Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- Seite 538 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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L38 selbst giebst zu, daß Beschwerden über Ueberfüllung und hohe Miethen im Osten der Stadt bestehen. Und eS ist ganz natürlich — ist's nicht? — daß, nachdem wir Blut und Geld für das Reich hingegeben, wir nicht in der Gemüthsverfassung sind, unser Land von schmutzigen Ausländern überlaufen zu lassen." „Schmutzig!" murmelte Simon, während er las. „Hat sie die Spelunken der Christen in Flaver- und Duanstraße gesehen!" Und seine schöne, orientalische Stirn wurde noch mehr vom Aerger verdüstert. Sie klärte sich nicht wieder aus, bis er zu dem Passus kam. „Laß uns nächsten Samstag in dem Krystallpalaft Zusammentreffen, liebe, streitsüchtige Person, und zwar um drei Uhr in dem pompejanischen Raum. Ich habe eine Tante in Sydenham und kann nach dem Konzert bei ihr Thee nehmen und alles über die Thätigkeit der Missionäre in den Südseeinseln erfahren." * * 1- Es entstand eine neue Phase in dem Verhältniß zwischen Simon und Luey. Nachdem sie einmal in ungestörter Freiheit beisammen gewesen waren, fühlten sie sich nicht geneigt, zu dem beschränkten Liebesverkehr, wie ihn das Empfangszimmer bot, zurückzukehren. Obgleich ihr Geplauder sich blos um Bücher, Musik und Bilder drehte, war es doch köstlich, dieses gegenseitige Beisammensein, ungestört durch die Lebhaftigkeit des Bruders oder den Ernst des Vaters. Das Kunstverständniß Lucys war für Simon zugleich demüthigend und anregend. Sie bewegte sich in einer feinen, harmonischen Welt, von deren Kunstgenüssen Simon keine Ahnung hatte, so daß Bewunderung den Sinn für das Romantische, den die geheimen Zusammenkünfte in ihm erweckt hatten, noch mehr stärkte. Einigemal sprach er davon, seine Besuche in Harrow wieder aufzunehmen, doch je länger er zögerte, desto schwieriger erschien ihm der aussöhnende Besuch. „Vater ist jetzt tiefer in der Verbindung als je," erzählte sie ihm. „Er ist dem Komitee beigetreten, und der Prospektus ist mit all' seinen glorreichen Widersprüchen ausgesandt." „Aber in Anbetracht, daß ich der Sohn eines Eingewanderten bin und gekämpft habe für —" „Da! da! Streitsüchtiger Mensch," unterbrach sie lachend. „Nein, nein, nein! Besser, Du kommst nicht eher, bis Du Deine entfernte Genealogie vergessen. Du siehst, Vater versteht jetzt noch nicht ganz, daß Du ein Jude bist. Er denkt, ein Tropfen jüdischen Bluts sei in Dir, doch wärst Du in jeder anderen Beziehung ein anständiger christlicher Mensch." „Christlich!" rief Simon erschreckt. „Warum nicht? Hast Du nicht an der Seite meines Bruders gekämpft und hast bsm (Schinken) mit uns gegessen?" Simon erröthete zornig: „Aber Lucy, Du denkst doch nicht, Religion sei liam?" (spr. Hem.) „Was denn? Nur Schein?" lachte sie. Simon lachte ebenfalls. Wie witzig sie war! „Aber Du iveißt, ich konnte nie an die Dreieinigkeit und dergleichen glauben. Und was noch mehr — ich glaube nicht, daß Du selbst es thust." „Es kommt nicht gerade darauf an, was Einer glaubt. Ich wurde in der Kirche von England getauft und betrachte mich als Mitglied derselben. Wirklich, Siin, Du bist ein unausstehlicher Rabulist und ein streitsüchtiger Mensch." „Ich werde nie mit Dir streiten, Lucy," sagte er, halb beschwichtigend, ungeachtet er etivas wie einen kalten Schauer bei dem Worte „getauft" fühlte, als ob er selbst in das Taufbecken getaucht worden wäre. In dieser Weise durchlebten die Beiden den Sommer, indem sie jedem ernsteren Entschluß oder irgend welcher Entscheidung'auswichen. Frau Cohn, die den Fortgang der Werbung, den sie aus Sims verliebten Augen zu lesen verstand, ängstlich versolgte, begann besorgt zu werden. Ihr Wunsch, ihr das Mädchen vorzustellen, erlitt ähnlichen Aufschub. Es ist erklärlich, daß die Unempfindlichkeit gegen die öffentliche Meinung, welche Frau Cohn durch ihre anfängliche Einwilligung gezeigt hatte, durch diese unerwartete Verzögerung und den ungewissen Ausblick, den die Angelegenheit bot, einigermaßen wankend wurde. Langes Warten schwächt die Willenskraft! Doch verhehlte sie ihrem Sohne diese gelegentlichen schwachen Rückfälle. „Du sagtest, Du würdest sie mir znführen, sobald sie von der Seeküste zurückgekehrt sei," wagte sie ihn zu erinnern. „So habe ich gesagt; aber nun schleppt der Vater sie nach Schottland." „Ihr solltet heirathen, sobald sie zurückkehrt." „Ich kann ihr nicht zumuthen, die Sache zu überstürzen, besonders, da sie erst mit ihrem Vater sich anseinanderzusetzen hat. Doch hast Du nicht Unrecht, Mutter, es ist hohe Zeit, daß wir zu einem bestimmteil Verständniß gelangen, wenigstens zwischen uns!" „Was!" stieß Frau Cohn hervor, „ihr seid nicht verlobt?" „Oh, so zu sagen — natürlich. Aber es ist noch zu keiner bestimmten Erklärung zwischen uns gekommen." Aus Furcht, daß dies die ihr unbekannte „englische" Mode sei, unterdrückte sie die Bemerkung, daß die Bestimmtheit der Zuckermann'schen Heirathsmethode ihre Vortheile habe. Sie billigte blos Simons verständigere Stimmung. Doch war Frau Cohn eine weitere Zeit der Beunruhigung beschieden. Alltäglich langten die dicken Briefe mit der schottischen Postmarke und dein schwachen Parfüm an, das stets ihre eigene, sehnsüchtige Empfindung eines verlorenen Liebesromans anregte — Etwas, weit entfernt und köstlich, mit dem Wohlgeruch von Rosen und dem Salz der Thränen. — Doch der Liebende hatte ihr immer noch keine bestimmten Neuigkeiten zu verkünden. Eines Abends fand sie ihn außergewöhnlich unruhig. Sie kannte den Grund. Seit zwei Tagen war kein wohlriechender Brief angelangt. Sie sah, wie er bei jedem Knarren der Gartenthür auffuhr, während er auf die letzte Post wartete. Als endlich das Knirschen von Schritten auf dem Kies hörbar wurde, stürzte er ans dem Zimmer, und Frau Cohn hörte die Fallthür öffnen. Ihr Ohr folgte in krankhafter Erwartung jedem Laut, doch es schien ihr eine lange Zeit zu vergehen, bis die Fußtritte ihres znrückkehrenden Sohnes wieder in ihr Ohr klangen. Das ungewöhnlich langsame Fortschleppen derselben wirkte aus ihre Nerven, und ihr Herz klopfte heftig in banger Vorahnung. Er reichte ihr einen Brief. Sein Gesicht war kreideweiß. „Sie kann mich nicht heirathen, weil ich ein Jude bin," sagte er mit fast unhörbarer Stimme. „Kann Dich nicht heirathen?" lispelte sie heiser. „Aber dies darf nicht sein! Ich werde zu dem Vater gehen; ich werde erklären. Du hast seinen Sohn gerettet — er schuldet Dir sein« Tochter!"