Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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66. Jahrgang. Nr. 45 Lrrlin, 7 November 1902 Der Gemeln-ebote. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung öes ZuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. §2 Berlin, 2. November. Herr Iustizrath Dr. Edmund Lachmann hat dem Vorstande der^jüdischen Gemeinde die schriftliche Mittheilung zugehen lassen, daß er mit Ablauf dieses Jahres sein Amt als Vorsteher niederzulegen beabsichtige. Die Amtsdauer des Herrn Dr. Lachmanu, welcher bekanntlich als Vertreter der hiesigen jüdischen Gemeinde dem Verwaltungsrath der Fexvisk (Holouisaiion ^ssoeiation angehört, erstreckt sich noch auf drei Jahre. Nachfolger ist Herr Landgerichtsrath Loewe. 8. Berlin, 29. Oktober. Die Neihe der diesjährigen Vorträge im „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" leitete heute Herr Karl Emil Frauzos mit seinen „Jugenderinnerungen" ein. Der Saal der Gesellschaft der Freunde erwies sich als viel zu klein, um die großen Schaaren der Erschienenen aufnehmen zu können, und sehr lebhaft waren die Beschwerden Derjenigen, denen wegen Ueberfüllung der Zutritt nicht mehr gestattet werden konnte. In interessanter und fesselnder Weise gab der Vortragende zunächst die Geschichte seiner Ahnen, welche er theils an der Hand von Aufzeichnungen, theils auf Grund eigener Forschungen 400 Jahre zurück verfolgt hat. Die ältesten Vertreter der Familie gehörten einer spagnolischen Familie au, deren ganzes aus 28 Seelen bestehendes, blühendes Geschlecht mit Ausnahme eines vierzehnjährigen Knaben, welcher nach Amsterdam flüchtete, unter der Inquisition den Tod aus dem Scheiterhaufen fand. Spätere Familienmitglieder, welche inzwischen nach einem spanischen Ort den Namen Leverda angenommen hatten, siedelten sich in Warschau nnd Tarnopol an. Dem Großvater des Redners wurde unter der Regierung Josefs II. seitens der Nominirungskommission trotz seines lebhaften Protestes der Name Franzos aufgenöthigt, da die Familie nach Angabe des Großvaters aus Frankreich stammte, und Letzterer verlegte selbst zur Zeit schon den Accent auf die erste Silbe des Namens. Mit besonderer Liebe und Pietät verweilte der Redner bei der Schilderung seines Vaters, eines damals sehr beliebten und vielbeschäftigten Arztes, dessen getreue Kopie der „Moschzko von Parma" ist, und welcher den Sohn zu einem freiheitlichen Deutschen, zu einem Deutschen jüdischen Glaubens erzog, wie er sich selbst bereits als guter Deutscher gefühlt hatte. Mannigfach sind die Schicksalswege des Redners selbst gewesen. Sein Lieblingswunsch, klassischer Philologe zu werden, konnte aus Gründen, welche seine Taufe erforderlich gemacht hätten, nicht in Erfüllung gehen; er studirte alsdann Jura, bis er später nach Beendigung seiner ältesten Novelle „Das Christusbild" seines eigentlichen Berufes inne wurde, als Schriftsteller innerhalb verdeutschen Genossenschaft für seine Glaubensbrüder zu wirken und für die bedrückten und verfolgten Mitglieder seiner Stammesgenosseu Mitgefühl zu erwecken. Allgemeines Interesse verdient wohl noch die Angabe, daß des Redners erste Ghettonovelle „Die Juden von Barnow" bei siebzehn Verlegern eine Abweisung erfuhr, bis sich der achtzehnte entschloß, mit deren Herausgabe einen Versuch zu wagen. Mit gegespannter Aufmerksamkeit folgten die Zuhörer der fesselnden Darstellung und statteten dem Redner durch lebhaften Beifall ihren Dank ab. — Neue Litteraturvereine wurden begründet in Freiburg i. B., in München-Gladbach, in Culm i. W., in Znin, Schub in und Go st HP in Posen. s. Berlin, 1. November. In der heutigen Versammlung des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" sprach vor dichtgefülltem Zuhörerraum Kirchenrath Dr. Kr o n er-Stuttgart über „Jud Süß". Der Redner hat seit Jahren sich mit diesem Thema beschäftigt und ist dadurch in den Besitz eines Materials gekommen, das die bisherigen litterarischen Forschungen nicht geboten haben und auch nicht bieten konnten; sowohl Hauff wie die jüdische Geschichte haben in ihre Darstellungen über diesen Mann Elemente hineingebracht, welche der geschichtlichen Darstellung durchaus nicht entsprechen. An der Hand des mit größtem Eifer gesammelten Quellenmaterials — in der Stuttgarter- Bibliothek befinden sich allein drei große Sammelwerke und 40 Schriften — auf Grund der etwa 70 Aktenfascikel des Vertheidigers, der vielen Briefe des Festungsdirektors zu Asperg und auf Grund der Jnquisitionsakten, welche nach langen Mühen dem Redner durch die Gnade des Königs von Württemberg zur Verfügung gestellt wurder,, entwarf der Redner ein ungemein fesselndes Bild über das Leben und Wirken des Geheimen Finanzraths Joseph Süß Oppenheimer. Es war eine glänzende Ehrenrettung für den treuen Beamten, der, obwohl er in seinem Amte nichts anderes gethan, als die vielfachen Wünsche seines Herzogs zu erfüllen, schließlich doch, als der Herzog infolge einer Vergiftung starb, aus Betreiben der Stände gefangen genommen wurde und sein Leben am Galgen enden mußte. Nach Ansicht des Redners könne dem Juden Süß der Vorwurf nicht erspart werden, daß er als Jude kein Fürstendiener hätte werden, sondern ein Diener der ewigen sittlichen Gesetzgebung bleiben müssen; hätte er nicht ans die Worte des Fürsten, sondern auf die Worte der Thora I die es nicht erlaube, sich auf Kosten des Volkes zu nähren, dann wäre er zwar kein Finanzrath geworden, er wäre aber ein glücklicher Jude geblieben. Lebhafter Beifall lohnte den Redner für seinen interessanten Vortrag. Der Vorsitzende der Versammlung Justizrath Dr. Fuchs sprach dem Redner den Dank des Vorstandes und der Zuhörer aus und gab alsdann den üblichen Geschäftsbericht. Auf Grund des letzten Aufrufs des Vereins sind neu beigetreteu 488 Mitglieder, davon in Berlin 140, in Köln 53 und in Buk (Posen) nicht weniger als 46. Der Verein sieht, innerlich gefestigt, den, zehnjährigen Stiftungsfest entgegen, das am 2. Februar nächsten Jahres in der Philharmonie gefeiert werden wird. Den verstorbenen Mitgliedern widmete der Vorsitzende Worte ehrenden Gedenkens; mit besonderer Wärme gedenkt er dreier nicht jüdischer Männer, des Centrumsabgeordneten Dr. Lieber, Virchows und Zolas, die sich sämmtlich große Verdienste um die jüdische Gemeinschaft erworben haben. Unter den neuesten Ereignissen aus dem Antisemitenlager berichtete Dr. Fuchs daß ein von Glöß gezeichneter antisemitischer Buren-Bilderbogen zusammen mit einem Dankschreiben des Dr. Leyds für die Uebersendung des Bilderbogens Vertrieben worden ist. Auf eine diesbezügliche Information schrieb Dr. Leyds umgehend an den Verleger Bewer, daß dieser Bilderbogen Anstoß erregt und den falschen Eindruck hervorgerufen habe, als ob er sich an der antisemitischen Hetze betheilige; er erklärte darin, daß er der antisemitischen Agitation völlig sernstehe und verbot in energischer Weise den weiteren Vertrieb der Bilderbogen unter Berufung aus sein Dankschreiben. Es dürste wohl Niemanden in Erstaunen setzen, oberes ist überaus bezeichnend für die antisemitische Geschästsmache, daß weder Glöß noch Bewer diesen Brief veröffentlicht haben. L2 Berlin, 4. November. Gestern starb hier im Alter von 85 Jahren Ferdinand Reichenheim, der als Mitinhaber eines angesehenen Handlungshauses und Mitglied einer um die Wohlfahrts- und Wohlthätigkeitspflege in Berlin verdienten Familie bekannt geworden ist. Der Verstorbene war Mitinhaber der Firma N. Neichenheim ck Sohn. Dieses Handlungshaus erwarb 1848 von der preußischen Negierung Kattunfabriken in Wüstegiersdorf. Es war damals eine Strömung in der öffentlichen Meinung gegen vom Staate betriebene Fabriken und die damit vielfach verbundenen Monopole. Dazu kam, daß die Fabriken unter der Staatsleitung nicht recht gedeihen wollten. Es gelang den Reichenheims, die Fabrik in die Höhe zu bringen und dort die Kattunproduktion so zu steigern, daß Preußen von der englischen Einfuhr auf diesem Gebiete bis zu einenr gewissen Grade unabhängig wurde. Die Familie Neichenheim verwandte von dem großen Vermögen, daß sie erwarb, einen beträchtlichen Theil zur Förderung gemeinnütziger und wohlthätiger