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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-07 · Heft 45 (7.11.1902) · p. Seite 535

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 45 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
Seite 535 (sequence 9)
Language
German
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535 ruhte in Campes Manuskriptenschrank, und er dachte vorerst nicht daran, es zu drucken. Mittlerweile war nämlich Heines Schrift über Börne in Hamburg angelangt und, ohne die Tendenzen beider rivalisirenden Werke abzuwiegen, gebot ihm die buchhändlerische Spekulation, dem erfolgreichsten Autor seines Verlags den Vortritt zu lassen. Gutzkow war zwar Campes litterarischer Rathgeber in manchen Unternehmungen, er hatte auch 1838 Heines „Neue Gedichte" im Manuskript gelesen, und ihren Verfasser gebeten, einen Theil derselben zu unterdrücken; der Briefwechsel darüber ist bekannt. Seitdem hatte Heine ihn im Verdacht,daß er mitCampesEinwillignngden stillenCensor seiner Schriften mache. In dem von Gutzkow geleiteten „Jahrbuch der Litteratur" von 1839 war Heines „Schwabenspiegel", durch den Censor arg verstümmelt, erschienen, und des Dichters Empörung richtete sich theilweise auch gegen Gutzkow, der aber daran sicher ebensowenig Schuld trug, wie er von Heines Schrift über Börne vor ihrem Erscheinen eine Vorstellung besaß. Allerdings hatte Campe Grund, ihm nicht zn früh einen Einblick in ein Werk zu verschaffen, das gerade das Gegentheil dessen war, was als Börnes Biographie von Gutzkow schon fertig dalag und als Supplementband der gesammelten Schriften in Campes Verlag gelten sollte. Abgesehen von jener irrthümlichen Annahme in dem obigen Briefe an Auerbach schrieb Gutzkow noch am 17. Juli an seinen Freund Levin Schücking: ,,J» diesen Tage» erscheint Heines Buch über Börne. Es ist eine Apotheose Börnes und ein Pasquill ans Börnes Freunde. Börnes Freundin, die ihr Lebe» und ihrer» unantastbaren Ruf dem leidenden Manne widmtte, wird darin schmählich verunglimpst. Meine Biographie Börnes (ein starkes Buch) liegt in Campes Pult seit A/i Jahren schon!!" Gutzkow hatte also die Schrift Heines auch jetzt noch nicht ganz gelesen. Es trifft also nicht ganz zu, wenn er 1875 m seinen irrthumreichen „Rückblicken" den Vorgang so darstellt: „Ich hatte Materialien zu einer Schilderung seines (Börnes) Leben gesammelt, seine Biographie, das Manuskript schon Campe übergeben. Da schickte Heine das Manuskript seines Buches: „Heine über Börne", eine Schmähschrift, wnnmelnd von Persönlichkeiten, Anspielungen auf Menschen, die Niemanden interessirten, Anspielungen, die nur Diesen oder Jenen, der ihn vielleicht nicht gegrüßt oder von ihm nicht mit der gehörigen Bewunderung gesprochen hatte, lächerlich machten, ihn mit einer leeren Eau-de-Cologne-Flasche oder mit einem Nachttops oder sonst Aehnlichcm verglichen. . . . Meine au Campe gerichtete Bitte ging dahin, mein Denkmal der Erinnerung an einen bedeutendeil und in trüber, hoffnungsloser Zeit als Freiheitskämpfer bewährten Mann, ein Buch, das nun schon Monate lang in seinem Pulte lag, srüher erscheinen zu lassen, als die Beschimpsung. Sie wurde nicht gewährt. Versprach doch die letztere einen glänzenderen Geivinn." Von dieser „Beschimpfung", wenigstens soweit sie sich auf Börne selbst bezog-, wußte Gutzkow selbst noch nichts; vermuthete er doch noch am 17. Juli, als Heines Buch erschien, darin eine „Apotheose Börnes". Aber die „Rückblicke" wissen noch von einem andere» Motiv, das Campe veranlaßte, Gutzkow durch die zeitweise Unterdrückung seiner Börnebiographie zu kränken. „Später," heißt es da, „entschuldigte Campe sein Verfahren dadurch, daß plötzlich eine neue Ausgabe der Börne'schen Schriften bei Brodhag in Stuttgart erschienen sei, eine Umgehung der Anwartschaft, die er selbst, der frühere Verleger, auf die neue, inzwischen nothwendig gewordene Ausgabe zu besitzen glaubte. Die in Paris wohnenden Freunde und Erben Börnes hatten allerdings diese Aenderung beliebt. Aber in der durchaus irrthümlichen Voraussetzung, daß meine Hand dabei im Spiele gewesen sei, ließ Campe einen jener Fälle eintreten. die den Preßkundigen Juristen Dambach in Berlin in seinen „Erläuterungen zum Urheberrecht" des Näheren beschäftigen könnten. Der Verleger erklärte: „Ich bezahle das Manuskript, drucke es aber nicht! Wer will mich dazu zwingen?" Daß Campes Verdacht völlig grundlos war, hätte sich ihm bei kühler Beurtheilung schon von selbst ergeben. Gutzkows Börnebiographie war doch als Supplement der Hamburgs Ausgabe geplant; sein eigenes Interesse einte sich also völlig mit dem Campes; eine fremde Gesammtausgabe der Börne'schen Schriften hätte den Absatz seines eigenen Buches geschädigt, und Gutzkow war stets ein guter Geschäftsmann, in buchhändlerischen Dingen ungemein erfahren, das beweisen mir zahlreiche Korrespondenzen mit Verlegern. Völlig widerlegt aber wurde Campes Dermuthung schon durch den oben abgedruckten Brief Gutzkows an Dr. Reinganum; er nimmt sich hier der Sache des Verlegers mit einem Eifer an, der jeden Zweifel an seiner Aufrichtigkeit abweist. Wunderlich genug daß keiner von Beiden sich später dieser Vermittlerrolle Gutzkows entsann. Noch in den sechziger Jahren spielte jener Verdacht Campes in seiner gelegentlichen Korrespondenz mit Gutzkow, der nach diesen Erfahrungen zu Brockhaus übergegangen war, eine Rolle. Die Verlagsanstalt Julius Campe hatte die Freundlichkeit, mir einige Briefe Gutzkows zu übersenden; einer derselben betrifft diese Streitfrage deS Verlags der Börne'schen Schriften und enthält auch einige interessante Einzelheiten über Gutzkows Beziehungen zu Frau Strauß. Nur im Bewußtsein seiner inneren Wahrhaftigkeit giebt hier Gutzkow sein Ehrenwort über eine Sache, der er sich nicht mehr besann; der Brief an Reinganum bewies, daß er es geben durfte. So schrieb er an Campe am 5. April 1861: „Ich habe Mad. Strauß ... in »icinein Leben einmal in Frankfurt und einmal in Paris gesehen. In brieflicher Verbindung mit ihr Hab' ich nur im Interesse der Biographie gestanden. Der „Verlag der Klassiker", bei dem ich „Blasedow und Söhne" verlegt hatte, existirte schon damals nicht mehr, als ich jene schrieb, wenigstens hatte ich keine Beziehung zu ihm. Frau und Herr Strauß wurden von Frankfurter Advokaten, Börnes Neffen Dr. Spiro, Reinganum n. A. berathen; ich habe nie mit den Verlagsangelegenheiten der Börneschen Schriften zu thun gehabt. Wenn ich jemals, die Sache ist mir entfallen, von Ihnen beauftragt war, diese Leute zur Prolongation Ihres Verlagsrechts zu bewegen, so könne» Sie auf mein Ehrenwort glauben, daß es auch geschehe» ist. Erinnerlich aber ist mir, daß die Frau im Jahre 1842 wo ich in Paris war, mit einer nicht zu besiegenden Hartnäckigkeit jede Verbindung mit Ihnen ablehnte, alle meine Einreden, Ihre Vorräthe würden jede Oppositionsausgabe ruiniren, nicht hören wollte und sich aus Börnes eigne Gesinnung berief, die sür sie maßgebend wäre ... Also diese Vornrlheile geben Sie aus! Ich habe noch bis heute die von Ihnen bezeichnete Ausgabe der Börneschen Schriften nicht gesehen." Alle diese Umstände, die Unterdrückung seines Buches auf vage Voraussetzungen hin und die Begünstigung Heines, hatten nun in Gutzkow eine Reizbarkeit angesammelt, die nur auf eine Veranlassung wartete, loszubrechen. So warf sich beim sein kritischer Zorn mit Ungestüm auf das Buch, dem sein eigenes Werk den Vortritt lassen mußte; er schrieb am 10. August 1840 in Hamburg ein dreißig Seiten langes Vorwort zu seiner Börnebiographie, das erst im „Telegraph" (Nr. 137) erschien und auch das Buch selbst eröffnet«, als es im Herbst dieses Jahres endlich herauskam. Gutzkows Verhältniß zu Heine bedarf noch einer ausführlichen Untersuchung, die allerdings der weitverstreuten Zeug'

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