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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-11-07 · Heft 45 (7.11.1902) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 45 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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66. Jahrgang. Nr. 45. Allgemeine Berlin, 7. November 1902 eitung öes Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements Preis.- Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. Redacteurr Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner D* Ludwig PHMppson-Lonn. Vertags-GrpeLition: Lerlin, Lerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse- Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin I 8VV., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. I Leitartikel: Heinrich Nickert. — Die Woche. — Eine Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Iudenthums. — Jüdische Oberlehrer an den höheren Lehranstalten Preußens. — Karl Gutzkows Börne- Biographie. Bon Dr. Heinrich Hub. Houben. II. — Feuilleton: S. Cohn L Sohn. Erzählung von I. Zangwill. VI. — Aus Biarritz. Von L. Levi-Stuttgart. — Litterarische Mittheilurrge,,. — Sprechfaul. Der Gemeindebote. Korrefpondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus der Provinz Posen, Breslau, Zabrze, Hannover, Hörde, Oberstem. Trier, Hanau, Mainz, Karlsruhe, Wien, Paris. — Don Rah und Fern. Heinrich Nickert. Berlin, 4. November. ie letzten Wochen haben in den Reihen der christlichen Vertheidiger und Freunde des Judenthums unersetzliche, gewaltige Lücken gerissen. Rudols Virchow ist gestorben, Emile Zola und nun auch Heinrich Nickert, der mit nie versagendem Eifer und heiliger Begeisterung seit Jahrzehnten für die jüdische Sache, gegen den Antisemitismus gekämpft hat. In ihm verliert das Judenthum seinen besten und wärmsten Mitstreiter, einen Menschen, der mit einem seinen, fruchtbaren Geiste eine starke Kampfnatur verband, der aus den meisten Kämpfen im Parlament deshalb immer siegreich hervorgehen mußte, weil er nie die Ruhe und Besonnenheit verlor — im glücklichsten Gegensatz zu den meisten antisemitischen Hetzern. Noch nicht siebzig Jahre alt, ist Heinrich Nickert gestern Morgen einem Leiden erlegen, das ihn schon seit längerer Zeit quälte. Mit seinem Tode ist das deutsche Parlament um eine hervorragende Persönlichkeit ärmer geworden, um einen auch von seinen Gegnern stets geachteten, geschickten und gewandten Debatter, der seit dem Jahre 1870 im Abgeordnetenhause, seit 1874 im Reichstage immer überzeugt und überzeugend für den wirklichen Liberalismus eingetreten ist. Als die nationalliberale Partei, deren Geschäftsführer im Centralausschuß er mehrere Jahre war, sich in allzu starken Schwankungen gefiel, schied er 1880 aus und schloß sich den Deutsch-Freisinnigen an, um endlich 1893 der Führer einer! eigenen Partei zu werden, der Freisinnigen Vereinigung, als > eigensinniger Terrorismus innerhalb der Fraktion zu der Spaltung der Liberalen führte.! Still, aber unermüdlich thätig ging er auf sein Ziel zu,! und seine beharrliche Ausdauer ließ es ihn auch immer erreichen. Nur in einer Frage konnte ihn eine gerechtvolle Empörung stärker fortreißen, als es sonst der Fall war, wenn er das Judenthum gegen tückische und schniachpolle Angriffe vertheidigen mußte. Er kleidete seinen gerechten Zorn in wirksame, starke Worte, und so kam es, daß er seine besten Reden gegen die Ahlwardt, Stöcker und Liebermann von Sonnenberg gehalten hat, daß er andererseits wieder in diesem Kampfe eine Institution geschaffen, die die jüdische Abwehrbewegnng konzentriren und in ihrer Wirkung erhöhen sollte. In Verbindung mit Rudolf v. Gneist begründete Heinrich Nickert im Jahre 1890 den so segensreich thätigen „Verein zur Abwehr des Antisemitismus", dessen Gründer meist Christen waren, dessen Mitglieder heute noch zum größten Theile aus den angesehensten Christen bestehen. Nickert, der'anfangs zweiter, nach Gneists Tode erster Vorsitzender war, hat den Verein ausgezeichnet organisirt und ihm zu nennenswerthen Erfolgen verholfen. Jeder Gegner des Antisemitismus, der nicht nur Worte wechseln, sondern auch Thaten sehen lassen will, ist heute noch auf das reichhaltige Material dieses Vereins als eine wichtige Unterstützung im Kampfe gegen die judenfeindlichen Wühlereien und Agitationen angewiesen. Und diesem großen Verdienste Rickerts wird in erster Reihe der aufrichtige Dank aller deutschen Juden gezollt, der ihm heute, da wir trauernd an der Bahre dieses allzeit rastlos thätigen Mannes stehen, noch für manche andere That dargebracht wird. Es ist selbstverständlich, daß ein Mann, der über dreißig Jahre dem Parlament angehört hat, sich mit allen einzelnen Unterfragen der einen großen Frage „Judenthum" beschäftigen mußte. Man braucht nur einmal die Reichstagsstenogramme der letzten zwölf Jahre durchzusehen, nnd man kann mit aller Gewißheit darauf rechnen, daß immer in derselben Sitzung, in der einer der antisemitischen Abgeordneten die stets wiederholten, abgedroschenen Phrasen nnd Lügen und Verleumdungen gegen das Judenthum mit dem bekannten tragisch-komischen Pathos vorbrachte, sich Heinrich Nickert erhob und antwortete. Nie zuvor hat sich ein Christ gefunden, der so lebensvoll das Jndenthum vertheidigte, überzeugter und begeisterter als mancher Jude! Daß Rickert selbst dadurch der Gegenstand der böswilligsten Angriffe werden mußte, war in der Lage der Sache begründet, und wer erinnert sich nicht noch jener albernen Ahlwardtffchen Lüge von dem Gehalt als „Direktor der Indens schutztruppe"? Wer aber nicht auch gleichzeitig der Antwort Rickerts, der sagte: „Ein Mensch wie Ahlwardt hat allerdings keinen Begriff davon, daß es Jemanden geben kann, der für Ideen aus Ueberzeugung eintritt, ohne gekauft zu sein." Mit diesen einfachen Worten hat Rickert damals mehr gethan, als einen Menschen wie Ahlwardt abzusertigen; er hat sein eigenes Leben charakterisirt. Wenn Heinrich Rickert sür eine Idee eingetreten ist, dann trieb ihn einzig und allein die Ueberzeugung. und wie zumeist immer die Idee groß und

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