Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 Einrichtungen. Moritz Reichenheim schuf das Waisenhaus der jüdischen Gemeinde am Weinbergsweg. Adolf Reicheuheim gab die Mittel zur Vergröberung der Altersversorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde her. Der jetzt verstorbene Ferdinand Reichenheim richtete ein Mädchenheim ein und stiftete zur Erinnerung an einen früh verstorbenen Sohn, der sich der Malerei gewidmet hatte, ein Stipendium für Künstler. Eine andere Stiftung voll ihm kommt bedürftigen Lehrern zu gute. Besonders zu gedenken ist der Thätigkeit Ferdinand Neichenheims im Kriegsjahre 1870/71. Er nahm den lebhaftesten Antheil an der Leitung des Vereins zur Pflege der Verwundeten im Felde. Seine Leistungen wurden in außergewöhnlicher Weise dadurch anerkannt, daß auf den Antrag des Fürsten Pleß. des Generalinspekteurs der freiwilligen Krankenpflege, ihm zugleich mit Virchow vom Kaiser Wilhelm das eiserne Kreuz verliehen wurde. Ehre seinem Andenken! kp. Aus der Provinz Posen, im Oktober. In Dobrzyca starb neulich der Kämmerer und Magistratsschösfe a. D. Wolf. Bis zum Jahre 1900 hat der Verstorbene 40 Jahre lang seine Aemter verwaltet und war auch viele Jahre Mitglied des jüdischen Gemeindevorstandes. — In Ostrowo starb neulich plötzlich am Herzschlag Kaufmann Alexander Schloß im Alter von 51 Jahren. Derselbe war langjähriger Repräsentant der dortigen Gemeinde und Begründer des seit 19 Jahren daselbst in hoher Blüthe stehenden und sehr segensreich wirkenden israelitischeil Mildthätigkeitsvereins. — Ende Oktober cr. ist in Kempen der langjährige Leiter des israelitischen Waisenhauses und Lehrer der Religionsschule daselbst, Herr Benjamin, gestorben. — In Witkowo wird die Gemeinde, da sie sich sehr verkleinert hat, nur vonl Vorstande verwaltet. Die Zahl der Mitglieder ist auf 30 zurückgegangen. Die Zahl der Schüler in der dortigen öffentlichen jüdischen Volksschule ist seit 15 Jahren von 50 auf 15 zurückgegangen. Breslau, 30. Oktober. Von der Wandlungsfähigkeit der antisemitischen Wortführer ist schon so manches hübsche Stücklein bekannt geworden. Die „Bresl. Morgenztg." liefert einen neuen Beitrag dazu durch folgende Erzählung über den Werdegang des in Grünberg das Urdentschthum vertretenden Redakteurs Erber, eines Schildknappen des bekannten Grafen Pückler: „Felix Erber war ursprünglich Postbeamter; wegen Differenzen mit seinem Vorgesetzten Direktor (in Poln.-Lissa) war er aus dem Dienst geschieden. Erber ging dann nach Trier und trat bei den Dasbach'schen Unternehmungen ein, wo er, damals noch ein überzeugter Ultramontaner, Artikel von streng katholischer Richtung schrieb. Von Trier schied Erber wegen Mißhelligkeiten mit der Leitung des Unternehmens. Erber kam dann nach Breslau, wo er beim unparteiischen „Breslauer General-Anzeiger" ein Unterkommen fand. Nach kurzer Frist schied er auch aus dieser Stellung, und da er mittlerweile seine evangelisch-konservative Gesinnung entdeckt hatte, trat er bei der „Schlesischen Morgen-Zeitung" als Redakteur ein. Auch hier war seines Bleibens nicht lange. Später bethätigte er sich etliche Monate als Hilfsredakteur bei den Schottländer'schen belletristischen Zeitschriften, und in diesem Amte fand er Muße, sich zu einem überzeugten Freisinnigen zu mausern. Jetzt hielt er es für angezeigt, Fühlung mit der „Breslauer Morgen-Zeitung" zu nehmen. Es war im Sommer 1901, als er einem Redakteur unseres Blattes den Wunsch zu erkennen gab, bei uns als Mitarbeiter einzutreten. Aus die Einwendung, daß er doch früher konservativen Neigungen gehuldigt habe, erklärte Erber, daß dies ein für ihn bereits überwundener Standpunkt sei. Er sei nunmehr überzeugter Freisinniger. Seiner Bewerbung wurde nicht Folge gegeben. Nunmehr aber sucht der vielseitige Herr sich als waschechter Antisemit diejenige Position im öffentlichen Leben zu erringen, die ihm bisher bei den anderen politischen Richtungen verschlossen war." AI Zabrze, 30. Oktober. Die Generalversammlung des Synagogen gemeinde-Verba ndes des Regierungsbezirks Oppeln fand dieser Tage in Zabrze statt. Nach Eröffnung der Sitzung durch Herrn Rechtsanwalt Schüler-Gleiwitz begrüßte Herr Danziger, der Vorsteher der Gemeinde Zabrze, die Erschienenen. Der Vorsitzende berichtete über die befriedigenden Verhältnisse des israelitischen Waisenhauses zu Rybnik. Herr Amtsgerichtsrath Glogauer gab danach ein ausführliches Expose über die Thätigkeit des Verbandes hinsichtlich der Unterstützung der Religionsschulen und Beaufsichtigung des Unterrichts. Es knüpfte sich an diesen Punkt eine ausgedehnte Debatte, in die mehrere Rabbiner und der Vertreter des Lehrerverbandes, Herr Bernhard, eingriffen. In der Hauptsache handelt eS sich darum, dett kleinen und kleinsten Gemeinden mit oft nur drei Kindern Religionsunterricht angedeihen zu lassen, was nach Ueberwindung großer Schwierigkeiten gelingen dürfte. Es lag ein Antrag der Gemeinde Neisse vor, Versorgung der Hinterbliebenen von Kultusbeamten, mit der sich die Gemeinde ein bleibendes Verdienst erworben hat. Der Ausschuß des Verbandes, in den Herr Eugen Pollak-Zabrze neu gewählt wurde, soll die gesammte Materie bearbeiten und der nächstjährigen Versammlung geignete Vorschläge unterbreiten. Ein gleiches Geschick erfuhr auf Beschluß der Versammlung der Antrag Königshütte auf Bildung von Zweckverbänden für die Krankenpflege in mittellosen Gemeinden, ferner der Antrag des Amtsgerichtsraths Kemper: Errichtung von Ferienkolonien für arme, der Erholung bedürftige Kranke des Jndustriebezirkes, und endlich der Antrag Rybnik: Angliederung eines Mädchenheims an das Waisenhaus. Der weitere Antrag Rybnik, die Verlängerung des Aufenthaltes der Waisenmädchen in der Anstalt betreffend, gelangte nach voller Würdigung der eingehenden Begründung des Vorstandes (Stadtrath Prager) einstimmig zur Annahme. Nachdem die Tagesordnung erschöpft war, zollte Amtsgerichtsrath Levy-Beuthen dem Vorsitzenden für seine umsichtige und objektiveLeituug der Sitzung seine Anerkennung, der sich die Versammelten anschlossen. I/.. Hannover, 4. November. „Am Sonnabend, den 25. Oktober verschied nach schwerem Leiden Kommerzienrath Gottfried Herzfeldso lautete die Trauerbotschaft, die unserer Gemeinde den schweren Verlust meldete, der sie betroffen hatte. Konimerzienrath Gottfried Herzfeld wurde 1846 in Brannschweig als Sohn des allgemein bekannten Landrabbiners Professor Dr. Herzfeld geboren. 1874 eröffnete er hier in Hannover ein Bankgeschäft, das er bald zu hoher Blüthe brachte. Trotz der vielseitigen Arbeit, die ihm oblag, behielt er die Zeit, sich eingehend um die Pflege jüdischer Angelegenheiten zu bekümmern. Seit dem Jahre 1885 gehörte er dem Repräsentantenkollegium und seit Februar d. I. dem Vorstande an. Der Verewigte hat sich um die Entwickelung unserer Gemeinde in besonderem Maße verdient gemacht. Durch seine hohe Begabung wie durch seinen weiten, klaren Blick für die Aufgaben der Gemeindeverwaltung, der sich auf Kenntniß und Verständniß der jüdischen Litteratur stützte, war der Entschlafene ein überaus würdiger Vertreter einer Großgemeinde. Stammend aus einem Rabbinerhause, hatte er sich mit einer Tochter des verewigten Landrabbiners Dr. Meyer, Hannover, vermählt, und sein Haus galt als Zuflucht für verschämte Arme. Von seinen schriftstellerischen Arbeiten ist besonders ein Eisenbahnatlas, der sehr viel Interesse erregte, zu erwähnen. Das Leichengesolge legte Zeugniß von der großen Beliebtheit ab, der sich der Entschlafene in jüdischen wie in christlichen Kreisen erfreute. Im Trauerhause wie am Grabe sprach Herr Landrabbiner Dr. Gronemann. Anknüpsend an den Text der Predigt am Schemini-Azeres-Feste „Und nicht soll man erscheinen leer vor dem Antlitze des Ewigen" führte der Redner aus, daß der Verstorbene nicht leer vor Gottes Thron hintrete, sein Wirken hier auf Erden werde Zeugmß ablegen, daß die Gaben des Geistes und Herzens, die ihm verliehen waren, von ihm zum Segen für seine engere und weitere Umgebung verwerthet worden sind. Herr Seminardirektor Dr. Knotter widmete dem Heimgegangenen Namens des Schulvorstandes der Religionsschule und der Beamtenschaft ver Gemeinde einen Nachruf. „Als Sohn eines hervorragenden Gelehrten, selbst ausgerüstet mit religiösem und profanem Wissen, mit hoher Begabung und vielseitiger Bildung, mit klarem Blick und sicheren! Urtheil, beseelt von dem schönen Ehrgeiz, sich im Dienste der Gemeinde auszuzeichnen, sei er wie Wenige berechtigt gewesen, zum Wohle der Schule verdienstvoll zu wirken. Sein Tod werfe tiefe Schatten in unsere Seelen, aber doch nur darum, weil sein Leben so viel Licht ausgestrahlt habe, unser Leid entspreche unserer Liebe, unserer Treue, der Größe des Verlustes." Der Synagogenchor begleitete Herrn Oberkantor Linhart, der im Trauerhause und am Grabe die Trauerweisen sang. Das Andenken an Gottfried Herzfeld wird in unserem Gedächtniß und in unserem Herzen fortleben. 8. Hörde, 2. November. Am 1. v. M. waren es 25 Jahre, daß Herr Lehrer I. Stern als Prediger und Lehrer (Hörde hat eine paritätische Volksschule, wo Herr Stern angestellt ist) thätig war, nnd ließ es sich die Gemeinde nicht nehmen, ihrem bewährten Beamten zu seinem Ehrentage ihre Wünsche zu überbringen. Der Vorstand