Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- Seite 544 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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544 Winters die Gefahr bewaffneter Konflikte verzögert; doch stehe nach der übereinstimmenden Neberzeugung der politischen Kreise Europas die gewaltsame Explosion im nächsten Frühjahr bevor, und nur eine Entente der Unterzeichner des Berliner Vertrages behufs einer gemeinsamen Aktion, die in der Form einer europäischen Konferenz zum Ausdruck kommen solle, sei im Stande, auf die ottvmanische Regierung ernste Wirkung auszuüben. Zu den Aufgaben der Konferenz wäre die Lösung aller Fragen zu rechnen, welche durch die Nichterfüllung des Berliner Vertrages entstanden seien. Ohne ungerechtfertigt zu sein, so führt Beanlieu im Weiteren aus, mühte Europa auch die christlichen Staaten, die die Erfüllung des Berliner Vertrages vergessen haben, zu dieser Erfüllung bestimmen: so hätte die europäische Konferenz ein Recht daran, die Lage der rumänischen Juden zu erörtern. Im Gegensätze zu der offiziösen „Münch. Allg. Zeitung," welche diese angeregte Einmischung der europäischen Diplomatie für das sicherste Mittel hält, einen neuen europäischen Krieg herbeizuführen, sind nur mit Beaulien der Ansicht, daß die Konferenz die friedliche Regelung der drohenden Balkanwirren wohl herbeisühren und den wirthschaftlichen Ruin großer Menschenmassen verhindern könnte. Im klebrigen wird gerade Frankreich bald in der Lage sein, an den Tag zu legen, wie es über den Berliner Vertrag denkt. Denn das Centralkoinite der Alliance israelite universelle hat an die französische Regierung eine Petition gerichtet — und eine ähnliche auch an die italienische Negierung — in der kurz, aber klar die gegen die Inden gerichtete Gesetzgebung Rumäniens in unanfechtbarer Weise gekennzeichnet wird und um die Intervention Frankreichs gebeten wird. Es steht nunmehr außer jedem Zweisel, daß die rumänischen Inden in dem englischen Major Gordon unerwartet einen ebenso ehrlichen wie tapferen und überaus energischen Vertheidiger gefunden haben. Bekanntlich war dieser englische Parlamentarier ein großer Gegner der fremden Juden, der mit außerordentlicher Energie gegen ihre Zulassung in England gewirkt hat. Er entfaltete dabei eine überaus rührige Thätigkeit in und außerhalb des englischen Parlaments und hat als Mitglied der Fremdenkommission nicht nur keine einzige Sitzung dieser Körperschaft versäumt, er betheiligte sich bei den Vernehmungeri der von der letzteren vorgeladenen Zeugen in ganz hervorragender Weise und hat dadurch ein reiches Materia^ zu Ungunsten der fremden Juden gesammelt. In seinem lebhaften Eifer wollte er die Parlamentsferien zn einer großen Reise durch die verschiedenen jüdischen Ghettos benutzen, um die Lage der „England überfluthenden" Immigranten an Ort und Stelle zu stndiren. Auf dieser Reise ist nun mit dem Major Gordon eine radikale Veränderung vorgegangen, durch welche aus dein eifrigen, aber ehrlichen Saulus ein ebenso eifriger Paulus geworden ist. Major Gordon reiste, wie er selber einem Vertreter des „Jewish Chronicle" mittheilte, zunächst über Berlin nach Petersburg, um von da durch das Herz des „Ansiedelungsrayons" nach Liban und Riga zu gehen. Von da ging die Reise über Kowno, wo er den Sohn des „alten Kownoer Rabbi" (des Rabbi Jzchak Elchanon Spector) kennen gelernt hat, nach Lodz und Warschau. Hier hat er die Bekanntschaft des Herrn Nachum Sokolow, des talentvollen Herausgebers der hebräischen „Hazefirah", gemacht, „eines der l iebenswürdigsten und gebildetsten Männer, die ich je in meinem Leben getroffen habe, und den ich mit Stolz meinen Freund nennen werde". Von Polen ging Major Gordon nach Galizien, um da von dem Vorhandensein einer ihm bis dahin unbekannt gewesenen brennenden „galizischen Judenfrage" zu hören. Von Krakau reiste er nach Bukarest, Galatz, Jassy und anderen Städten Rumäniens, um endlich über Lemberg. Berlin und Hamburg nach London zurückzukehren. Das Ergebniß dieser Reisen war für Major Gordon ganz überraschend. Nicht nur hat er unterwegs die „galizische Judenfrage" entdeckt, er hat auch erfahren, daß die kleinen Miseren des Londoner Ghetto nur ein schwacher Abglanz jener entsetzlichen Tragödie ist, die in unzähligen Akten seit zwanzig Jahren in dem riesigen Ghetto jenseits des Wassers sich abspielt. „Es war eine heiße Reise, hochinteressant und überaus schmerzvoll," sagt Major Gordon. „Wenn ich einige Tage Zeit finde, will ich meine auf denselben gesammelten Erfahrungen, die durch eine theilweise Wiedergabe in einem Zeitungsartikel nur an Eindruck verlieren würden, in einem Buche zusammenfassen. Aber das will ich jetzt schon sagen: Die Zustände in Rumänien sind skandalös! „Gemein", würde der Deutsche dazu sagen. Ich will im Unterhause eine Debatte darüber Hervorrufen. Die Wirkung einer solchen Parlamentsdebatte mit allem was dabei gesagt werden könnte, und was ich mit allen mir zu Gebote stehenden Worten zu sagen mir vorgenommen habe, darf nicht unterschätzt werden. Ich glaube, eine solche Debatte im englischen Unterhause wird in Rumänien ihre Wirkung nicht verfehlen. Ich habe dort mit mehreren leitenden Staatsmännern gesprochen und iveiß sehr wohl, daß sie es sehr ungern haben, wenn sie kritisirt werden. Zwar behaupten die Machthaber in Rumänien von einer Kritik nicht den geringsten materiellen Schaden zu befürchten. Allein sie können auch gar nicht wissen, wann sie einen Freund brauchen werden." So Major Gordon. Daß Major Gordon seine Absicht auch ausführen will, beweist seine Anfrage an Mr. Balfonr vom 20. Oktober. Ferner hat er am 23. v. M. vor zahlreichen Mitgliedern der Fremdenkommission des Unterhauses einen Vortrag über die Ergebnisse seiner Reise gehalten. Jedenfalls wird dieser Mann den rumänischen Judenfressern noch manche unangenehme Stunde bereiten. Bezirksrabtnnate. Von L. Waldbott-Speyer. or einiger Zeit wurde in diesem Blatte (Nr. 36) in einem wie oben bezeichneten Artikel berichtet, daß der „Deutsch-Israelitische Gemeindebnnd" und auf seine Anregung die Bezirks-Synagogenverbände die Einrichtung von Bezirksrabbinaten für Nord- und Ostdeutschland nach dem Muster des Südens beschlossen haben. Der Verfasser des Artikels suchte den Zweck dieser Einrichtung zn schildern und gleichzeitig die Gründe darzulegen, warum man im Osten des Reiches einer derartigen Neuerung kühl gegenübersteht. Was das Letztere betrifft, so sind mir die Verhältnisse in Posen, Schlesien und den östlichen Provinzen zu wenig bekannt, um über die Gründe der Ablehnung urtheilen zu können. Doch den Ausführungen über den elfteren Punkt gegenüber erscheint es mir »othwendig, die Sache doch auch von anderer Seite zu beleuchten.