Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 45 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- Seite 530 (sequence 4)
- Language
- German
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L3Ö heilig war, so war auch stets seine Ueberzeugung ehrlich und stark. Wenn er für das Judenthum eingetreten ist, so hatte er sich mit seinem ganzen warmen Herzen in den Dienst einer gewaltigen Menschheitsidee gestellt und für sie gekämpft, ob er nun den Justizminister über die Anstellung von jüdischen Richtern in den Januartagen 1893 interpellirte oder über die Ernennung von jüdischen Geschworenen, ob er sich an den Debatten über die Blutschuld, über die Schächtfrage und den Wucher betheiligte oder die thörichten Behauptungen über die hessischen Güterschlächterlisten widerlegte. Auch am 13. Februar 1893, als wieder einmal die Talmudfrage angeschnitten wurde, war es Rickert, der den damaligen Minister Bosse zu klaren und bündigen Erklärungen in: „Reichsanzeiger" über den jüdischen Religionsunterricht veranlaßte. Es könnten noch viel mehr wichtige, für das Judenthum sehr wichtige Sitzungen erwähnt und aufgezählt werden, in denen Rickert bis in die allerletzte Zeit seinen festen Standpunkt vertreten und für die deutschen Juden unbedingte Glaubensfreiheit, von den deutschen Christen unbedingte Toleranz gefordert hat; aber es mag an dein Gesagten genug sein. Nun ist auch dieser vortreffliche Mann dahiugegangen, viel zu früh für seine Freunde, viel zu früh für seine Schützlinge, die Juden. Und wenn wir auch heute nicht mehr so nöthig eines Schutzes bedürfen wie einst, so ist das mit das Verdienst Heinrich Nickerts, der den deutschen Juden die immer konsequentere Durchführung des Gleichberechtigungsprinzips erkämpft hat. Das sollte und mußte heute an dieser Stelle gesagt werden, und dies schließt eigentlich besondere Darckesworte aus. Denn die rückhaltlose, ehrliche Anerkennung von Rickerts Erfolgen spricht lebendiger und eindrucksvoller für sich selbst, als es in dem längsten und wärmsten Nachruf geschehen könnte. Nur eines mag hier noch Erwähnung finden, sei es auch allein deshalb, um falschen Behauptungen von gegnerischer Seite, die sicher nicht ausbleiben werden, von vornherein die Spitze zu bieten. Heinrich Rickert hat nie mit Juden in verwandtschaftlicher oder geschäftlicher Beziehung gestanden, er, der gute, gläubige Christ, ist sein ganzes langes, schönes Leben immer nur „für seine Ideen aus Ueberzeugung" eingetreten. Und wenn ihn, den Politiker, der im öffentlichen Leben Deutschlands «ine bedeutsame Rolle spielte, die deutschen Juden auch nicht ganz für sich in Anspruch nehmen dürfen, so haben sie doch das Recht und die Pflicht, auf sein Grab den Lorbeer unvergänglicher Dankbarkeit und unauslöschlicher Liebe niederzulegen. Berlin, 5. November. s ist in der letzten Zeit viel von der Mauserung der nationalliberalen Partei und von einem „Zug nach links" die Rede gewesen. Demgegenüber ist es von Interesse, daß nach der antisemitischen „Deutschen Wacht" im Namen der nationalliberalen Partei im Königreich Sachsen Dr. Gensel in Leipzig mit dem Chefredakteur Zimmermann, dem Vorsitzenden der antisemitischen Partei, schriftlich« Verhandlungen angeknüpft hat, um zwischen den beiderseitigen Parteien ein Uebereinkommen über die Vertheilung der ächsischen Reichstagswahlkreise für den nächsten Wahlkamps zu treffen. Die „Deutsche Wacht" fügt dieser Nachricht hinzu, die Antisemiten hätten noch nicht zugestimmt, weil sie nicht den verfahrenen Karren der Nationalliberalen ans dem Sumpf herausziehen wollen. Hierzu bemerkt die „Nationalzeitung": „Auf Grund unseres mehrfach geäußerten Urtheils über die bedauerliche Kartellpolitik der sächsischen Nationalliberalen können wir nur den Wunsch aussprechen, daß Dr. Gensel einen kräftigen endgiltigen Korb von Herrn Zimmermann und seinen Getreuen erhalten möchte. Vielleicht unterziehen die Nationalliberalen Sachsens dann endlich ihre Politik einer Revision. Wir hegen die Hoffnung, daß die Jung-Nationalliberalen, deren Führer Dr. Zöpfel-Leipzig in Eisenach kräftige Töne gegen die sächsische Kartellpolitik anschlug, im Kampfe gegen die Leitung ihrer Landespartei dem Nationalliberalismus Sachsens nach und nach wieder das politische Ansehen zurückerobern werden, das sehr gesunken ist." Das ist in der That sehr nothwendig. * Die Lage der Juden in der Provinz Posen ist eine sehr seltsame. Sie werden von den Polen, den Ultramontanen — und den Deutschen zugleich angegriffen, obwohl sie für die letzteren stets warm eingetreten sind. Wie von katholischpolnischer Seite gegen sie gehetzt wird, mag folgende Notiz ultramontaner Blätter erweisen: „Posen, 28. Oktober. Bekanntlich ist vor einiger Zeit in Posen behördlich ein Kinderhort geschlossen worden, in welchem polnische Damen arme polnische Schulkinder bei ihren Schulausgaben beaufsichtigten und ihnen ein warmes Vesperbrot verabreichten. Dagegen hat die Behörde gestattet, daß ein jüdischer Kinderhort sich in dem Schnllokal auf der Gr. Gerberstraße etablire. Daselbst lernen jüdische Kinder hebräisch lesen und schreiben, und zwar ohne jegliche Kontrolle seitens der Behörden. Gleich nach der Auflösung des polnischkatholischen Kinderhorts im St. Josephshaus an der Dominikauerkirche ist der hiesigen jüdischen Freimaurerloge gestattet worden, einen jüdischen Kinderhort ans der Judenstraße, wenige Schritte von dem aufgelösten katholischen Kinderhort entfernt, anzulegen. Der Tziennik nennt dies eine erstaunliche Gleichberechtigung." Als Pendant zu dieser Aueßerung von der erstaunlichen Gleichberechtigung soll folgende Mittheilung dienen, die Rechtsanwalt Placzek in der „Posener Zeitung" erzählt: „Zur Zeit sind in der Stadt Posen zahlreiche Ausweisungen zu verzeichnen, welche sich gegen ganz unbescholtene junge Leute aus Oesterreich, England und Posen richten, nur allein, weil sie jüdischen Glaubens sind. Anfangs vorigen Jahres sei es gelungen, einigen mit der Ausweisung bedrohten Familien die Genehmigung zum Aufenthalt in Pose» auszuwirken. Jetzt wird aber wieder mit größter Strenge gegen harmlose junge Leute mit Ausweisungen vorgegangen, obwohl sie sich nicht die geringste, sei es sittliche, sei es politische, Verfehlung haben zu Schulden kommen lassen. Ein junger Mann zum Beispiel ist in seinem 10. Lebensjahre aus England zu Verwandten in der Provinz gekommen, hat die Volksschule bis zum 14. Lebensjahre besucht, ist dann in die Lehre getreten und in einem kaufmännischen Geschäft thätig gewesen, bis er sich zur Ableistung des Militärdienstes meldete. Erst bei dieser Gelegenheit wurde festgcstellt, daß er Engländer sei und deshalb seiner Wehrpflicht hier nicht genüge» könne; er war daun weiter mehrere Jahre in Posen bei gutem Gehalt als Reisender thätig, bis er jetzt vor einigen Wochen die Aufforderung erhielt. Posen innerhalb drei Monaten zu verlassen. Vergeblich wurde darauf hingewiesen, daß der junge Mann, der sich tadellos geführt hat, doch säst sein ganzes Leben in Deutschland zugebracht hat; die Ausweisung wurde ausrecht erhalten. Fälle, in denen Kinder von 14 und 15 Jahren, welche in kaufmännische Geschäfte als Lehrlinge eingetreten waren, ausgewiesen wurden, weil sie jüdische Ausländer seien, könne», meint der genannte Rechtsanwalt, mehrfach genannt werden." Nun kommt aber das Beste: „Durch die Presse läuft die Mittheiluug, daß ein in diesen Tagen gleichzeitig in Wie» und Leipzig im Kommissionsverlag von I. Eisen-