Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- Seite 536 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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536 nisse halber einige Schwierigkeit bietet. Die beiden waren sich niemals „grün" und im letzten Ende war es die Verschiedenheit ihrer Naturen, die sie von einander adstieß. Gutzkow war durchaus nach Börne geartet ja; er war ein „Nazarener", von dem der „Hellene" Heine in seinem Buche über Börne sich so feierlich losgesagt hatte. Wie Börne war auch er von einem innern Feuer verzehrt und verschmähte er die schöne Flamme des lodernden Scheiterhaufens. Gutzkow hat als Mensch immer hinter seiner Arbeit zurückgestanden, ja er hat den ersteren über den letzteren vernachlässigt. Er wußte nichts von Goethes Lebenskunst, von Heines Lebenskünstelei; der schöne Uebermuth der Kraft, dieses Lachen der Schöpfung, war ihm fremd. So hatte Heine ihn selbst beleidigt, wenn er immer wieder über den kümmerlichen Lebenstrieb Börnes witzelte, seinen Geist mißkreditirte, indem er seinen Körper lächerlich machte, wehrlose Thatsachen überfiel und die Illustration zur Haupt- Pointe machte; zwei Kampfarten stießen hier aufeinander, zwei Feinde witterten sich. Eine Gesinnung hatte Heine gekreuzigt, deren Vorbild der Jugend Gutzkows ein Messias gewesen; an Börnes festem Charakter hatte er sich durch die Wirren seiner jungen Meinung durchgearbeitet, und wenn er auch als Künstler Börnes gesiunungsvolle Starrheit längst überwunden, die alte Ehrfurcht lebte noch in ihm fort, und neben dem Dichter war er Politiker, Demokrat durch und durch, der mit Börne zwar nicht in einem Zelte schlief, doch im gleichen Lager stand. Gutzkow hatte Frau Wohl nur flüchtig gesehen, aber er verehrte sie um Börnes willen, und dem Dichter galt sie als Charakter, dessen Idealität er nicht zerstört wissen wollte. Und schließlich — war er Schriftsteller genug, um sich zu ärgern über ein Buch, das seinem eigenen zurnckgesetzten Werk einen Theil des Glaubens rauben mußte, den er so gern an Börne entfacht hätte. So rüstete er sich denn zu einer energischen Entgegnung. Mit Ueberwindung ging er daran; er gesteht gleichzeitig, daß er ungern gegen Heine schreibe, derselbe Gutzkow, der in der Auswahl seiner Feinde alles eher denn vorsichtig war. Auch früher hatte er das vermieden; er wollte der Welt nicht das Schauspiel des literarischen Bürgerkrieges geben, das Heine nun selbst entschleiert hatte. Wir vermögen uns heilte nur schwer zu der flammenden Entrüstung auszustacheln, in die sich Gutzkow in dieser Vorrede zu seiner Börnebiographie hineinstürzte. Auch das Persönliche ist uns schon historisch objektiv geworden, und wir werden ernüchtert, wenn wir sehen, daß gleich der erste Trumpf, den Gutzkow gegen Heine ausspielt, gestochen wird, sobald die historische Kritik ihre Karten aufnimmt. Gleich vom Titel ging Gutzkow aus: „Heine über Börne", er stempelte ihn zu einem Akt der Selbstüberhebung — snpra, nicht äe; — wir wissen heule, daß Campe diesen Titel trotz Heilles mehrfachen Protest hatte drucken lassen; „Ludwig Börne, eine Denkschrift", hatte Heine das Buch benannt. Wunderlich genug ist es, daß der Schlaukopf von Verleger, der Gutzkows Vorrede doch wohl im „Telegraph" las, auch mit keinem leisen Augurenlächeln den wahren Sachverhalt verrieth. Gutzkow nannte die langen von Heine citirten Reden Börnes böswillige Erfindungen; aber wenn er die Möglichkeit ähnlicher kurzer Einfälle zugiebt, so konnte er dem Historiker nicht verargen, die Konsequenzen zu ziehen; es fehlt der Nachweis der Unmöglichkeit. Andere peinliche Verdächtigungen weiß er mit Heinescher Gewandheit auf diesen selbst zurückzuwerfen; aber ich kann es nicht gerade „garstig" finden, wie Elster es nennt, wenn Gutzkow, auf Heines politischen Gesinnungswechsel mit den Fingern weisend, die malitiöse Bemerkung macht : „Ich habe die zahme, royalistische Widerrnfspolitik des Herrn Heine mit Vergnügen gelesen, denn sie läßt Hoffell, daß man die Polizei- Aktuarstelle, welche Börne früher in Frankfurt bekleidete, leicht ihm überträgt." Man beachtet bei solchen Entgegnungen zu wenig die Suggestion, die die Dialektik eines Angreifers auf den Vertheidiger ausübt; er parirt und verfällt auf ähnliche Finten, und diese ist völlig ans Heilles Schule. Man denke daran, daß Gutzkow es war, der zwei Jahre vorher den Vorschlag gemacht hatte, das deutsche Volk solle Heine eine Pension allsstellen, um ihm eine sorgenlose Existenz zu sichern. Viele von Gutzkows Rügen wird man unterschreiben müssen, seine Empörung über die Beleidigung der Frau Wohl war nur zu gerechtfertigt. Zu verkennen ist aber auch nicht, daß eur sehr heißer Aerger gegen Heine sich in dieser Vorrede Luft macht, und was Gutzkow hier über dessen poetisches Genie sagt, war durch seine früheren Urtheile von vornherein widerlegt. Die Biographie Börnes selbst ist übrigens von der Tendenz dieser Vorrede in keiner Weise angekränkelt; sie war schon gedruckt, ehe letztere zu schreiben eine Veranlassung vorlag. Der warme Ton der Biographie und nicht welliger die energische Polemik der Vorrede und die Ehrenrettung Börnes und seiner Freundin fanden auch bei Männern Beifall, die nicht Gutzkows Freunde waren. Eines dieser Urtheile mag zum Abschluß hier citirt sein, obgleich es nur mit Vorbehalt gefällt, also um so ernster gemeint ist. Am 1. November 1840 schrieb Arnold Rüge an Adolf Stahr: „Nimrü Gutzkow über Börne, da hast du ja allerhand zu sagen, und es ist nicht mal ä propo8. Kannst du mit Recht finden, daß Gutzkow hier vernünftig und für die honnette Sache honnett auftritt, so ist das gut, obgleich er schwerlich au t'onä jemals zur Honnettität und zum Glauben au das Ideale zurückkehrt." Wie sich aus dem Zusammenhang ergiebt, handelt es sich um eine Kritik Stahrs über Gutzkows Werke für die „Halleschen Jahrbücher". Diese erfolgte denn auch, und am 9. Dezember führt Rüge sein Urtheil über Gutzkow noch weiter aus: „Der Börne ist bereits in Leipzig und kommt sehr gelegen, um den Gutzkow gegen Laube, der zu toll und trivial ist, hervorzuholen; nicht daß ich Gutzkow für einen Idealisten und reinen Anhänger der Freiheit hielte, o nein, deren giebt es aus dieser unseligen Periode, der er angehört, unsäglich Wenige, und er selbst ist leider schauerlich selbstisch. Dennoch ist er der gebildetste und talentvollste von Allen und hat, wie du richtig bemerkst, wenigstens ein richtiges Bekenntniß bei Gelegenheit von Börne abgelegt. Das muß ihm denn doch zu Gute kommen. Und ich muß gestehen, ich halte ihn für fähig, ehrlich die Stellung zu behaupten, wenn er auch nie aufhört, seinen Ruhm und gelegentlich seinen Bühnendichter zur Hauptsache zu machen und bei jeder Gelegenheit sich und wieder sich hervorzukehren. Hütte man ihn hier, so ließe sich vielleicht was mit ihm aufstellen .... Doch ist der Teufel des Hochmuths der ärgste." Für Ruges Zwecke ließ sich nun allerdings vorläufig mit Gutzkow nichts „aufstellen". Lag in dieser Beschäftigung mit Börne und seiner Zeit, in diesem historischen Studium Veranlassung genug, die zeitgeschichtliche Schriftstellerei nur eine