Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- Seite 532 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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532 Eine Gesellschaft zur Forderung der Wissenschaft des Iudenthums. Berlin, 2. November. ^km Logensaal des alten Architektenhauses fand heute die Konstituirung der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judenthums" unter lebhaften! Zuspruch hiesiger und auswärtiger Teilnehmer, deren Mehrzahl Rabbiner waren, statt. Die Gemeinden Berlin und Leipzig hatten hierzu offizielle Vertreter entsandt, und zwar Berlin Herrn Gemeindesyndikus Rechtsanwalt Lilienthal. Unter dem Vorsitz der Herren Pros. Dr. Philippson, Rabbiner Dr. Maybaum - Berlin und Dr. B r a nn - Breslau, denen als Schriftführer die Herren Dr. Samuel Poznanski und Dr. H o ch s e l d-Frankfurt a. O. zur Seite standen, boten die Verhandlungen außerordentlich viel Interessantes. Als erster Redner sprach Herr Rabbiner Dr. Lucas- Glogau, der bereits vor fünf Jahren im hiesigen Akademischen Verein für jüdische Geschichte und Litteratur über die in Frage stehende Begründung einen eingehenden Vortrag hielt, über die Nothwendigkeit der Schaffung des Vereins zur Förderung der Wissenschaft des Judenthnms. Er gab in längerer Ausführung die Vorgeschichte der mühseligen Bestrebungen, welche auf seine Anregung hin unternommen wurden und berichtete, daß der erste Ausruf, der in offener Weise die Gründe des Niedergangs der Wissenschaft des Judenthums darlegte, auf vielfache Proteste hin habe zurückgezogen werden müssen, und daß der zweite Aufruf von ihm in Gemeinschaft mit dem Geh. Negierungsrath Herrn Prof. Dr. Cohen-Marburg ausgearbeitet worden sei. Diesen zweiten Aufruf haben wieder einige orthodoxe Autoritäten zu unterschreiben sich geweigert, weil nach ihrer Angabe der gemeinsame Boden zu gemeinsamer Arbeit fehle. Der zweite Aufruf hat eine ungemein große Begeisterung hervorgerufen, er wurde ins Hebräische und ins Englische übersetzt, auch allen amerikanischen Rabbinern zugesandt, und aus der ganzen Welt liefen in großerZahlZustimmungsbriefe ein, darunter auch ein sehr warm gehaltener von Geheimrath Pros. Lazarus. Auch materielle Opfer wurden sofort dargebracht. So zeichneteder GeneralkonsulPhiliPPf o n- Brüssel 4000 Mark und die Königswarter-Stiftung stellte in dankenswerther Weise 3 Prozent ihres jährlichen Zinsbetrags, etwa 700 bis 800 Mark, dem neuen Verein dauernd zur Verfügung. Etwa hundert Herren traten infolge des Ausrufs dem Verein als Mitglieder bei. Diese allgemeine Begeisterung, so führte der Redner im Weiteren ans, sei auch ganz erklärlich, wenn man die Bedeutung der Wissenschaft für die indische Gemeinschaft ins Auge fasse. An dies»n mit sehr lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag schloß sich nach einer kurzen Geschästsordnungsdebatte eine sehr lange Diskussion. Aus derselben heben wir nur hervor, daß Rabbiner Dr. Ma yba um die Neuschaffung dieses Vereins nicht für nothwendig hält und aus die mit denselben Zielen bestehende Zunz-Stiftung verweist, die nur ausgebaut zu werden brauche. Nach seiner Ansicht müsse Geld gesammelt werden, um den bestehenden Lehranstalten zu Helsen, um die Studenten besser zu stellen, und nicht zuletzt dafür gesorgt werden, daß die Stellung der Rabbiner in den Gemeinden eine bessere werde. Mit neuen Kräften müsse das Alte gefördert, aber nicht Neues geschaffen werden. Dagegen kommt Professor Geiger-Berlin in längerer Ausführung dazu, die Nothwendigkeit des neuen Vereins aus innerer Ueberzeugung zu begründen. Die Zunz-Stiftung sei seit 20 Jahren nicht gefördert worden, und das Interesse für sie könne deshalb nicht Plötzlich geweckt werden. Außerdem wolle aber der neue Verein in Kreise gehen, in die die Zunz - Stiftung nicht dringe. Es sei der ernste Wille des Vereins, das Streben befähigter junger Männer zu unterstützen und ihnen die Möglichkeit zu gewähren, eine neue Bahn zu betreten. Auch Dr. Bernfeld - Berlin mahnt energisch. aus das große Publikum, in welchen! das beste Mäcenatenthum stecke, bei der Neugründung des Vereins Rücksicht zu nehmen. Rabbiner Dr. David-Düsseldorf hält den jetzigen Zeitpunkt, so sehr er auch den Bestrebungen des Vereins zugethan sei, nicht für geeignet, als es sich jetzt darum handele, Brod zu schaffen für Tausende von unglücklichen Glaubensbrüdern. Die Diskussion, an der sich noch die Herren Rabbiner Dr. Fin kel-Pasewalk. Dr. Rosen thal, Professor Dr. Kisch-Prag, Zahnarzt Lip schütz-Berlin betheiligen, endete, wie nicht anders zu erwarten stand, mit dein fast einstimmigen Beschluß — nur zwei Herren, darunter Dr. Mahbaum stimmten dagegen — der Gründung des Vereins. Zu Punkt 2 der Tagesordnung giebt alsdann Dozent Dr. Ban eth-Berlin einen Ueberblick über die Arbeitsgebiete und Aufgaben der Gesellschaft. Vier verschiedene Gebiete sind vorgesehen, auf welchen der neue Verein thätig sein soll. Er will aus seinen Mitteln Stipendien an jüdische Gelehrte geben, ferner Schriften herausgeben, die die Wissenschaft des Judenthums betreffen, und eine periodische Publikation, er will die Errichtung von Lehrstühlen an geeigneten höheren Lehranstalten fördern und endlich alljährlich Generalversammlungen stattfinden lassen, in welchen eine Kontrolle über dje Thätigkeit des Ausschusses ausgeübt und ein Gedankenaustausch der einzelnen Mitglieder ermöglicht werden soll. In kurzen, klaren Worten giebt der Redner Erläuterungen zu diesen vier Punkten und schließt mit der Hoffnung, daß es dem Verein vergönnt sein möge, auf diesen Arbeitsgebieten Tüchtiges und Ersprießliches zu leisten zum Heile des Judenthums und zum Heile der ganzen Menschheit. Unter vorläufiger Absetzung der Diskussion wird daran sofort der dritte Punkt der Tagesordnung angeschlossen, betreffend die Herausgabe einer periodischen Zeitschrift. Als Referent giebt Dozent Dr. Bran n-Breslau die allgemeine Direktive für die Zeitschrift an, die die Aufgabe haben soll, die jüdische Wissenschaft in wissenschaftlichem Geiste unbefangen zu fördern. Die verschiedenen Zweige der jüdischen Wissenschaft sollen in ihr möglichst gleichmäßig berücksichtigt werden, die Quellen der jüdischen Geschichte zum Ausdruck kommen, die Bibel behandelt werden. Ferner sollen die neuen literarischen Erscheinungen in ihr, und zwar möglichst rasch nach der Publikation, besprochen werden, und endlich werde es sich darum handeln, neben der Sachlichkeit und Gründlichkeit der Abhandlungen für deren Lesbarkeit Sorge zu tragen. Doch verhehlt sich der Redner nicht die ungemein großen Schwierigkeiten, die sich der Erreichung dieser Ziele entgegen stellen. Als Korreferent tritt Professor Geiger zunächst dafür ein, daß er die Herausgabe einer Zeitschrift für n ich t opportun halte, weil sie ein Konkurrenzunternehmen der bereits bestehenden Zeitschriften darstelle. Aber zn der Herausgabe bestimme ihn der äußere Grund, daß die Mitglieder, die sich ja auch aus Laien zusammensetzen werden, für ihren Beitrag auch etwas bekommen müssen, damit sie wissen, was der Verein thue. Er denke sich die Sache in der Form der Jahresberichte, wie sie z. B. auf dem Gebiete der Literaturgeschichte erscheinen, die die Leser unterrichten sollen, was im Laufe des Jahres an neuen Werken erschienen und in der ganzen Welt für die Wissenschaft geschehen sei. Neben Bibel und Talmud müßten Abschnitte gewidmet werden der Religionsphilosophie, der gesammten Geschichte der Juden, der Sprachwissenschaft, den jüdischen Rechtsverhältnissen und endlich der neuhebräischen Litteratur. In der sehr langen und lebhaften Diskussion trat Kirchenrath Dr. Kro ner-Stuttgart dafür ein, den Jahresberichten auch einzelne abgeschlossene Abhandlungen von allgemein wichtigem Inhalt beizugeben und ebenso in den Generalversammlungen dieses Ziel zu fördern, um so das Interesse an der jüdischen Wissenschaft in den Gemeinden selbst zu heben. Endlich müsse dafür Sorge getragen werden, daß für die gelehrten Kreise die ständig gut gehaltene Monatsschrift in Breslau vorhanden bleibe und gut fundirt werde. Rabbiner Dr. Vogelstein-Stettin wünscht das Gebiet der Bibelkritik besonders gefördert und die Berichte etwa alle Halbjahre erscheinen zu lassen- Rabbiner Dr. K ell er ma nn-Berlin wünscht die systematische Religions- Philosophie ohne Vernachlässigung der Bibelkritik in den Vordergrund zu stellen. Dr. Poznansky giebt zu erwägen, ob die Berichte nicht polyglott sein sollen und auch hebräisch,erscheinen. Es folgte als. dann die Berathung der Statuten und der Organisation der Gesellschaft. Professor Philippson gab hierzu die Erläuterungen und berichtete über die Abänderungen, die in der gestrigen Vorversammlung beschlossen worden waren. Mannigfach waren natürlich die Wünsche, die hier von den Einzelnen vorgebracht wurden. Lebhaft wogte der Meinungskampf hin und her, verschiedentliche Abänderungsanträge waren bereits gestelltund zu späteren Paragraphen angemeldet—da brachte ein Antrag des Redakteur Klausner-Berlin eine bemerkenswerthe Abkürzung der Debatte. Er beantragte: Die Versammlung nimmt cm dloe den Satzungsentwurf an, der ihr gedruckt vorgelegt worden ist, mit den Aenderungen, die in der Vorbesprechung die Mehrheit gefunden haben; die Versammlung überweist sämmtliche heute zu den Statuten gestellten Abänderungsvorschläge dem Ausschuß zur Erwägung und ermächtigt ihn, diesen Abänderungsvorschlägen Folge zu geben; die von dem Ausschuß auf Grund dieser Vollmacht festgestellten Statuten unter-