Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 46 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- Seite 543 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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543 rufs, hat «leine» Zweifel sofort bestätigt." Rickert weist nun »ach, daß die Antisemiten hier zwei Hippel mit einander verwechselt haben, Onkel und Neffen, und daß der Neffe selbst 1842 ausdrücklich hervorgehoben hat, „daß sein Onkel, wenn er die Fortschritte der letzten 50 Jahre niiterlebt hätte, einer anderen Inspiration über die Verbesserung der Lage der Inden gefolgt wäre." Rickert fuhr dann fort: „Was mich aber hauptsächlich veranlaßt hat, diese Sache zur Sprache zu bringen, ist, daß ich bei dieser Gelegenheit die wirkliche Ansicht des berühmten Verfassers des Aufrufs „An mein Volk" über die Juden" frage kennen gelernt habe, eine Ansicht, die auch in unseren Tagen immer noch in weitere Kreisen verbreitet zu werden verdient. Mein Freund Bach hat mir das Manuskript einer Denkschrift zur Verfügung gestellt, in welcher Hippel im Jahre 1842, ein Jahr vor seinem Tode, die Frage stellt und beantwortet: „Vorwärts oder Rückwärts in der Jndenemanzipation?" Seiner ganzen Vergangenheit entsprechend, lautet die Antwort sehr bestimmt: „Vorwärts!" Was er damals wollte, ist heute nach 50 Jahren zwar dem Gesetze nach erreicht, aber thatsächlich leider auch jetzt noch nicht zur vollen Wirklichkeit geworden. Bürgerliche und geistige Freiheit — das ist kurz gefaßt der Gedankengang Hippels — müssen immer Hand in Hand gehen. In Deutschland hat die geistige Entwickelung der Juden mit ihren bürgerlichen nicht nur gleichen Schritt gehalten, sondern sie ist ihr vorausgeeilt. „Völker und Gesetzgeber, denen das Blüchersche Vorwärts als Devise gilt, legen der Entwickelung der Juden keine Hindernisse in den Weg; die bestehenden werden vielmehr weggeräumt." Die sich forterbende Schwächlichkeit einzelner Geschlechter — sagt Hippel — läßt sich ans der früheren Lebensweise der ärmeren Juden, der knappen Nahrung, der Dürftigkeit ihrer Wohnungen erklären. West-Europäer lache» über die krummen Beine der Türken und ihren schwersälligen Gang, seit sie enropäisirt wurden. Beides folgen ihrer Lebensweise." Hippel forderte vor allen» die Aufhebung des Gesetzes vom 1. Juni 1883, er fordert die Verheißung des § 8 svom Edikt von 1812), der den Juden die Anstellung in Lehr-, Schul- und Kommunalämtern zusichert, und des § 9, der ihnen den Eintritt in Staatsämter verspricht, in Erfüllung zu bringen. Wie Rickert am Schlüsse seiner Arbeit hervorhebt, verlangt Hippel auch im Heer volle Gleichberechtigung und Zulassung zu den Offizierstellen. Der Soldatenstand—siagt er — hat in» Frieden erst einen einzigen Jude»», Lehrer der Artillerieschule, zuni Offizier befördert und sogar niit einem Orden geziert. Daß es ihnen an Mnth nicht fehle, habe ihre ersten Vertilgungskriege in Kanaan, ihre Makkabäer und ihre Vertheidigung gegen die Römer, das kriegerischste Volk der alten Welt, bewiesen. Ebenso läßt sich aus die neneste Zeit verweisen. Nur Vorurtheil kann sie also vom Offizierstände ausschließen »vollen, gegen den ihre Religion kein Hinderniß ist, Hippel wies noch darauf hin in seiner Denkschrift, daß es weder den Bekehrungsvereinen noch der Gewalt gelungen ist, wie die Geschichte Spaniens zeigt, die Juden ihrem Glauben abtrünnig zu machen, und daß sie nichts anderes wollen, als unangetastet zu beharren in der Religion ihrer Väter, im Glauben an einen einzigen Gott." Der edle Rickert schloß sich den Ausführungen in der von ihm ans Licht gezogenen Denkschrift Hippels an, indem erschließt : „Lebte er unter uns, er würde in den Reihen Derjenigen nicht fehlen, welche die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden auch in der Praxis durchgeführt wissen wollen. Seine Denkschrift ist ein Mahnruf an uns Alle, daß mit dem Antisemitismus bald ein Ende gemacht werden muß. Das wird geschehen, wenn Alle, die dazu verpflichtet sind, ihre Schuldigkeit thun." 4. In Oesterreich beschäftigte man sich in dieser Woche fast ausschließlich mit dem Ausfall der Wahlen für den Landtag. Ein halbes Menschenalter ist es her, seit das lapidare Kernwort geprägt worden ist: „Der Antisemitismus ist der Sozialismus des dummen Kerls von Wien." Dieser „dumme Kerl von Wien", die sprichwörtliche Verkörperung der im Gewände der „Gemüthlichkeit" einherstolzirenden Gedankenlosigkeit des durch unablässige Selbstbeweihräucherung stumpfsinnig gewordenen „Weanerthums", hat jetzt seinen stolzesten Dag erlebt: Wien ist bei den Landtagswahlen gänzlich in die Hände der Antisemiten gefallen; die Freisinnigen, die nach dem Verluste aller übrigen Stadtbezirke in die innere Stadt zurückgedräugt worden waren, haben auch diese letzte Stellung räumen müssen, die Fahne des Dr. Lueger flattert nun auch von den Zinnen der politischen Zitadelle der Reichs» Hauptstadt. Diese Katastrophe kam nicht unvermuthet; nach den Kniffen uud Gemaltstreichen, welche die im Wiener Rathhanse herrschenden Antisemiten in den letzten Wochen ins Werk gesetzt hatten, um die Prüfung und Richtigstellung der von ihnen zurechtgemachten Wählerlisten zu verhindern, war kaum noch daran zu denken, daß es den Freisinnigen gelingen könnte, die Landtagsmandate der inneren Stadt zu behaupten. Dennoch wirkt das Ereiguiß, nun es sich vollendet hat, rvie eine schmerzliche Ueberraschung. Es bedeutet die intellektuelle und Politische Bankerotterklärung Wiens, desselben Wien, von dein in den herrlichen Märztagen von Achtuudvierzig ein „Meer von Licht" auf ganz Oesterreich ausgeströmt war, das in dem geistigen Befreiungskampf der sechziger Jahre dem Bürgerthum Deutschösterreichs die Sturmfahne wider den Klerikalismus Voraugetragen hatte. Dasselbe Wien, das die Aufhebung des Konkordats mit gewaltigen Volkskundgebuugen und Illuminationen von unvergleichlicher Pracht uud Allgemeinheit gefeiert hat, heute eine Hochburg des Klerikalismus, das ist ein Wandel der Dinge, ivie er unrühmlicher und unerfreulicher nicht gedacht werden kann. Die steirischen Alpenbauern, die die Klerikalen aus fünf Wahlbezirken verdrängten, haben mehr politische Intelligenz und Selbstgefühl bewiesen als die Wühler der erster» Stadt des Reiches, die diese den fanatischsten Bildungs- und Lichtfeinden von dem Schlage der Bielohlaivek, Prinz Liechtenstein, Schneider und Genossen ausgeliefert haben. 4 Die ungarische Regierung will die Einwanderung von Ausländern, besonders von galizischen und rumänischen Juden, erschweren. Man schreibt darüber aus Budapest: „Der Ministerpräsident überreichte heute außer dem neuen Auswanderungsgesetz auch noch Vorlagen über Paßwesen und über das Wohnrecht der Ausländer in Ungarn. Die letztere Vorlage, welche die Niederlassung der Ausländer bedeutend erschwert, ist speziell gegen die Einwanderung der Juden aus Galizien und Rumänien gerichtet, und cs wird auch mit besonderer Hinsicht hierauf eine spezielle Grenzpolizei errichtet werden, deren Sitz die hauptsächlichsten Eingangsstationen aus den genannten Ländern sein werden." Es bleibt abzuwarten, wie Herr Szell diese Maßregeln mit den liberalen Prinzipien seiner Partei in Einklang bringen will. Der Ugrou-Partei gehen übrigens diese Maßregeln noch nicht weit genug. Sie werfen dem Gesetzentwürfe besonders vor, daß er nicht aufrichtig sei. Der Einwanderungsgesetzentwurf sei offenbar nur gegen die rumänischen und galizischen Juden gerichtet. Der Entwurf spreche dies aber nicht offen aus, eben deshalb müsse man nicht ein Gesetz über die Seßhaftigkeit der Ausländer überhaupt schaffen, sondern ausgefprochenerweise die Einwanderung russischer, polnischer und rumänischer Juden un» jede,» Preis verhindern. 4 In einem sehr beachtenswertheu Artikel des „Enropüen" tritt der bekannte französische Politiker Anatole Leroy- Beaulien dafür ein, eine neue europäische Konferenz einzuberufen. Seiner Ansicht nach habe nur der Eintritt des