ließe sich nur gewinnen, wenn einmal eine Erhebung über die Einkommenstnfen der Eltern stattfände. Jedenfalls wird die Wohlhabenheit der Juden, wie auch die Statistik der Honorarstundungen zeigt, überschätzt, indem einzelne sehr reiche Juden in die Augen fallen, während die sehr zahlreichen wenig bemittelten und armen nicht genügend beachtet werden. Eine größere Rolle jedenfalls als die angenommene Wohlhabenheit der Inden scheint das Bestreben der Juden zu spielen, ihren Kindern auch bei dürftigen Verhältnissen eine gute Erziehung und eine höhere Bildung augedeihen zu lassen, wobei sie freudig die größten Opfer bringen und sich oft das Brod am Munde absparen, um ihren Kindern, besonders den Söhnen, den Besuch einer höheren Schule oder der Universität zu ermöglichen, während diese selbst bei der ihnen innewohnenden Strebsamkeit und Energie sich unter den größten Entbehrungen durchzuschlagen suchen. Von gewissem Einfluß ist auch der von Petersilie hervorgehobene Umstand, daß den Juden ihre vorwiegende Ansässigkeit in größeren und mittleren Städten bessere Gelegenheit gewährt, ihre Kinder auf höhere Lehranstalten zu schicken, wovon die Folge denn auch eine regere Betheiligung am Studium ist. Dazu kommt schließlich noch, wie Petersilie ganz richtig betont, daß in Deutschland de» Juden das Eintreten in einige Berufe durch das herrschende Vorurtheil außerordentlich erschwert, ja mitunter unmöglich gemacht wird, so beispielsweise in den Offiziersstand. Daraus erklärt sich auch die Vorliebe der Juden für das Studium der Medizin. Schon als Jurist kann der Jude ein gutes Fortkommen vorzugsweise nur in der freien Berufsthätigkeit des Rechtsanwalts. im Bank-, Versicherungs- und Jndustriewesen finden, was nicht Jedes Fähigkeiten und Neigungen entspricht; als Einzelrichter wenigstens werden Juden in der Regel nicht bestellt. In der philosophischen Fakultät wird er auch nicht häufig auf eine Lehrthätigkeit an einer höheren Schule hinstreben. Es bleibt ihm für uneingeschränkte und wissenschaftliche Bethätigung meist nur die Medizin. Petersilie meint allerdings, daß dieser Neigung zum Studium der Medizin eine besondere Veranlagung der „jüdischen Rasse" für dieses Gebiet entgegenkomme, wofür auch die Thatsache spreche, daß unter unseren berühmten Aerzten sich nicht wenig Inden befinden. Doch erklärt sich diese Thatsache wohl hinreichend aus dem durch die Verhältnisse gezeitigten Hindrängen begabter Juden zum medizinischen Beruf. Die Zahl der hervorragenden Aerzte unter den jüdischen Medizinern ist wohl kaum größer als das Verhältniß der Zahl der hervorragenden Juden in anderen Berufen zur Zahl der in diesen Berufen thätigen Juden überhaupt. Auch unter den berühmten Rechtsanwälten befinden sich nicht wenige Juden, weil eben auch dieser Beruf den begabten Inden offensteht. Es sei ferner au den Beruf der Journalisten und Schriftsteller, der Schauspieler erinnert. Und so würde man ohne Frage auch in den anderen liberalen Berufen zahlreiche berühmte oder hervorragend tüchtige Juden finden, wenn diese Berufe den Juden eben nicht durch die Verhältnisse verschlossen oder hochgradig erschwert wären. Hervorragende getaufte Juden giebt es ja in allen Berufen in nicht geringer Anzahl. Auffällig ist nach Petersilie der Rückgang der absoluten Zahl der jüdischen Studirenden und wohl ausschließlich durch die Abnahme der jüdischen Bevölkerung überhaupt zu erklären. Während bis 1880 der prozentuale Antheil der Juden an der Bevölkerung Preußens beständig gestiegen ist, ist er seitdem von 13,8 pro Mille auf 11,4 pro Mille gefallen, wozu hauptsächlich die Verminderung der jüdischen Geburtenziffer beigetragen hat (von 1820—66 kamen auf 1000 Juden jährlich 37,20 Geburten, von 1879—82 nur noch 32,32, und 1893—97 gar nur noch 22,25 gegenüber 38,15 Geburten auf 1000 bei den Christen), welche auch durch die niedrige Sterblichkeitsziffer der Juden nicht ausgeglichen werden kann. Doch scheint hierbei auch die in den beiden letzten Jahrzehnten erfolgte starke Zunahme der Taufen unter denJuden leider eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen. Brief aus Oesterreich. Anfang November. ie Sie wissen werden, ist unser Oesterreich gesegnet mit Gütern und Wahlen aller Art. Wir kommen eigentlich aus dem Wählen nicht heraus. Man wendet sich dann von Seite der Parteien oder der Kandidaten an den plötzlich sehr geschätzten Wähler, man verspricht ihm alle Güter, die diese Erde zu vergeben im Stande ist, Freiheit, reichlichen Erwerb, weniger Steuern, Eisenbahnen, billiges Viehsalz, manchmal auch Schulen, sogar Universitäten, man lullt den kindlichen Wähler mit allerlei Schlagworteu von Gleichheit und Brüderlichkeit und Menschlichkeit ein, und hierauf ertön* der Ruf: „Wähler, erscheint an der Urne; nur der Kandidat L. wird für das allgemeine Menschenwohl die schönsten Reden halten, Ihr werdet doch nicht dem Vvlksverdummer Z. eure Stimmen geben, Ihr werdet doch nicht geistig so rückständig sein, den Streber N. zu wählen; wer für Freiheit glüht' wählt den X. D.; wem es darum zu thun ist, weniger Steuern zu bezahlen, wählt ihn; Keiner fehle, auf zur Wahlschlacht!" In dieser Tonart sprechen sie alle, alle Parteien, und merkwürdig, es finden sich noch gläubige Seelen, die den Herren Kandidaten, die den löblichen und nicht löblichen Parteien auf den Leim gehen. Diesmal galt es eine Hauptschlacht zu liefern. Die Lnegerpartei hatte sich gerüstet, den ersten Wiener Gemeindebezirk für den Landtag zu erobern. Nun muß man wissen, daß dieser Gemeindebezirk, mehr stolz als wahr die Wiener City genannt, der Wohnsitz der reichen Handelswelt ist, der Wohnsitz der Bankiers nnd Großhändler, der Sitz der Börse, daß in diesem Bezirke alles wohnt, was in Wien durch Geist und Geld, durch Wissenschaft, Kunst und Neichthum hervorragt, und in diesem Bezirke kandidirte — welche köstliche Ironie — Herr Bielohläwek (zu deutsch: Weißköpfchen, nicht zu verwechseln mit weißes Köpfchen) — und um es kurz zu sagen, er siegte, siegte, wie er wollte. Und die Luegerianer siegten in diesem Bezirke und in allen übrigen Bezirken Wiens.

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