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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-10-31 · Heft 44 (31.10.1902) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 44 (31.10.1902)
Date
1902-10-31
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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66. Jahrgang. Nr. 44 Gerlin, 31. Oktober 1902 Der Gemeindrbote. Vertage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. §2 Berlin, 27. Oktober. Das Komitee für Chanukah-Besche erring erläßt den folgenden beherzigenswerthen Aufruf: Die bevorstehende rauhe Jahreszeit mahnt uns aufs Neue all die Bedürftigkeit der großen Schaar jüdischer Kinder, welche die Kominunalschule besuchen. Wie alljährlich, so wenden wir uns auch diesmal an die bewährte Milothätigkeit unserer Glaubensgenossen mit der herzlichen Bitte, uns durch Spenden für die Chanukah-Bescheerung zu unterstützen. Es gilt mit diesen Gaben nicht nur dem äußeren Mangel zu steuern, sondern in die jugendlichen Seelen lebensfrohes Vertrauen zu pflanzen, und in den Kinderherzen hoffnungsvolle Gefühle für die Zukunft zu erwecken. Es sind im vorigen Jahre nach vollständiger Prüfung jedes einzelnen Gesuchs 1197 Kinder mit Stiefeln, Kleidungsstücken, Wäsche und Lehrmitteln versehen worden; hierbei sind wir bestrebt gewesen, in den Kindern den Sinn für Ordnung und Sauberkeit zu wecken und ihren Fleiß anzuspornen. So haben auch die armen Eltern in ihrer schweren Sorge um die häuslichen Bedürfnisse eine wohlthuende Entlastung erfahren. Wir geben uns deshalb der Hoffnung hin, daß unsere Bitte wiederum von Erfolg begleitet sein werde. Jede der Unterzeichneten nimmt Beiträge an Geld, Stoffen, Jugendschristen oder dergleichen mit Dank entgegen und ertheilt gern nähere Auskunft. Das Komitee besteht aus den folgenden Damen: Frau Julie Neumann. Vorsitzende, Frau Marcus Adler, Frau Max Benjamin, Frau Julius Boehm, Frau Geheime Sanitätsrath Flatow, Frau Dr. Frankl, Frau Leopold Friedmann. Frau Dr. Ginsberg, Frau Dr. Grabower, Frau Anna Jtzig, Frau Professor Dr. F. Liebermann, Frau Sanitätsrath Dr. Mühsam, Frau Louise Oliven, Frau Louis Oppenheim. Frau Helene Schönwald, Frau Emma Sieskind, Frau Sanitätsrath Dr. Stern, Frau Dr. Ungerleider, Frau Dr. O. Wiesenthal. u. Berlin, 22. Oktober. Der „Akademische Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" begeht im kommenden Semester die Feier seines 20 jährigen Bestehens. Der Verein bezweckt die Verbreitung der Kenntniß der jüdischen Wissenschaft in akademischen Kreisen und die Pflege der Geselligkeit unter seinen Mitgliedern. In der Antrittskneipe, die am Dienstag, den 28. Oktober im Vereinslokale (Linienstraße 96) stattfindet, wird Herr Dr. Kellermann über „Parsismus und Judenthum" sprechen. Beginn: 9 Uhr. Alle Kommilitonen sind herzlich willkommen. s. Berlin, 27. Oktober. Gestern Mittag verschied hier nach nur dreitägigem Kranksein im 86. Lebensjahr der langjährige Kastellan der Neuen Synagoge Herr Albert Litt au er. Am 8ebnnui ^reres überfiel ihn während des Dienstes ein heftiges Unwohlsein, von dem er sich nicht wieder erholt hat. Vor Antritt seines letzten Amtes war er fünfzehn Jahre hindurch ein Mitglied des Chors der alten Synagoge unter der bewährten Leitung Lewandowskis. Anfang des Jahres 1866 trat er das Amt des Kastellans an und war als dieser eine der markantesten Persönlichkeiten in unserer Gemeinde. Seine Bonhomie machte sich besonders geltend, wenn er den Kiddusch-Becher brachte und jedem der Kinder — so lang es noch erlaubt war — einen Trunk verabreichte. Den Synagogenvorstehern war L. der zuverlässigste Kastellan. Er kannte alle alten Besucher der Synagoge und wußte eines Jeden Platz mit großer Sicherheit anzugeben. Alljährlich am Neujahr vertheilte er wohl Hunderte von Tabellen, auf denen genau der Beginn der Sabbath- und Festtagsgottesdienste vorzeichnet war. Ihm wurde die Ehre zu Theil, die die Synagoge besuchenden Fürstlichkeiten herumführen zu dürfen. So geleitete er den alten Kaiser Wilhelm, der ein Synagogenkonzert mit seiner Anwesenheit beehrte, Kaiser Friedrich, den Fürsten Bismarck und unseren jetzigen Kaiser, der als Prinz ebenfalls einem Synagogenkonzert beiwohnte. Am 4. April 1877 führte er den Kaiser Dom Pedro von Brasilien in der Synagoge herum, und als kostbares Andenken hieran hatte er das Glas aufgehoben, aus dem der Kaiser beim Verlassen der Synagoge getrunken hatte, wobei ihm gleichzeitig auf seinen Wunsch Salz und Brod gereicht worden war. Mit rührender Sorgfalt hat der Verstorbene alle jene Daten ausgezeichnet, und mit schmerzlichem Bedauern hat die Familie diese Tabelle eingebüßt. Nun hat ihn der Tod hinweggerrissen, nachdem er 36 Jahre ununterbrochen sein Amt in Würde und in Begeisterung, im Gotteshause wirken zu dürfen, erfüllt hat. Noch lange werden die Besucher der Neuen Synagoge sein Bild vor Augen haben und des freundlichen Kastellans gedenken. --- Berlin, 28. Oktober. DerBrandenburgischenProvinzialsynodeberichtete Superintendent Krückeberg über die Thätigkeit der „Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Juden". Die Gesellschaft hat während der letzten drei Jahre von fünf Stationen aus ihre Arbeit betrieben: Berlin, Posen, Wien, Czernowitz und Stanislau. In ihren Diensten stehen z. Z. zwei Misstousprediger, zwei Laienmissionare und ein Hilfsarbeiter. Für die missionarische Arbeit in der Heimath gelte noch immer die alte Erfahrung, daß sich zu unmittelbarer Verkündigung des Evangeliums an die Juden nur in beschränktem Maße Gelegenheit darbietet! Insbesondere sei es überaus schwierig, an die jüdischen Massen heranzukommen! Nur bei einer Gelegenheit sei es möglich, einer größeren Anzahl von Juden gleichzeitig das Evangelium näher zu bringen: alljährlich am großen Versöhnungstage führe evangelische Verkündigung in dem Saale der Brüdergemeinde eine von Jahr zu Jahr wachsende jüdische Hörerschaft zusammen.(?) Die Gesellschaft habe ein Preisausschreiben veranstaltet zur Beantwortung des Themas: „Judenthum, Christenthum, Weltreligion". Es sollte einerseits untersucht werden, ob dem Anspruch des Juderithums, Träger einer der christlichen überlegenen Kultur und Religiosität zu sein, Berechtigung zukomme, andererseits dargethan Werder,, daß das Christenthum alle Erfordernisse für eine voll genügende Geistes- und Herzensbildung in hervorragendem Maße in sich vereint, und daß ihn: das Judenthum in keiner Gestalt den Rang als Weltreligion streitig machen kann. Die Gesellschaft hat das Grundstück Kastanienallee 22 zur Errichtung eines Missionshauses erworben. Die Zahl der durch die Gesellschaft Getauften hat der Redner wohlweislich nicht erwähnt. Nach kurzer Debatte beschloß die Synode u. a.: an die Generalsynode die Bitte zu richten, vom Evangelischen Oberkirchenrath eine allgemeine Verordnung zu erwirken, dahin gehend, daß die Geistlichen der Landeskirche über jede Pro selyten-Taufe an das Provinz- Konsistorium Bericht zu erstatten und dabei anzugeben haben, in welcher Weise die Vorbereitung zur Taufe stattgefnnden hat. 6. Frankfurt a. O., 13. Oktober. Das fünfzigjährige Bürger' jubiläum beging gestern der Holzbildhauer Hermann Sterling, auch Hirsch-Layser genannt. Der Magistrat übersandte dem Jubilar ein Glückwunschschreiben, während ihm Kommerzienrath Mende die Glückwünsche der Stadtverordnetenversammlung übermittelte. Herr Sterling ist der letzte Bürgerjubilar unserer Stadt, da mit ihm die Reihe derjenigen noch lebenden Personen schließt, die seinerzeit (1853) in die hiesige Bürgerrolle eingetragen worden sind. Sterling ist frommer Jude. Er übt seinen Beruf nicht mehr aus, nur hier und da nimmt er noch einmal den Hobel zur Hand und fertigt Gegenstände für die jüdische Gemeinde — gratuito — so eine Tafel im Vorranm der Synagoge, auf welcher die Gebetszeilen verzeichnet werden sollen, einen Orann Im-Loässvll für den Betsaal, die Kanzel, für die Leichenhalle rc. Sein Sohn ist Leiter der Filiale der Deutschen Bank in Bukarest. Der 77 jährige Mann erfreut sich großer Rüstigkeit und kommt regelmäßig zum Gottesdienst in die Synagoge. Eine Ehrengabe, die ihm die Stadt Frankfurt anläßlich seines 50 jährigen Bürgerjubiläums übersandte, wies er zurück und bestimmte sie für wohlthätige Zwecke. r. Danzig, 21. Oktober. Nach den Feiertagen verläßt Herr Kantor Kalischer unsere Gemeinde, in der er neun Jahre hindurch

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