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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-07 · Heft 45 (7.11.1902) · p. Seite 539

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 45 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
Seite 539 (sequence 13)
Language
German
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539 Er winkte ihr hoffnungslos zu, sitzen zu bleiben. „Es ist nicht der Vater, sie selbst hat so entschieden. Jetzt, da ich sie nicht länger ausweichen lassen will, kann sie sich nicht dazu entschließen. Sie ist wenigstens ehrlich, meine kleine Lucy und wärmt nicht die alten Vorurtheile als Vorwand ans." „Aber wie darf sie — wie darf sie denken, sie stehe über Dir?" „Wie könnt ihr Juden euch wundern?" sagte er mit Bitterkeit. „Ihr habt lange genug euch von den Anderen abgeschlossen. Gott weiß es, und doch seid ihr überrascht, da auch sie ihre Vorurtheile besitzen." Plötzlich legte er seinen Kopf auf den Tisch und brach in Schluchzen aus — ein Schluchzen, das seiner Mutter Herz zerriß, das Herz, welches mit Erinnerungen an die ehemaligen Thränen aus den Tagen des väterlichen Zornes überfüllt war. Und wie in den Tagen, welche „Tke kirats ok I'eeiiele" und andere seiner jugendlichen literarischen Schätze in Asche verwandelt sahen, so schlich sie jetzt leise zu ihm hin, mit einem unwillkürlichen, flüchtigen Blick, als wolle sie sehen, ob S. Cohn den Rücken gewendet habe, und legte ihre Hände auf die im inneren Schmerz sich hebenden Schultern. Doch er schüttelte sie ab! „Warum hat nicht die Kugel eines Buren mich niedergestreckt?" Dann, als wie von einem Gewissensbiß plötzlich ergriffen, erhob er sein verzerrtes Gesicht und zog das ihrige fest an es — ihre Liebe war das Einzige, gerettetaus dem Kampfe um „Ganz-Englisch!" Aus Biarritz. Von L. Levi-Stuttgart. Mitte Oktober. ÄIier an der großen Heerstraße, welche Spanien mit dem übrigen Europa verbindet, sitze ich nun seit sechs Wochen und schaue hinaus auf den Ocean, der seine Wellen mit Donnergetöse an die zerklüftete baskische Küste wirst -- und wieder hinüber zu den gigantischen Höhen des Pyrenäen-Gebirgszuges, und meine Gedanken schweifen zurück auf die tausend und abertausendjährige Geschichte des israelitischen Volkes, dessen Kultur und Litteratur einst den gleichen Weg nahm, der täglich da vor meinen Augen liegt. Dann betrachte ich mir die Gegenwart, das bunte Treiben da unten am Strand, wo die Menschen aus aller Herren Länder»» zusammengeströmt find, um sich zu amüsiren, zu scherzen, zu charmiren. Semitische Physiognomien die Menge! Und doch wenig Juden. Die zahlreichen Spanier und Franzosen, die Russen und Polen männlichen und weiblichen Geschlechts haben zumeist einen starken Stich ins Semitische, so daß die Methode unserer deutschen „judenreinen" Bade-Etablissements völlig versagen, d. h. sieben Achtel des ganzen Badepublikums verjagen würde. Man ist hier höflich und zuvorkommend gegen Jedermann, ob er Deutscher oder Einheimischer, Spanier oder Russe, Christ oder Jude oder Mohammedaner ist. Man stellt auch keine Vergleiche an in Bezug auf nationale oder religiöse Verschiedenheiten. Wer ein Gentleman ist, »ver sich zu benehmen, zu unterhalten weiß, ist in der Gesellschaft willkommen. Ein großer kosmopolitischer Zug ist allenthalben unverkennbar, und dieser hält jedwede gesellschaftliche Störung, jedes Mißbehagen fern. Der ganz immense Luxus der Damenwelt wird als so selbstverständlich angenommen, daß es keinem Menschen einfällt, irgend andere als Ästhetische und wirthschaftliche Betrachtungen daran zu knüpfe»». Jchhabe noch nirgendsherausforderndere und kostbarere Toiletten gesehen als hier im Biarritzer Casino und doch — keine einzige Jüdin war unter den Trägerinnen derselben. Die wenigen jüdischen Damen, die hier sind, zeichneten sich im Gegentheil durch eine noble,gediegene Einfachheit aus. Auch am Spieltisch sah ich keine oder wenige israelitische Theilnehiner. Ich betone dies nur deshalb, weil die Judenfeinde immer so viel von der jüdischen Vordringlichkeit und Herausforderung zu erzählen wissen. Die Glaubensgenossen, die ich kennen lernte - Deutsche Russen, Oesterreicher, Franzosen, Spanier, Amerikaner — sind sainmt und sonders gebildete, anständige, ja liebenswürdige Menschen, die mir die größte Hochachtung und Werthschätzung einflößten. Dies kann man ja leider nicht immer von der durch Zufall zusammengewürfelten „Badegesellschast" sagen. Man darf auch nicht allzu anspruchsvoll sein; denn der Gang der Kultur ist bei Vielen recht langsam und bei unseren Glaubensgenossen insbesondere von Umständen abhängig, die einer milderen Beurtheilung das Wort reden. An den hohen Feiertagen war hier keine gemeinschaftliche Andacht. Manche gingen hinüber nach Bayonne, wo ein.leidlicher Gottesdienst abgehalten wird, der aber von unserer deutschen fortschrittlichen Auffassung sehr erheblich abweicht. Manche wußten gar nichts von den Festtagen — denn hier ist jeder Tag ein Fest. Ich saß draußen am Pharo (Leuchtthurm) auf dein Felsen, »vo die Meeresivogen himmelhoch emporschlugen, und lauschte „der Stimme des Herrn über den Wassern". Das war eine Predigt, »vie ich sie großartiger, erschütternder und erhabener nie vernommen habe -- eine himmlische Symphonie über das Thenia: „Usebo ^clonaj luc-cröclnbck vvelm-Kevvorali!" (Dein, o Ewiger! ist die Größe und die Allkraft!) I» wunderbarer Pracht senkte sich die Sonne und tauchte in den Ozean unter — die Häupter der Pyrenäen erglänzten purpurroth vor Bewunderung, violette Streifen legten sich auf die weite Fluth, als ich mich erhob und auf jener Heerstraße, die mich so oft zum Nachdenken veranlaßt, den Heimweg antrat. Der freundliche Mond lächelte mir zu, als wollte er mir Grüße sagen von der Heimath draußen, wo die Andächtigen jetzt befriedigt nach Hause gehen. Fitterarrfche Mittheilungen. ----- Wie im vorigen Jahre, so überläßt auch diesmal der Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur den fünften Band des Jahrbuchs für jüdische Geschichte und Litteratur (1902) mit Beiträgen von Philippson, Karpeles, Steinheim, Schwarz, Braun, Schächter, Kohnt, Pappenheim. Helmuth u. A. allen Rabbinern. Lehrern und Kultusbeamten zn dem ermäßigten Preise von 1 Mark. Auch von den früheren Jahrgängen (1 bis 4) sowie von dem Gedenkbuch für Samuel David Luzzatto können, soweit der Vorrath reicht, noch Exemplare, jedes zu dem ermäßigten Preise von 1 Mark incl. Porto, bezogen werden. Alle Bestellungen sind unter Einsendung des Betrags zu richten an Herrn Maximilian Hey mann, Berlin NW., Roonstraße 9. ----- Es dürfte auch weitere Kreise interessiren, daß aus Anregung des Herrn Dr. Adler, Direktor des „Philanthropin" in Frankfurt a. M.

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