Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- Seite 534 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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534 Zeilen schrieb, hatte er bereits folgenden Brief Gutzkows in Händen, der ihm kurz und bündig vor eine Alternative stellte: Durch diese Zeilen, Verehrtester, werden Sie vielleicht wunderlich überrascht werden; denn unser früheres freundschaftliches Verhältnis haben Sie selbst Ihren jetzigen Ihnen besser scheinenden Ueberzeugungen opfern zu müssen geglaubt. Doch kann mich dies nicht abhalten, mich an Sie in einer Angelegenheit zu wenden, welche, ungeachtet sie die Differenz erweitern könnte, doch ihrer Natur nach eher uns znsammenführen sollte. Seit länger als einem Jahre mit den Vorarbeiten zu dem Leben Börnes beschäftigt, hör' ich, daß Sie für dieselbe Leistung sammeln und mit mir konkurriren werden. Ich scheue mich nicht, Ihnen zu gestehen, daß diese Konkurrenz mir nicht gleichgiltig ist, denn abgesehen davon, daß wir beide als geistige Söhne eines und desselben Stammes in unserer Auffassung des Trefflichen durchaus übereinstimmen werden, so hat schon vor dem Publikum dieser Wettlaus Etwas, das in den Zeiten jetziger Indifferenz desselben nicht gemacht ist. der Litteratur eben von großem Nutzen zu sein. Ueberdieß konkurriren wir nicht mit Ideen, sondern mit Thatsachen: wir müssen uns beide innerhalb derselben Grenzen faktischer Erlebnisse bewegen, müssen dieselben Leiden, dieselben Anekdoten erzählen. Wir schöpften unsere Berichte auf demselben Terrain, aus einem und demselben Munde; das hat etwas, was im Auge des Publikums sich häßlich ausnehmen wird. Jedermann würde,sagen: Hätten^sich nicht Beide vereinigen können? Zurückstehen von meiner Arbeit kann ich nicht. Einmal ist sie zu weit gediehen, dann fesseln mich moralische und selbst äußere buchhändlerische Verpflichtungen. Mein Buch erscheint als Supplement der Börne'schen Schriften beim Verleger derselben, das ganze literarische Leben Börnes von 1828 bis zu seinem Tode liegt in seiner Korrespondenz mit diesem Verleger vor mir; ich besitze sonst Materialien, an deren Benutzung sich zu viel Gemächliches^ knüpft, als daß ich sie einem dritten überlassen dürste. Sie werden nun freilich ebensoviel Gründe für Ihre Ausdauer haben, von denen ich den. daß Sie Börnen nationaler verwandt sind, selbst anerkennen muß. Und doch möchte ich Sie um eine Vereinbarung bitten, möcht' es unsret- und Börnes wegen thun. Mich ängstigt das frivole Urtheil des Publikums, welches leicht aus Werken der Begeisterung und Liebe — Spekulationen ^machen könnte und zu dieser Betrachtung unsrer Schriften durch die Konkurrenz derselben selbst aufgefordert wird. Wir sind es Börnen schuldig, von dem Todtenopfer, das wir ihm bringen wollen, diesen häßlichen Rauch zu entfernen. Es müssen Wohlgerüche sein, die in einen heitern blauen Himmel steigen. Sie sind Dichter genug, um diese tiefere Beziehung eines Verhältnisses, das zunächst nur konventionell zu sein scheint, zu fühlen. Ich schlage Ihnen für den Fall, daß Ihre Arbeit noch nicht zu weit gediehen ist, vor: Entweder treten Sie mir die Materialien, die Sie besitzen, für eine Entschädigung Ihrer aus die Sammlung verwandten Mühe ab, oder Sie arbeiten sie zu einem Ganzen aus, das ich, wie sie nun wollen, als ein Ganzes meinem Buche mit Ihrem Namen einverleibe, oder das Sie dem „Jahrbuch der Litteratur" als einen selbstständigen Beitrag geben. Vielleicht sagt Ihnen dies Arrangement um so mehr zu. als nun auch Heine eine keineswegs absprechende, sondern anerkennende und versöhnende Schrift über Börne wirklich fertig hat. Ich denke mir dieses Nagen an einem Stoffe, wenn man ihn nicht von verschiedenen Seiten erfaßt (was bei uns nicht anzunehmen ist) in seiner Wirkung aufs Publikum entsetzlich. Die heiligste Handlung wird lächerlich, wenn sich dabeh zwei den Rang ablaufen wollen. Wir sind es den Manen unseres großen Gegenstandes fschuldig^, uns über diese Angelegenheit mit Weglassung aller, aus ein anderes Gebiet gehöriger Verstimmung, zu verständigen. Wollen Sie dies, fühlen Sie es so tief, wie ich, so lassen Sie mich in ^Frankst bei den Meinigen eine Antwort auf diese Zeilen finden. Geben Sie sie gef. auf dem Hirschgraben beim Konsul Freinsheim ab; übermorgen reis' ich von hier ab. Mit Ihnen von srüherher bekannten Achtung und Theilnahme Hamburg, d. 6. Mai 39. G utzkow. Adresse auf der Außenseite: Herrn Berthold Auerbach, p. A. des^Herrn Buchhändlers Sauerländer, Frankfurt. Poststempel: Frankfurt, 10. Mai 1839. Den AuSschlag in diesem Wettbewerb gab, wie das zu erwarten war, die Besitzerin des Nachlasses, dessen Benutzung der Biographie einen hervorragenden Werth vor allen übrigen Werken ähnlicher Art geben mußte. Frau Strauß entschied sich für Gutzkow. Darüber orientirt uns ein Brief Gutzkows an den Frankfurter Advokaten Dr. Ludwig Braunfels, der sich später auch als Litterat, vor allem als ausgezeichneter Cervantes- Uebersetzer einen Namen machte: Verehrter Herr und Freund, So sehr mich vor zwei Jahren das Ausbleiben einer Antwort von Ihnen schmerzte, so bedurfte es doch nur Ihrer freundlichen Zeilen vom 19. d., um mich bald wieder mit Ihnen auszusöhnen. Ich weiß aus eigner Erfahrung nur zu gut, wie bereitwillig man eine briefliche Bitte aufnimmt, sich zu ihrer Erfüllung rüstet, von unvorhergesehenen Zufällen davon abgezogen wird und endlich Wohl sogar das Antworten in dem guten Glauben vergißt, daß man sich der besten Absicht bewußt bleibt und die Anerkennung derselben auch beim andern Theile in gutem Vertrauen vorausseht. Ihr Entschluß, sich noch dem Nechtsstudium zu widmen, scheint mir recht Ihrem praktischen, mir immer sehr wohl durchdacht vorgekommenen Wesen zu entsprechen. Die Rechte zu studiren, ist der einzige Weg, sich im heutigen Staate eine Geltung zu verschaffen. Sollten Sie bald Minister werden, so bitt' ich für die Litteratur besser zu sorgen, als namentlich in meiner preußischen Heimath jetzt geschieht. Sie eröffnen mir die angenehme Aussicht, von einem Freunde Börnes Materialien für meine Biographie desselben zu erhalten! Allerdings arbeit' ich an einer solchen. Herr Au erbach, der Frankfurt verlassen hat, stand von seinem Vorhaben ab, als sich Mad. Wohl- Strauß, ohne deren Beihülfe eine solche Biographie nicht denkbar ist, für mich erklärte. Die ängstliche Frau ist zwar auch gegen mich zurückhaltender, als sie es im Interesse ihres unvergeßlichen Freundes sollte; indessen ist daran nicht meine Person oder sonst eine Konkurrenz Schuld, sondern nur das Mißtrauen gegen die ungünstige Zeit. Furcht vor der Oeffentlichkeit, Rücksicht auf Börnes einfachen und aller Eitelkeit fremden Sinn und dergleichen. Sie können sich denken, wie dankbar ich Herrn Dr. Stiefel für seine Erinnerungen sein würde. Ich würde sie in das noch nicht vollendete Ganze verweben und so Beide zu ehren suchen, Börne und seinen Freund. Doch denk' ich im Oktober dieses Jahres mein Werk abzuschließen.' die Materialien müßten mir also spätestens binnen 4—5 Wochen zukommen und zwar nach Hamburg unter meiner Adresse. Ich reise in diesen Tagen von hier ab. Machen Sie mir die Freude, jene Beiträge vielleicht gar schon in Hamburg, wenn ich dort eintreffe, vorfinden zu können. Ich werde über Weimar gehen und mich dort in Braunschweig aufhalten. Auch von Ihnen würd' ich gern etwas für meinen Telegraphen annehmen! Jedenfalls sehr erfreut, von Ihnen einen Beweis Ihrer Theilnahme erhalten zu haben, zeichn' ich mit Achtung und freundlichem Gruße Ihren ergebensten Gutzkow. Frankfurt d. 25. Aug. 39. Adressiren Sie doch lieber nach Hamburg per Hoffmann L Campe's Buchhandlung. Gutzkow vollendete nun auch seine Arbeit im Sommer 1839 und lieferte sie an Campe ab. Im Februar des folgenderr Jahres erschien ein Abschnitt daraus „Ludwig Börne als Dramaturg" im „Telegraph" (Nr. 13) r); das Buch selbst aber Im „Telegraph" erschienen unter Gutzkows Redaktion von 1837 bis 1843 folgende Börniana: 1837 (Frankfurt) I. Quartal, Nr. 23 ff.: „L. Börne in den letzten Monaten seines Lebens" von Ed. Beurmann; II. Quartal, Nr. 37: „Börnes Tod", Gedicht von Gutzkow. — 1838 (Hamburg. Hoffmann und Campes Verlag), Nr. 94—104: „Erinnerungen all Börne". —1839, Nr. 105: „Börne und Don AlbertoLista" Nr. 169—70: „Ungedrucktes von Ludwig Börne" (aus dem Buche von Fr. Murhard). — 1840, Nr. 2: „Rezensions-Schemata, um einen Schauspieler aus ewig von der Bühne zu verbannen", nach L. Börne; Nr. 13: Gutzkows obiger Aufsatz „L. Börne als Dramaturg". — 1841, Nr. 137: „Vorrede zu Börnes Leben" von Gutzkow. — 1842, Nr. 85: „An Börnes Schatten", Gedicht von Ernst Ortlepp; Nr. 92: „Ein ungedruckter Brief Börnes".