Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 44 (31.10.1902)
- Date
- 1902-10-31
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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3 russischen Kaisers die Modelle von den Originalen (welche früher Eigenthum der Stadt Nürnberg waren) abgeformt worden waren, übernehmen wollen, und heute schon sind wir in der Lage, den Brunnen zu enthüllen. Der Traum Vieler ist erfüllt, und tief gefühlt ist der Dank, den heute Alle dem edlen Stifterpaar darbringen. das sich schon so oft um unsere Stadt verdient gemacht, und das mit dieser That seinen Namen für immer mit der Geschichte der Stadt Nürnberg verknüpft hat." Znm Schluß der Feier überreichte der Staatsminister des Innern. Freiherr von Feilitzsch, dem Herrn Kommerzienrath Gerngros das ihm von Sr. königlichen Hoheit dem Prinzregenten verliehene Ritterkreuz des Verdienstordens der bayerischen Krolle, eine Auszeichnung, mit welcher bekanntlich der persönliche Adel verbunden ist. Unseres Wissens ist Herr Gerngros der erste Jude in Nürnberg, dem der Adel verliehen wurde. Gelobt sei der Ewige, der die Zeiten ändert! Bis zum Jahre 1848 hielt Nürnberg seine Thore unseren Glaubensgenossen verschlossen. Wie jüngst in dieser Zeitschrift bemerkt, wurde in genanntem Jahre — als Erstem — dem „redlichen und rechtlichen" Juden Kohn, der sich in der Folge als außerordentlicher Wohlthäter der Stadt erwies, der Zugang gestattet. Heute ist Nürnberg der Sitz einer der ersten jüdischen Gemeinden des Deutschen Reiches. Die Stadt Nürnberg hat es nicht zu bereuen, daß sie auch unsere Glaubensgenossen in ihre Mauern ausgenommen hat. Denn wenn Nürnberg heute zu den ersten Handels- und Industriestädten des Reichs zählt, so sind seine jüdischen Mitbürger sicherlich an diesem Aufschwungs hervorragend betheiligt. Nürnberg gehört, was rühmend hervorgehobeu werden muß, zu den nicht gerade zahlreichen Städten, in welchen das Gift der antisemitischen Bewegung an dem gesunden und Praktischen Sinn der aufgeklärten Bevölkerung das wirksamste Gegengift gefunden hat. Speyer, 26. Oktober. Lallt Verfüg ung der hiesigen königlichen Regierung vom 3. Oktober d. I. ist auch in diesem Jahre Herr Bezirksrabbiner Dr. Landsberg aus Kaiserslautern zum Mitglied der unter dem Vorsitze des königlichen Regierungsraths Conrad gebildeten Kommission für die diesjährige Anstellungsprüfnng der Schuldienerexpektanten ernannt worden. Zu diesem Zwecke wurden für die schriftliche Prüfung folgende Themata gestellt: a) aus der systematischen Religionslehre: „Die Messiasidee im Judenthum"; b) aus der Kirchengeschichte.' „Welche Bedeutung hat Moses Maimonides für die jüdische Geschichte und Wissenschaft"; e) aus dem Kirchendienste: „Der Gottesdienst am Laubhüttenfeste." — Die mündliche Prüsuilg in Gegenwart der festgesetzten Kommission erstreckte sich eingehend auf nachbiblische Geschichte, systematische Religionslehre und auf Bibelkunde. Oesterreich-Nngarn. HI Wien, 27. Oktober. Im A b ge o r d n e t e n h a u s e hat der Abgeordnete Breiter eine Interpellation eingebracht wegen der Antwort auf die amerikanische Note, betreffend die rumänischen Juden. Er fragt an, ob eine Antwort erfolgt sei und in welchem Sinne. Da kann man sich wieder auf hübsche Lärmszenen gefaßt machen. — Am 18. d. M. ist hier der rühmlichst bekannte hebräische Schriftsteller N. A. Brandes in: 52. Lebensjahre gestorben. Herr Braudes galt als einer der bedeutendsten hebräischen Schriftsteller und war ein geschätzter Mitarbeiter hebräischer Zeitungen. Ehre seinem Andenken! — In Troppau hatte sich vor einigen Tagen die bei dem Delikatessenhändler Leopold Adler in Jägerndorf als Dienstmädchen bedienstete Marie Hanel wegen Verbrechens des Betruges durch Ablegung einer falschen Zeugenaussage sowie wegen Verbreitung falscher beunruhigender Gerüchte zu verantworten. Marie Hanel hatte gegen ihren Dienstgeber vor mehreren Monaten die Beschuldigung erhoben, daß Adler ihr Nachts, während sie schlief, Blut abgezapft habe, und wies auch auf der Sohle ihres rechten Fußes mehrere Ritzwunden vor. Da damals die jüdischen Osterfeiertage bevorstanden, verbreitete sich in und außerhalb Jägerndorfs das Gerücht, daß an der Hanel ein Mordversuch zu rituellen Zwecken verübt worden sei. Seitens der Staatsanwaltschaft Troppau wurden sofort umfassende Erhebungen eingeleitet, das Mädchen sofort seitens der Jägerndorfer Gerichtsärzte als auch seitens der Gerichtsärzte in Troppau und des Primarius des schlesischen Landesspitals Dr. Zinsmeister untersucht. Die Aerzte wiesen daraus hin, daß die Ritzwunden auf der Sohle nur oberflächlich und gar nicht unter die Epidermis der Haut gedrungen seien, so daß die Vermuthung naheliege, daß sich die Hanel diese Verletzungen selbst beigebracht habe. Gegen Marie Hanel, die sich als Zeugin vor dem Untersuchungsrichter in Widersprüche verwickelt und eine nachweisbar falsche Zeugenaussage abgelegt hatte, wurde sodann die Anklage erhoben. Der Gerichtshof verurtheilte die Angeklagte zu einer Kerkerstrafe von vier Monaten. — In Budapest ist der akademische Maler Moriz Adler nach langem Leiden im Alter von 77 Jahren gestorben. Adler, der sich in weiten Kreisen aufrichtiger Sympathien erfreute, hatte seine Studien in München und Paris gemacht und war als Maler von Ruf in seine Heimath zurückgekehrt. Namentlich als Porträtmaler genoß er Renommee. Mehrere seiner Gemälde befinden sich in der Bildergallerie des ungarischen Nationalmuseums. — Eine Million Kronen spendete der Baron Nathaniel Rothschild für die allgemeine Poliklinik hier. — Ueber einen erschütternden Vorfall berichtet man ans Brody: Die Bevölkerung an der russischen Grenze nahe unserer Stadt ist durch ein trauriges Ereigniß in Aufregung versetzt. Was sich da Antrag, erinnert an die düstere Romantik eines Werkes wie Tenuyson's „Enoch Aden". Ein Auswanderer kehrt nach langjähriger Abwesenheit, vo»l den Seinen heiß herbeigesehnt, zu seiner Familie zurück. Schon war das Ziel nahe und das Wiedersehen stand endlich bevor. Eine halbe Stunde Weges trennte den Heimkehrenden von der in Freude harrenden Familie. Es war Versöhnungstag, der Vater und die Seinen, einfache, fromme Leute, hofften, dieses Fest nach so langer Zeit wieder in gemeinsamem Gebet begehen zu können. Als der Heimkehrende die russische Grenze passiren wollte, wurde er von Kosaken erblickt. Ein kurzer Wortwechsel, die Kosaken gaben Feuer, und im nächsten Augenblick lag der arme Wanderer als Leiche auf dem Boden. . . . Ein Mann, der ihn begleitete, ringt, schwer verletzt, mit dem Tode. Frankreich. f. Paris, 26. Oktober. Die Beerdigung des Privatiers David Hadamard, der als Schwiegervater des Kapitän Dreyfus in den letzten Jahren seines Lebens eine berühmte Persönlichkeit geworden ist, fand unter großer Betheiligung am 19. d. M. auf dem Montmartre statt. Die Antisemiten waren so gemein, diesen Trauerfall in der Familie Dreyfus zu feindseligen Demonstrationen ausbeuten zu wollen, da sie annahmen, «daß der verhaßte Kapitän sich doch hinter dem Sarge seines Schwiegervaters öffentlich zeigen werde. Der Polizeipräfekt von Paris sah sich daher genöthigt, um einen großen Skandal und eine eventuelle Leichenschändung von Seiten der zu allem sähigeil Antisemiten zu vermeiden, anzuordnen, daß der Kondukt nicht von der in der Nue de Chateaudun gelegenen Wohnung des Verstorbenen, sondern vom Leichenhause des Montmartre stattfinde. Dort versammelten sich mehrere Tausend Personen jüdischen und christlichen Glaubens, um dem Manne, dem es nicht beschieden war, die endgiltige Rehabilitirung seines armen Schwiegersohnes zu erleben, die letzte Ehre zu erweisen. Die Leichenrede hielt der Grandrabbin Zadoc Kahn, der Freund des Hauses Hadamard. „Der Verstorbene," so führte Redner aus, „verzweifelte trotz allem nicht an der Macht und der Größe seines Vaterlandes und, wie ein durch seinen Muth wie durch sein Talent gleich hervorragender Schriftsteller ganz vor kurzem gesagt hat, er wußte, daß Kultur und Wahrheit in Frankreich immer das letzte Wort behalten. Gott hat ihn erleben lassen zu sehen, wie der größte Theil seiner Hoffnungen sich verwirklicht hat. Er hat Denjenigen wiederkehren sehen dürfen, auf den unsere Blicke und unsere ängstliche Sorge gerichtet waren. Er durfte die Wiederaufrichtnng des schönen Familienherds erleben, den ein Gewitter eine Zeit lang zu zerstören drohte. Er nahm die Gewißheit ins Grab mit, daß unser Gebet einst in Erfüllung gehen wird, und Recht und Gerechtigkeit noch wie die strahlende Sonne leuchten werden." — Eine Umfrage über die Trennung von Kirche und Staat ist auch zu den Häuptern des französischen Judenthums gelangt. Großrabbiner Zadoc Kahn hielt mit seiner Meinung zurück. Er gab nur zu verstehen. daß die Juden auf die 200 000 Fr., die sie gegenwärtig aus dem Kultusbudget erhalten, keinen besonderen Werth legen. Der Pariser Oberrabbiner Dreh fuß war weniger ängstlich und erklärte, die jüdischen Gemeinden hätten keinen Grund, die^volle Glaubensfreiheit zu fürchten. Amerika. Philadelphia, im Oktober. Viele Ihrer Leser werden sich erinnern, vor einigen Monaten in den Zeitungen gelesen zu haben, daß ein amerikanischer Gelehrter, Professor Angelo Heilprin, nach