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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-14 · Heft 46 (14.11.1902) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 46 (14.11.1902)
Date
1902-11-14
Page
Seite 542 (sequence 4)
Language
German
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S42 Chamberlain ein ganzes geschichtsphilosophisches Luftschloß aufgebaut, dessen Steine die Phantasie, dessen Mörtel der krasse Rassenchauvinismus geliefert hat; und ich habe es angegriffen, nicht, weil eS antisemitisch, sondern weil es unwissenschaftlich, unmethodisch, weil es eine Frucht nicht des Verstandes, sondern des „Willens" ist. Ich bin mit ebensolcher Entschiedenheit jederzeit den analogen Ausschreitungen entgegengetreten, die die jüdische „Rasse" als allen anderen überlegen preisen Ausschreitungen, die eine Richtung des Zionismus zu begehen liebt. Zweitens: wenn ich von einer „Gefahr" der Chamberlainschen Auffassung sprach, so habe ich niemals eine Gefahr im Auge gehabt, die dem Judenthum drohe — ich bin nicht gerade ängstlich —, sondern ich habe ausdrücklich von der Gefahr gesprochen, die dem Fortschritt der Menschheit, namentlich der sozialen und liberalen Entwickelung von ganz Deutschland dadurch aus diesen reaktionären Phantastereien erwachsen kann, daß sie den in ihrem Gewissen bereits erschütterten Machthabern den Nacken steift, indem sie ihre Handlungen der Unterdrückung und Vergewaltigung vor dem Richterstuhle der Geschichtsphilosophie rechtfertigt. Wer das Echo der Chamberlainschen Ideen aus gewissen Kundgebungen hat klingen hören, wird diese Gefahr mit mir nicht sehr gering einschätzen. Wenn auch die Entwickelung in ihrem Gange nicht aufzuhalten ist, so kann uns doch die praktisch gewendete Raffentheorie durch Ozeane von Blut und Thränen führen, was ich vermieden wünschte, wenn es möglich ist. So viel zur Richtigstellung! Und wenn es gestattet ist, meine grundsätzliche Auffassung von Antisemitismus mit einem Worte zu kennzeichnen, so muß ich ihn das größte Glück für die Entwickelung der jüdischen „Rasse" nennen. Er ist uns ein harter, aber glücklicher Erzieher. Er hindert uns, unsere Energie in Nichtigkeiten zu verzetteln, nimmt uns fast alle Möglichkeit, unser Vermögen zu vergeuden, zwingt uns aber, wenn wir durchdringen »vollen, alle unsere Kräfte zu verzehnfachen. So werden wir täglich geschlossener, physisch und psychisch stärker und reicher. Wer die junge jüdische Generation unbesangen betrachten kann, diese kaltblütigen und wetterharten Sportsleute, diese zähen und entschlossenen wissenschaftlichen und kaufmännischen Arbeiter, der muß staunen über den Aufschwung der „Nasse". Das danken wir vor allem dem Antisemitismus, der uns vor dem Alkohol-Marasmus der Bourgeoisie bewahrt. Möge er uns bis zur Schwell« der neuen Zeit erhalten bleiben als ein Theil jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft." Me Woche. Berlin, 12. November. ie stets vor Beginn einer Wahlbewegung finden auch jetzt schon die üblichen Neckereien zwischen Konservativen und Agrariern einerseits und den Antisemiten andererseits statt. Aber man darf diese Dinge nicht tragisch nehmen; schließlich vertragen sich die feindlichen Brüder doch, sobald es zn der Wahl kommt. Augenblicklich planen nun die Antisemiten einen Einbruch in Wahlkreise der Konservativen, und die „Kreuz-Zeitung" sagt darüber: „Nach einem Berichte der „Staatsbürger-Zeitung" will die deutschsoziale Reformpartei im Osten Deutschlands außer in Arnswalde- Friedeberg, Neustcttin, Schlochau-Flatow und Deutsch-Krone auch in Landsberg-Soldin und Meseritz-Bomst Kandidaten anfstellen. Der antisemitische Deutsche Volksbund Plant überdies eigene Kandidaturen in Pyritz, Sternberg und Marburg. Konservativ sind unter diesen Wahlkreisen gegenwärtig vertreten Neustettin, Schlochau-Flatow, Meseritz-Bomst, Pyritz und Sternberg; einzig Landsberg-Soldin ist in freisinnigem Besitz. Durch dies Vorgehen wird bei den Konservativen selbstverständlich nicht die Geneigtheit gefördert werden, antisemitische Kandidaturen in anderen Wahlkreisen zu unterstützen." Ohne konservative Unterstützurig sind die Antisemiten freilich machtlos. Die Drohung der „Kreuz-Zeitung", den antisemitischen Kandidaten die Gefolgschaft zu versagen, läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig — aber si« ist doch nicht ernst zu nehmen. Auch der Bund der Landwirthe sieht es gern, wenn die Antisemiten den städtischen Mittelstand für seine Zwecke zu gewinnen versuchen; gehen die Antisemiten ihn aber um seine Wahlhilfe an, so ist er für sie nirgendwo zu Hause. Jetzt wird aus Stargard in Pommern vom 6. November berichtet: „Gestern fand hier die Versammlung der Vertrauensmänner des Bundes der Landwirthe sür den Wahlkreis Pyritz-Saatzig zum Zweck der Entscheidung über die nächstjährige Reichstagskandidatur statt. Bekanntlich war dem Bund sowohl von konservativer wie von antisemitischer Seite (Deutscher Volksbund) ein Vorschlag unterbreitet worden. Bei der Abstimmung erhielt der konservative Kandidat Rittergutsbesitzer Wendhausen-Klützow 92 Stimmen, der antisemitische Kandidat Pastor Kroesell-Kloxin 14 Stimmen." Der hochwürdige Pastor hat seit Jahren den Wahlkreis Pyritz-Saatzig mit seinem agitatorischen Geschrei erfüllt, und schmunzelnd hat ihn der Bund gewähren lassen, nun er sich aber das Mandat erbittet, wird ihm rücksichtslos bedeutet: „Nein, Pastor, das ist doch was anderes." Die Antisemiten haben ja völlig genug daran, wenn ihnen gestattet wird, hinter dem Wagen des Bundes ans dem Sande einherlaufen zu dürfen. -4- WasHeinrichRickertals Vorsitzender des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus geleistet hat, wird wohl noch von anderer Seite gewürdigt iverden. An einem Beispiele soll hier gezeigt werden, wie gründlich Rickert die litterarische Abwehr auffaßte, und welche Mühe er sich gab, die Antisemiten bis in ihre Schlupfwinkel zu verfolgen. I» einem seiner Aussätze sagt Rickert: „Seit Jahren mühen sich die Antisemiten ab, dem deutschen Volke klar zu machen, daß „alle Männer, welche uns als echte Vertreter deutschen Wesens, Charakters und Geistes gelten, scharfe Gegner des Judenthums gewesen find." Um diesen Beweis zu führen, wird alles durchgestöbert, was seit Jahrhunderten geschrieben ist; und was sich nur irgend gegen die Juden brauchen läßt, wird in Katechismen, Flugblättern und Zeitungen als „goldene Lehre verwerthet". So hatten auch die Antisemiten in den neunziger Jahren ein „Gutachten des berühmter» Theodor Gottlieb v. Hippel (am bekanntesten als Verfasser des Aufrufs an mein Volk) über die bürgerliche Verbesserung der Juden" ausgestöbert. Das Gutachten datirt vonr Jahre 1791." Hier setzte Heinrich Rickert ein, indem er schrieb: „Beim Lese» dieses Artikels war mir von vornherein nicht zweifelhaft, daß das Gutachten seinem Geist und seiner Tonart nach nicht von dem Verfasser jenes unvergeßlichen Ausruss herrühren konnte. Zudem war der Verfasser jenes Aufrufs im Jahre 1791, als das erwähnte Gutachten geschrieben wurde, erst 16 Jahre alt. Ein Schw¬ und Universitätssreund, Dr. Theodor Bach — Direktor des Falk-Realgymnasiums in Berlin — ein Enkel des wirklichen Verfassers des Auf-

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